Im Rahmen der Samuel Fischer-Gastprofessur für Literatur werden in diesem Sommersemester Daniel Kehlmann und Adam Thirlwell den Berliner Studenten die Möglichkeit geben, in einem experimentellen Umfeld ihr Literaturverständnis gemeinsam neu zu ordnen.
Nicht immer muss man lange im Vorlesungsverzeichnis suchen, um Perlen wie diese ausfindig zu machen. Manchmal genügt es, lediglich die Namen der Dozenten zu überfliegen und der Blick gerät ins Stocken. Zwei der wohl meist besprochenen Gegenwartsautoren veranstalten in den kommenden Wochen an der FU Berlin ein Seminar, in dem sie nichts weniger im Sinn zu haben scheinen, als der fortschreitenden Vereinsamung und Selbstgenügsamkeit des Kulturbetriebs entgegenzutreten.
Unter dem Titel „Tentative Experiment to Form a Literary Collective“ kündigen Kehlmann und Thirlwell an, mit Studenten nicht nur die verschiedenen Konzepte und Produktionen künstlerischer Kollektive zu analysieren, sondern ebenso den Versuch zu unternehmen, selbst ein derartiges Kollektiv zu erarbeiten.
Die Konstellation der Dozenten verspricht dabei spannend zu werden: Kehlmann hat sich neben seinen eigenen Arbeiten seit Jahren stets auch zu Film, Kunst und Theater geäußert und arbeitet gerade selbst an der Verfilmung seines Romans Die Vermessung der Welt mit (Boje Buck Filmproduktion). Thirlwell, der bereits vor dem Erscheinen seines ersten Romans Politics (2003) in England auf der Granta list of best British novelists under 40 stand, gilt auch nach seinem zweiten Roman The Escape (2008) als Jungstar der britischen Literaturszene, die sich wiederum erwartungsgemäß gespaltet gibt (siehe hier, hier und hier).
Wem der normale Seminarbetrieb in Form von Frontalunterricht und beklemmenden Pausen in den Diskussionen zu wenig ist, der kann sich also auf dieses Experiment einlassen und als Vorbereitung schon einmal die kürzlich veröffentlichte Literatur- und Filmliste durcharbeiten. Hierauf findet sich vom Dogma 95-Manifest, den Simpsons und Fassbinders Berlin Alexanderplatz-Verfilmung über Kafka und Joyce bis hin zu Kierkegaard, Baudelaire und Deleuze so ziemlich alles, was man in diesem Zusammenhang beachten könnte. Dass man zum Bewältigen dieser Liste ein eigenes Kollektiv bräuchte, sollte man vielleicht eher als ironisches Augenzwinkern verstehen.
Bleibt nur noch zu hoffen, dass sich an der FU ein Raum findet, der groß genug ist, um den zu erwartenden Studenten-Ansturm auffangen zu können.
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