Bar. Bier. Buch. Bild. Eine Lesung zur 5. Ausgabe der Literaturzeitschrift randnummer

man kann/ Gedichte machen und man kann/ ganz andere Dinge machen“ (Walter Höllerer). Am Sonntag, den 25. November 2012, fand im Laidak in Neukölln die Vorstellung der fünften Ausgabe der Literaturzeitschrift randnummer statt. Ein Bericht darüber, was passiert ist und was hätte passieren können.

Aktuelle Ausgabe der randnummerEs ist Sonntagabend. Das Laidak, eine Eckkneipe in der Neuköllner Boddinstraße, ist gut besucht. Die Menschen sitzen in kleinen Grüppchen an Tischen, im Raucherraum und an der Bar. Bier wird ausgeschenkt, die Ventilatoren an der Decke rotieren und die Luft ist erfüllt von Gesprächen und leiser Jazzmusik. Ein ganz normaler Eckkneipensonntagabend könnte der oder die unbedarft Vorbeispazierende meinen, doch das täuscht! Im vorderen Kneipenbereich ist ein Rednerpult aufgebaut, daneben läuft ein Beamer, der auf eine Leinwand gerichtet ist und auf einem Tisch neben der Eingangstür liegen Zeitschriften aus: Wir befinden uns bei der Releaselesung zur fünften Ausgabe der Zeitschrift randnummer, die auf der Homepage als „ein Magazin für Gegenwartsliteratur […], für Texte, die ihren Blick nach außen richten“ beschrieben wird.

Im Inneren des Büchleins, das seit September käuflich zu erwerben ist, findet man neben einigen Essays vor allem Lyrik. Von Prosa-, über Laut- und Bildgedichte ist alles vorhanden, was das lyrikaffine Herz begehrt. Das selbsternannte Highlight der Ausgabe sind bisher unveröffentlichte Gedichte von Walter Höllerer (1922-2003, Literaturwissenschaftler, Autor, LCB-Gründer u.a.), die Tom Bresemann im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg entdeckt hat. Dass ein offensichtlich nicht zeitgenössischer Autor im Heft vertreten ist, erklärt die Herausgeberin Simone Kornappel, die auch durch den Abend führt, mit dem progressiven Schreibstil Höllerers, welchen sie als durchaus zeitgemäß empfindet. Zur Veranschaulichung zitiert Kornappel aus Höllerers Gedicht Gesichtsfeld: „abdemonstriert the heart/ is sometimes strangely united/ with a confusion of Nasenschmerzen“.

Das abendliche Programm sieht kurze Lesungen verschiedener, im Magazin vertretener Autoren vor. Den Anfang macht Konstantin Ames, der mit Wortspielen wie „Restaurator – Resteautor“ oder „Maus au Chocolat“ die Lacher auf seiner Seite weiß. Daran anschließend liest Bresemann die von ihm entdeckten Gedichte Höllerers sowie weitere aus dem Band „Systeme“. Die Gedichte zeichnen sich durch eindringliche Wiederholungen ganzer Sätze und Satzteile aus, die sich im Hirn des Zuhörers verkeilen. Leider verpufft das lyrische Vortragpotential ungenützt durch Bresemanns betont ausdruckslos-gelangweilten Vortragsstil, was auch prompt Unwillensbekundungen im Publikum auslöst.

Tom Bresemann im Laidak (Foto: Sarah Vetter)

Als nächstes trägt Katharina Schultens ihre Alltags- und Krisengedichte in Prosa vor: „es gehe darum das ausmaß des interesses/ zu verschleiern. ich lese daraus: einen nebel/ breiten um den preis. wären das also pools an deren grund es glänzt? haben sich dahin die bugs verkrochen die wir immer suchen.“ Überhaupt scheinen Anglizismen und englische Entlehnungen den roten Faden zu bilden, welcher die meisten der vorgetragenen Gedichte verbindet. Was bei Höllerer noch frisch, flapsig und für seine Zeit innovativ erscheint, mag jedoch bei einigen der zeitgenössischen Autoren nicht so recht gelingen. Bestes Beispiel dafür ist Tibor Schneider (der nicht im aktuellen Heft vertreten ist), dessen lyrische Ergüsse so vollkommen denglisch verklebt sind, dass es mir bald unmöglich wird ihm weiterhin aufmerksam zu folgen. Es folgt Norbert Lange, der in Schwitterscher Merz-Tradition1 Ton und Form über den Inhalt stellt, damit den Zuschauer von der Qual des Verstehen-Wollens befreit und die Aufmerksamkeit auf die Lautstruktur von Sprache lenkt (Erste Dummkopfelegie). Danach Mara Genschel, in deren Gedichte die Auslassung einen höheren Stellenwert zugeschrieben bekommt als das Wort, und Richard Duraj, der mit seinem klaren, einprägsamen Vortragsstil hervorsticht. Den Abschluss macht Ann Cotton per Videobotschaft. Der wackelig gefilmte Vortrag auf einem Hügel in Japan ist eigentlich eine charmante Idee – hätte er nur einige Minuten gedauert. Der viertelstündige Vortrag in schlechter Soundqualität strapaziert die Geduld des Publikums hingegen gehörig.

Doch trotz der ausufernden Länge und unmöglich zu ignorierenden Tonproblemen hat der Abend einen guten Ein- bzw. Ausblick auf die neueste Ausgabe der randnummer gegeben. Auch das Laidak mit seinem Motto „Bar. Bier. Buch. Bild.“ stellt einen angenehmen Rahmen für solcherlei Veranstaltungen. Für zukünftige Lyriklesungen würde ich mir jedoch von den Autoren wünschen, dass sie die Experimentierfreude, die sich in ihren Werken niederschlägt, auch dem Vortrag ihrer Gedichte zu Gute kommen lassen würden.

Wer also ein liebevoll editiertes Magazin zu schätzen weiß und sich einen Überblick über die aktuelle Lyriklandschaft verschaffen will, dem sei durchaus ans Herz gelegt sich und anderen diese Literaturzeitschrift als (Vor-)Weihnachtsgeschenk zu gönnen.

Weiter Informationen:

http://www.randnummer.org/

http://laidak.net/

1 Beispielsweise Kurt Schwitters: Anna Blume und andere. Ostfildern 1998.

 

Foto unten: Tom Bresemann im Laidak (Foto: Sarah Vetter)

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Anna Seibt

aka Anna Blume, ist großer Fan von Kunst, die was vom Leben versteht.

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