Crumbs – Krümel, die die Welt bedeuten

Seit 2009 werden jährlich mehr als 10.000 neue Bücher ins Deutsche übersetzt. Eine beachtliche Zahl. Trotzdem gibt es noch immer prägende Literatur, die es nicht in das Blickfeld der deutschen Verlagsscouts geschafft hat. Bestes Beispiel: Crumbs von Miha Mazzini. Der schottische Verlag Freight Books hat den slowenischen Klassiker dieses Jahr in englischer Übersetzung neu aufgelegt.

© Freight Books
© Freight Books

Drobtinice, das Erstlingswerk Mazzinis, erschien 1987 in slowenischer Sprache im damaligen Jugoslawien und wurde sowohl von regierungsnahen und -fernen Zeitungen mit Preisen geehrt. Nebenbei verkaufte es sich 54.000 Mal – das meistgekaufte Buch Jugoslawiens. Der Erfolg der Krümel, so die wörtliche deutsche Übersetzung des Titels, läutete die produktive Karriere Mazzinis ein. Seitdem hat er 28 Bücher geschrieben und ist auch als Drehbuchautor und Regisseur anerkannt.

Auf Englisch wurde Drobtinice  erstmals 2004 von der Scala House Press in Amerika veröffentlicht. Unter dem gänzlich abgewandelten Titel The Cartier Project kam es prompt unter die Top 10 Books of the Year 2005 der Detroit Free Press. Danach wurde es wieder still um das Buch. Aber Totgeglaubte kommen gerne wieder und so überwand Drobtinice zum zweiten Mal den Atlantik. Im Frühjahr 2014 brachte der kleine schottische Verlag Freight Books das Buch, das in Slowenien schon lange als Klassiker der modernen europäischen Literatur gilt, neu im Paperbackformat auf den britischen Markt. Der Titel geht zurück auf das Original: Crumbs, Krümel.

Dass Drobtinice in seinem damals streng sozialistisch geprägten Heimatland überhaupt so großen Anklang fand, ist verwunderlich. Denn dieses Buch hält einiges an Zoten bereit. Es wird gesoffen, geschlagen und rumgemacht. Verantwortlich dafür ist Egon, der Hauptcharakter, welcher in seiner Art Charles Bukowskis literarischem Alter Ego Henry Chinaski in Nichts nachsteht. Die Nähe Mazzinis zum enfant terrible der literarischen 68er Generation wird aber noch an anderer Stelle sichtbar. Auch die satirische, lakonische Sprache, in der Drobtinice geschrieben ist, zeigt, wessen Geist dem Autor Pate stand. Es allein auf eine Kopie bukowskischer Erzählkunst zu reduzieren, wird dem Buch aber nicht gerecht. Denn hinter der derben Komik des Textes offenbart sich ein Konflikt zwischen Individualität und Konformität, der unter anderen Vorzeichen auch heute noch präsent ist.

Aus der Ich-Perspektive des abgetakelten Schriftstellers Egon verfolgt der Leser, wie dieser in einer monoton geformten, industriellen Kleinstadt nahe der italienischen Grenze versucht, über die Runden zu kommen. Viel braucht er dafür nicht: Alkohol, etwas Festes zwischen die Zähne, Zigaretten, Frauen und Cartier pour L’Homme – sein heißgeliebtes Luxusrasierwasser. Um diesen Lebensstandard zu halten, pöbelt, manipuliert und, wenn zu seinem Nutzen, hilft Egon auch den Menschen in seinem Umfeld. Seinem Helden stellt Mazzini dafür einen bunten Haufen skurriler Figuren an die Seite. Das daraus hervorgehende Zusammenspiel ist eine der Säulen, welche die Faszination des Buches trägt.

Da gibt es beispielsweise den Fabrikarbeiter Selim, der eine stille, dafür umso manischere Besessenheit  zu der deutschen Schauspielerin Nastassja Kinski pflegt. Oder sein Zimmergenosse Ibro, der sich kurzerhand über die Grenze stiehlt, nur um seiner Angebeteten in schlechter italienischen Mode den Hof machen zu können. Die hingegen ist längst Egon verfallen. Diesen, so wie den vielen anderen Figuren ist gemein, dass sie nach jenem streben, was für sie in ihrem Leben unmöglich zu erreichen scheint. Es ist ihr Ankerpunkt, an dem sie ihre Identität in dieser eintönigen Gesellschaft festmachen.

Geschickt verknüpft Mazzini die Phantasmen der Charaktere mit den Handlungen Egons, der dadurch selbst versucht an das Elixier seiner Identität, das Rasierwasser, zu gelangen. Doch hat eben alles seinen Preis. Was für Egon und seine Freunde zuerst in Win-win-Situationen zu münden scheint, entwickelt sich für manchen von ihnen zum Schlüssel, der die persönliche Büchse der Pandora öffnet. Je mehr sie sich ihren Traumschlössern hingeben, desto mehr entfernen sie sich aus der Welt, in der sie leben und verlieren sich in sich selbst. Dass diese Zerrissenheit einem mehr als nur den Verstand kosten kann, muss auch Egon am eigenen Leib erfahren.

Diese Divergenz ist das eigentliche Hauptmotiv der Geschichte, die auch sozialkritisch gelesen werden kann. Sie in Form burlesker Szenen und satirischer Sprache darzustellen ist die große Kunst Mazzinis. Diese in einer Zeit und Umgebung veröffentlicht zu haben, in der dieses Thema eine starke politische Spannung beherbergte, macht das Buch auch über den literarischen Kontext heraus zu einem wichtigen Stück europäischer Literatur. Was bleibt, ist allein die Hoffnung, dass sich auch hierzulande einen Verlag findet, der sich traut, diesen Klassiker ins Deutsche übersetzen zu lassen. Wer mehr als nur hoffen will, dem bleibt noch der Griff zum englischen Crumbs – oder er lernt slowenisch.

Miha Mazzini: Crumbs. Freight Books. Glasgow 2014. 241 Seiten. £8.99

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Marc Dieke

1987 in Hildesheim geboren. Studierte Ur- und Frühgeschichte und Alte Geschichte in Heidelberg. Seit 2013 ist er an der FU Berlin, wo er seinen Master in "Angewandter Literaturwissenschaft" macht.

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