Das zweite Lichtlein brennt – Weihnachtsempfehlungen #2

Das zweite Lichtlein brennt. Zeit für Teil zwei der Weihnachtsempfehlungen der Litaffin-Redaktion. In dieser Runde wird es auf drei unterschiedliche Arten berührend.

Zweiter Advent. Noch mitten in der Vorbereitung fürs große Fest? © Sofie Mörchen
Zweiter Advent. Noch mitten in der Vorbereitung fürs große Fest? © Sofie Mörchen

Sandra empfiehlt Loyalitäten von Delphine de Vigan. Erschienen bei DuMont.
Deplhine de Vigan, Loyalitäten (DuMont) © Sandra Kućmierczyk

Darum geht’s: Als Hélène bedenkliche Veränderungen an ihrem Schüler Théo auffallen, will niemand im Lehrerkollegium der jungen Frau glauben. Denn der 12-Jährige scheint ein ganz normaler Schüler zu sein: gute Noten, macht keine Probleme und fällt auch im Unterricht mit anderen Mitschüler*innen nicht weiter negativ auf. Doch Théo hat massive Probleme zu Hause. Seine Eltern leben in Scheidung und ruinieren mit ihrem Egoismus und Selbstmitleid nicht nur ihr eigenes Leben, sondern reiben auch ihren Sohn emotional und psychisch zwischen sich auf. Théo fühlt sich seinen Eltern trotz allem loyal verbunden und sucht Zuflucht im Trinken anstatt sich jemandem anzuvertrauen und somit seine Eltern zu verraten. Mathis ist ebenfalls Trennungskind und schweigt über das Verhalten seines einzigen und besten Freundes. Trotzdem wird er am Ende Théos einziger Rettungsanker sein und den entscheidenden Anruf bei Hélène tätigen.

Kaum ein anderes Buch hat dieses Jahr so einen Nachhall in mir hinterlassen und mich mehrere Tage nach dem Lesen noch begleitet. Man muss nicht selbst Trennungskind sein, um zu wissen, wie sehr man durch Loyalität und Liebe zu einem Menschen gehemmt werden kann und dadurch versucht, negative Dinge am anderen auszublenden. Delphine de Vigan gelingt es, glaubwürdig und plastisch aus der Sicht dieses jungen Teenagers zu berichten, dass man als Leser*in das Gefühl, Théo selbst zu begleiten. Eines der besten Bücher 2018!

Das perfekte Geschenk: Für alle Liebhaber*innen hervorragender Literatur, die längere Zeit im Gedächtnis und im Herzen bleibt.

Dazu passt: Dicke Umarmungen und ein Anruf bei Freunden und Familie!


Katharina empfiehlt: Die Jahre von Annie Ernaux, aus dem Französischen von Sonja Finck. Erschienen im Suhrkamp Verlag. 
Annie Ernaux, Die Jahre (Suhrkamp) © Katharina Korbach

 

Darum geht’s: Als „Ethnologin ihrer selbst“ bezeichnet sich Annie Ernaux, deren biografischer Roman Die Jahre zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung in Frankreich nun auch in deutscher Übersetzung erschienen ist. Ernaux entwirft darin ein Panorama der französischen Gesellschaft von den Fünfzigern bis in die Nullerjahre. Sie erzählt von sich selbst, ihrer zerrütteten Ehe, dem Schreiben, ihrer Mutterschaft, dem eigenen Altern, und verknüpft diese persönlichen Erlebnisse mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Es geht unter anderem um die Algerienkrise, de Gaulle, die Studenten- und Emanzipationsbewegung, Frankreich unter Mitterrand, die fortschreitende Technisierung. Indem Ernaux nie von sich selbst als „Ich“, sondern stets in der dritten Person schreibt, wird ihre subjektive Wahrnehmung universell. Anhand von fragmentarisch aneinandergereihten Erinnerungen, Fotografien und Aufzeichnungen verflicht die Autorin gekonnt Politisches mit Privatem. Der Wandel der Gesellschaft und seine Folgen für den Einzelnen werden für den Lesenden empathisch spürbar und machen Die Jahre zu einer auf vielen Ebenen bereichernden Lektüre.

Das perfekte Geschenk für: alle Frankophilen, die eine gute Geschichte lesen und dabei noch einiges über die französische Geschichte und Kultur dazulernen möchten.

Dazu passt: Bei einem Glas Rotwein alte Fotoalben durchblättern und in Erinnerungen schwelgen.


Leonie empfiehlt: Die Zugmaus von Uwe Timm, erschienen bei Diogenes.
Uwe Timm: Die Zugmaus. Diogenes 1981 © Leonie Hohmann.
Uwe Timm: Die Zugmaus. Diogenes 1981 © Leonie Hohmann.

Darum geht’s: Stefan ist eine gewöhnliche Hausmaus, Spitzname: Mausebiber. Als das alte Münchener Mehrfamilienhaus abgerissen wird, in dem seine Familie bislang gelebt hat, springt Stefan eines Tages in einen Zug, der ihn von Hamburg nach Köln führt. Ein Besuch im Schweizer Mäuseparadies, Basel, entpuppt sich als herbe Enttäuschung und so geht es für Stefan weiter nach Paris und England.

Wie groß aber war die Enttäschung, als wir die Paradiesstraße erreichten.

Als Stefan heimwehgeplagt nach München zurückkehrt, ist seine Familie fortgezogen. Doch die Mäuse finden zusammen und leben fortan in einem gemütlichen Haus auf dem Land.

Die Zugmaus ist ein Kinderbuch, das Generationen von Leser*innen von Heimat und Fernweh und der Sehnsucht nach dem Ursprünglichen erzählt hat.

Das perfekte Geschenk für: Weitgereiste, die jedes Jahr an den Feiertagen feststellen, dass es zu Hause immer noch am Schönsten ist.

Dazu passt: Vorlesezeit mit den kleinen Leser*innen im Familien- und Bekanntenkreis. Am besten mit Kuscheltierpublikum.

Hier geht es zu unseren weiteren adventlichen Buchtipps 2018:
Weihnachtsempfehlungen Teil 1
Weihnachtsempfehlungen Teil 2
Weihnachtsempfehlungen Teil 3
Weihnachtsempfehlungen Teil 4

 

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Leonie Hohmann

„Kein Feuer, keine Kohle, kann brennen so heiß als […]“das Herz der gebürtigen Essenerin (Jahrgang ’94) für Literatur, Theater, Tanz, Musik und Großstadtluft. Nach dem Grundstudium in Bochum ereilte sie der Ruf nach Berlin, wo sie seit 2017 Angewandte Literaturwissenschaft studiert.

[Zitat entnommen: Volkslied, anonym, 18.Jh.]

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