Die Theatermaschine lebt!

„Gießen? Was willst du denn dort?!“ So reagierten die meisten Hauptstädter – woher auch immer sie zugezogen waren – etwas überheblich auf meine Reisepläne. Aber zugegebenermaßen habe ich auch lange damit gehadert, das Exkursionsangebot zur Theatermaschine nach Gießen anzunehmen. Die Studierenden der Angewandten Theaterwissenschaft an der Justus-Liebig-Universiät feiern dort jedes Jahr ihre Werkschau in Form eines Theaterfestivals. Eingeladen werden Studierende verwandter Studiengänge. So waren dieses Jahr vom 1. bis 5. Juni unter anderem Berliner von der FU, HU und der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch vertreten, aber auch Theaterwissenschaftler aus Mainz und szenische Künstler aus Hildesheim.

Ein Fest mit jungen Leuten vom eigenen Fach zu feiern, ist mit Sicherheit eine gewinnbringende Methode, sich Feedback einzuholen – und eine sehr sympathische noch dazu. Aber sollte es sich für mich lohnen, nach Gießen zu fahren, um dann dort in der Fremde, irgendwo im naturbelassenen Amazonasgebiet Deutschlands, von Bühne zu Bühne zu tingeln? Untergebracht im „Festivalzentrum“ der nach Ungemütlichkeit klingenden Theatermaschine, die auch nur mit eher abstrakten Videos teaserte?

Ja, sollte es! Denn obwohl ich in dunkler Nacht und dichtem Nebel eintraf, machte die Theatermaschine gleich deutlich, dass sie mit Ungemütlichkeit nichts zu tun hat. Etwas außerhalb der Stadt haben die Gießener ihr Festivalzentrum in einem ehemaligen Fachmarkt für Unterhaltungselektronik eingerichtet, der außer von einem Dachfensterfachgeschäft von schwer duftenden Wiesen und den Probebühnen des Theaterinstituts umgeben ist. Die ehemaligen Promarkt-Verkaufshallen hatten sich zu einer Komposition aus Kunstinstallation und Hipsterbar verwandelt. Mir stand ein Wochenende mit einer tatsächlich sehr naturbelassenen Ferienlageratmosphäre bevor – nur eben mit „Campern“ die mehr im Köpfchen haben als Weißwurst und -bier.

Denn sinnentleert, entmenschlicht oder maschinell ist die Theatermaschine nicht. Viel eher lebendiger als die Aufführungen der landläufigen Staatstheater. Bei den Stücken und Performances, die ich gesehen habe, ist mir vor allem eine gewisse Echtheit aufgefallen. Statt des Inszenierens fiktionaler, literarischer Texte lassen die Gießener die Fiktion zur Wirklichkeit werden. Sehr eindrücklich war die Pension Fam. Eber, an deren Rezeption man sich befindet, betritt man das Untergeschoss der Probebühne 1. Der knorzig-unheimliche Rezeptionist ist ein Theaterstudent, der offenbar bereit ist, sofort in seine Rolle zu schlüpfen, sobald sich die Tür öffnet und seinem Alter Ego nie entgleitet, egal wie er von seinen studentischen Besuchern dazu gereizt wird. Selbst im Programmheft des Festivals sind die Performer als Dieter, Konrad, Becci und Rita Eber aufgeführt. Hat man „ein Zimmer reserviert“, wird man zu zweit in einen überheizten Raum geführt, der als altmodisches Hotelzimmer eingerichtet und mit allerhand Skurrilitäten ausgestattet ist. Ein mit Betthupferl versehener Brief auf dem ungemütlichen Federbett suggeriert, man solle den verlegten Schlüssel für den abgesperrten Kleiderschrank suchen. Um nicht zu viel zu verraten: Mit dem Öffnen des Schranks fängt das Abenteuer erst an und die größte Skurrilität bleiben die Familienmitglieder der Comedy-Horror-Familie Eber selbst. Auf jeden Fall ist man sein eigener Schauspieler und Zuschauer zugleich, fühlt sich nach der Performance nachhaltig bedrückt und riecht eventuell nach Zwiebeln.

Pseudo-Workshop "ökonomische erfahrung"
In dem Pseudo-Workshop „ökonomische erfahrung“ von Jens Eschert und Felix Falckyk hatten die Teilnehmer 90 Minuten lang mit sechs Aufgaben zu tun, die eigentlich gar keinen Inhalt hatten.
Performance "24 hours" von Ruby
Die Performance „24 hours“ von Ruby Behrmann bekam nur eine Person zu sehen – die unter den teilnehmenden Zuschauern zufällig ausgesucht und in ein Auto gepackt wurde und dann für 24 Stunden mit Ruby verschwand. In der Tasche waren die Dinge, die man in 24 Stunden eben so braucht (z.B. Bodylotion).
Performance "Dance me like the _______ I want to be"
Rosa Cowboyhut und schwarzer Latex sind nicht zufällig Requisiten in Marcus Teschs, Leander Ripchinskys und Martin Biens Performance „Dance me like the _______ I want to be“. Auf der Bühne kommt es zum Konsum von Ketamin, zu Fesselspielen und zum öffentlichen Anpinkeln. Die Performer bringen damit tabuisierte Realitäten schwul-queerer Szenekreise auf die Bühne.
Performance "VERKOMMENES UFER MEDEAMATERIAL LANDSCHAFT MIT ARGONAUTEN"
Aggressives Raumspray, ewiges Aufräumen nach ein paar Minuten Party und ein Vulkan, der sechs Minuten über die Liebe singt. Laila Gerhardts, Marie Meyers und Calendal Kloses Interpretation von Heiner Müllers „VERKOMMENES UFER MEDEAMATERIAL LANDSCHAFT MIT ARGONAUTEN“ regt einen auf. Und das ist gut so. Im Publikum bekam ich übrigens rohe Pommes zu essen – allerdings mit Friteusenfett.
Nachbesprechung
Am nächsten Tag wurden Stücke vom Vortag in Kleingruppen nachbesprochen.

Nachbesprechung

Kuchenzeit im Festivalzentrum
Doch auch zum bon mot beim köstlichen Kuchen blieb Zeit.
Abendessen im Festivalzentrum
… oder beim köstlichen Abendessen.
Festivalzentrum
Das Festivalzentrum bot außerdem Bar und Ticketschalter, zwei Tischtennisplatten, DJ-Pult und Schlafmöglichkeiten.
Installation im Festivalzentrum
„Betreten der Halle verboten! Es findet eine Installation statt.“

Als negativer Nachgeschmack bleibt nur ein altbekanntes Problem des Theaters: Die thematische Selbstbespiegelung. Wer besucht ein Stück über den Unsinn des Rassismus? Eine Gruppe junger Neo-Nazis? – Nein, nur Menschen, die eh schon gegen den Rassismus sind. Und ein Theaterfestival, das ausschließlich Theaterleute einlädt, bewegt sich in einem Kosmos der Eingeweihten und bleibt einem Großteil verschlossen. Die Stückbesprechungen triften zum Teil ins überspezifizierte Geisteswissenschaftliche ab – wo doch die Stücke selbst so wichtig für alle sind. Genau das waren auch die Wurzeln, der seit 21 Jahren existierenden Theatermaschine: die Abwendung vom traditionsreichen deutschen Prestige-Theater hin zur grenzenlosen Performance-Kunst. Bleibt abzuwarten, ob die fleißig surrende Theatermaschine ihren Zweck erfüllt und die ganze Theaterindustrie belebt.

Hier findet ihr den Studiengangsblog zur Theatermaschine 2016.

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Jonas Fischer

Jonas Fischer

Von West nach Ost, von Klein nach Groß. Jonas hat sich langsam vorgearbeitet. Von Saarbrücken über den Bachelor in Germanistik und Publizistik in Mainz bis nach Berlin, dem Ort zum Glücklichsein. Dort studiert er Angewandte Literaturwissenschaft – und schämt sich. Weil sein Studium "Literatur" im Namen hat und er lieber rausgeht, statt zu lesen. Umso mehr freut er sich aber da, wo Literatur und Realität in ineinanderkrachen.
Jonas Fischer