Die Sprachen der Tiere oder Die Enge des menschlichen Geistes

Die Naturkunden-Reihe des Matthes & Seitz Verlags erzählt, so der Verlag auf seiner Internetseite, von der „Natur […], von Tieren und Pflanzen, von Pilzen und Menschen, von Landschaften, Steinen und Himmelskörpern, von belebter und unbelebter, fremder und vertrauter Natur“. Einer der aktuellen Bände dieser Reihe stellt gerade das Konzept einer eindeutigen Trennung zwischen tierischer Natur und menschlicher Kultur infrage. Die Sprachen der Tiere der Philosophin Eva Meijer erzählt von dem, was alle Tiere, ob menschlich oder nicht-menschlich, verbindet statt zu trennen: der Sprache. Geschrieben voll ehrlicher Faszination für ‚die Tiere‘ sowie Protest gegen die tiefsitzende Annahme des Menschen, er und nur er sei einer Sprache in ihrer Komplexität mächtig.

Eva Meijer, Die Sprachen der Tiere, Matthes & Seitz 2018 © Angie Martiens
Eva Meijer, Die Sprachen der Tiere, Matthes & Seitz 2018 © Angie Martiens
Am Anfang war das Wort…

Sprache – die ist seit jeher jener Bereich, der dem Geist und der Kultur zugerechnet wird und damit im Gegensatz zur Natur steht. Sprache – die ist die Grundlage des Denkens. Sprache – die markiert die Grenzziehung zwischen Menschen und anderen Tieren. Dass den nicht-menschlichen Tieren das Besitzen und Entwickeln von Sprache aber nicht abgesprochen werden kann, erarbeitet die Niederländerin Eva Meijer im Band Die Sprachen der Tiere.

… und das Wort war beim Tier …

Tiere sprechen. Anders als Menschen. Tiere verstehen. Oft mehr als wir menschlichen Tiere ihnen zutrauen. Tiere übersetzen. Tagtäglich in ihrer Kommunikation mit uns und anderen Tieren. Tiere kommunizieren. Auf Weisen, zu denen wir menschlichen Tiere niemals in der Lage sein werden. Diese Erkenntnisse offenbaren sich während der Lektüre von Die Sprachen der Tiere.

… und das Tier war Wort.

Wir packen die Welt in Worte und machen sie uns damit intellektuell greifbar. Wir packen die Welt in Worte und denken, jeder, der unsere Worte nicht versteht, wäre uns geistig unterlegen – ob Menschen anderer Sprachräume oder nicht-menschliche Tiere. Wir packen die Welt in Worte, konstruieren sie damit und erschaffen uns so Grenzen wie jene zwischen ‚Mensch‘ und ‚Tier‘, die zweifelsohne nicht genau so gezogen werden müssten. Deshalb sind Menschen bei Eva Meijer auch keine Menschen, sondern menschliche Tiere und Tiere sind nicht einfach nur Tiere sondern speziell nicht-menschliche Tiere: denn so viel trennt uns gar nicht.

Eva Meijer, Die Sprachen der Tiere, Matthes & Seitz 2018 © Angie Martiens
Eva Meijer, Die Sprachen der Tiere, Matthes & Seitz 2018 © Angie Martiens

 

Nicht-menschliche Tiere und die menschliche Sprache

Eva Meijer widmet sich in diesem Band den Sprachen der Tiere auf vielerlei Weise. Sie beginnt ihre Ausführungen beim Verhältnis der nicht-menschlichen Tiere zur Sprache der Menschen und zeigt auf, wie viele verschiedene Tiere uns weitaus besser verstehen als gemeinhin angenommen. Papageien, denen stets nur das anspruchslose Nachplappern unterstellt wird, sind vielmehr in der Lage, mit ihren oft über hundert erlernten menschlichen Worten sogar Witz zu reißen. Viele Tiere begreifen auch die Grammatik menschlicher Sprache: angefangen von den Affen, deren hohes Sprachvermögen bereits weithin bekannt ist und die sogar in der Lage sind, in der Menschensprache eigenständig neue Wortschöpfungen zu bilden, bis zum ‚besten Freund des Menschen‘, dem Hund. Dieser Ansatz – nach dem Verständnis der Tiere zur Menschensprache zu fragen – verharrt jedoch im Anthropomorphismus, weil er weiterhin den Menschen als höchstes setzt und ihn und seine Sprache als Maßstab nimmt. Deshalb liegt Meijers weitaus größeres Interesse auf den Sprachen der Tiere.

Wie sprechen Tiere?

Wenn wir es mit dieser Frage ernst meinen, müssen wir zunächst unser Verständnis von Sprache erweitern, so Meijer. Das menschliche Tier äußert sich vor allem mit den Stimmbändern und benutz darüber hinaus auch Mimik, Gestik und Körperhaltung für die Kommunikation. Auch haben wir die Gebärdensprache, die auf die Hände statt auf die Stimmbänder setzt. Bei nicht-menschlichen Tieren geht da viel mehr! Die Art, wie Wesen kommunizieren, ist angepasst an die Lebenssituation und biologischen Gegebenheiten. Vielen Insekten dienen etwa chemische Stoffe wie Pheromone der Kommunikation. Wie wir mit den Ohren hören und mit den Augen lesen, so lesen Insekten ‚riechend‘ mit ihrer Körperoberfläche. Schnecken lesen etwa die Botschaften der anderen, wenn sie mit ihrem Körper über die Schleimspur einer anderen Schnecke gleiten. Insgesamt sprechen äußert viele Tiere über ihre Körperhaltung und -bewegung. Wer einen Hund oder eine Katze hat, wird das kennen – doch da muss der Erkenntnishorizont nicht stehen bleiben. So kommuniziert zum Beispiel eine brasilianische Froschart nicht nur über ihr Quaken sondern auch über die Stellung ihrer Zehen und streckt deshalb ihre Froschschenkelchen gut in die Höhe, damit andere Frösche die Zehenstellungen besser lesen können. Honigbienen hingegen führen eine Art Tanz auf, bei dem jede Bewegung genau bemessen ist und mit dem sie ihren Kolleginnen genau beschreiben, wo eine tolle Nektarstelle liegt. Und ‚genau‘ heißt hier wirklich genau, denn sie kommunizieren über diese tänzelnden Bewegungen nicht nur Richtungen, sondern unter anderem auch die Entfernung, den Winkel zur Sonne sowie den Ertragsreichtum.

Eidechsen kommunizieren auf vier Arten miteinander: durch ihre Körperhaltung, die Anzahl der Pfoten, die sie auf den Boden stellen, Kopfnicken und durch das Auflasen ihrer Kehle. Was so simpel klingt, ermöglicht sechstausendachthundertvierundsechzig verschiedene Kombinationen von Haltungen […]. Deren Rangfolge ist für die Bedeutung genauso wichtig wie die Länge, in der bestimmte Positionen gehalten werden. All das deutet auf eine Grammatik hin.

Eva Meijer geht es in ihren Studien zu den Sprachen der Tiere nicht um das Kommunizieren einzelner Begriffe oder Anweisungen, sondern um die sprachliche Komplexität und besonders um die Grammatik nicht-menschlicher Sprachen. Denn diese entwickelten durchaus viele Tierarten. Das zu erkennen ist nur manchmal sehr schwer für uns, die wir ihre Sprachen noch nicht gelernt haben und bisher auch kaum Versuche unternommen haben, dies zu tun.

Eva Meijer, Die Sprachen der Tiere, Matthes & Seitz 2018 © Angie Martiens
Eva Meijer, Die Sprachen der Tiere, Matthes & Seitz 2018 © Angie Martiens
Ausführliche Recherche

Eva Meijer weist auch darauf hin, wie wenig wissenschaftliches Interesse der Mensch, der sich ja für das größte aller Wesen hält, bisher an den Tiersprachen gezeigt hat. Das Gros der wissenschaftlichen Studien in diesem Feld entstand erst in den letzten Jahren.

Meijers Die Sprachen der Tier oszilliert zwischen essayistischem Text und wissenschaftlicher Arbeit. Jedes ihrer Argumente belegt sie mit zahlreichen tierischen Beispielen, die sie stets mit einer Fußnote auf die wissenschaftlichen Quellen belegt, wodurch eine beachtliche Ansammlung von 306 Fußnoten entsteht. Der Text bleibt dennoch leicht verständliche, weil Meijer auf einen wissenschaftlichen Fachjargon verzichtet und sich nicht in unnötigen Ausführungen verheddert. Äußerst spannend zu lesen sind diese knapp 160 Seiten, weil die Vielfalt ihrer Argumente und unglaubliche Fülle ihrer Beispiele einen fassungslos zurücklassen. Wie töricht es doch war, anzunehmen, die scheinbar sinnlos wackelnden Eidechsenköpfe im Toskanaurlaub müssten ein unkontrolliertes Zeichen der Langeweile sein! Man muss Meijer wirklich dankbar für diese ausführliche Zusammentragung sein.

Das Politische – Mit den Tieren ins Gespräch kommen

Als Sprachphilosophin kontextualisiert Eva Meijer ihre Fragen nach den Sprachen der Tiere vor philosophiegeschichtlichen und sprachphilosophischen Ansätzen etwa Wittgensteins, Descartes‘ oder Derridas. Ihr diskriminierungskritischer Zugang zur Thematik wird durch die Critical Animal Studies sowie posthumanistische und mitunter auch feministische Ansätze bestimmt. Schließlich geht es hier auch um das Politische, das im letzten Kapitel fokussiert wird. Gerade weil nicht-menschliche Tiere uns angeblich aufgrund fehlender Sprach- und Denkfähigkeiten weit unterlegen seien, werden sie von menschlichen Tieren als billige Arbeitskräfte ausgebeutet, ohne moralische Bedenken für Experimente eingesetzt und oft auch für militärische Zwecke rekrutiert – mein kürzlich verstorbener Hund etwa, ein Schwarzer Russischer Terrier, war ursprünglich eine speziell für das russische Militär gezüchtete Rasse. Doch Meijer betont, dass nicht-menschliche Tiere auch Widerstand gegen unmenschliche Behandlungen leisten und sich mitunter Räume und Rechte, die wir ihnen aberkennen, einfach nehmen. So berichtet Meijer von einer Gruppe von Straßenhunden, die sich eine Fortbewegungsweise und einen Raum angeeignet haben, die nur für den Menschen bestimmt waren: Täglich nutzen sie die Moskauer U-Bahn, um zwischen den Außenbezirken, wo sie leben, und der Innenstadt mit größerem Futterangebot zu pendeln.

Fazit: Wichtiger Beitrag zu aktuellen Debatten

Über die Erkenntnisse zum Phänomen der Sprache hinaus bildet Die Sprachen der Tiere einen tollen Beitrag zur Tierrechtsdebatte, der aufgrund seiner leichten Zugänglichkeit keinem wissenschaftlichen Publikum vorbehalten bleibt. Prädikat: Must read!

 

Eva Meijer, Die Sprachen der Tiere, Matthes & Seitz 2018 © Angie Martiens

Eva Meijer: Die Sprachen der Tiere (Orig.: Dierentalen)
Naturkunden 44, hg. von Judith Schalansky,
Übers. von Christian Welzbacher, Illustrationen von Pauline Altmann,
Matthes & Seitz 2018,
176 Seiten, farbige Illustrationen, 28,-€

 

Eva Meijer (*1980) ist eine niederländische freie Philosophin, bildende Künstlerin, Singer-Songwriterin und Schriftstellerin. Tiere interessieren sie auch in ihren Romanen, etwa in Das Vogelhaus, sowie in ihrer Promotion an der Universität Amsterdam, in dem sie sich den Tieren ebenfalls mit sprachphilosophischen Blick näherte.

Oskar aka. Osbert, geboren als Gismo, (*2015) ist ein Berliner Stubenkater und arbeitete für diese Fotos erstmals als Model – Thema billige Arbeitskräfte und so. Osbert hat mit seinen jungen Jahren bereits viel erreicht: Zahlreiche heruntergeworfene Blumentöpfe mussten seinetwegen neu gekauft werden und er zerriss bereits die zweite Couchgarnitur in Folge.

 

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Angie Martiens

Angie Martiens

1991 in Berlin geboren, bleibt Angie der Stadt weitestgehend treu. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft in Berlin und Stockholm, dann was ganz Verwegenes: Neuere deutsche Literatur und Tanzwissenschaft. Mit Interesse für die Schnittstellen von Politischem und Kulturellem, Diskursivem und Künstlerischem bewegt sie sich gerne durch Texte, Räume und Theorien.
Angie Martiens

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