Flexen. Flâneusen* schreiben Städte

Eine Stadt zu Fuß zu erobern, bedeutet, sie sich Schritt für Schritt anzueignen. Doch entspannt durch Straßen zu schlendern oder sich durch eine Menge treiben zu lassen, sind Privilegien. Für Frauen, People of Color oder LGBTQ-Personen ist es hingegen nicht selbstverständlich, sich frei und unbeschwert im öffentlichen Raum bewegen zu können. Wie anders ihre Perspektiven auf Städte sein können, zeigt die Anthologie „Flexen. Flâneusen* schreiben Städte“. Sie vereint 30 literarische Texte von jungen Autor*innen und rechnet mit dem Mythos des klassischen Flâneurs ab.

„Flexen. Flâneusen* schreiben Städte“ © Thekla Noschka

Flâneur – das kommt vom französischen Verb flâner und bedeutet so viel wie spazieren gehen oder umherstreifen. In der Literaturwissenschaft bezeichnet der Begriff seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert jene Intellektuellen, die durch die europäischen Metropolen flanierten und ihren Müßiggang zur Schau stellten. Und wer kennt sie nicht: die Flâneure, die in den Büchern von Baudelaire, Proust oder Hemingway durch die Seiten wandeln? Sie stehen für Freiheit, Scharfsinn und künstlerisches Schaffen. Der Harken an der Sache: sie sind nahezu ausnahmslos männlich und weiß. Das weibliche Pendant zum männlichen Flâneur, die Flâneuse, ist in der Literatur bis heute kaum sichtbar.

Dies möchten die Herausgeber*innen von „Flexen. Flanêusen* schreiben Städte“ ändern. Die Anthologie, die im Juni 2019 im Verbrecher Verlag erschienen ist, vereint 30 unterschiedliche Texte von jungen Autor*innen, die sich mit dem Thema Stadtspaziergang auseinandersetzen. Den Buchtitel „Flexen“ haben die Herausgeber*innen dabei nicht zufällig gewählt. Das Wort soll das altmodische Flanieren ersetzen und zeigen, wie viel subversive Kraft im Spazierengehen liegen kann.

Ich flexe. Ich flexe mich in die Stadt, durch die Stadt. Ich flexe mir die Stadt zurecht. Flexen – das Wort mache ich. Ich gehe durch die Stadt, flaniere und flexe.

Aus dem Vorwort von „Flexen. Flâneusen* schreiben Städte“

Heute lieber unsichtbar

Subversive Kraft braucht es vor allem deshalb, weil sich nicht alle Menschen gleich frei im öffentlichen Raum bewegen können. Für Frauen bedeutet Öffentlichkeit nicht zwangsläufig urbane Freiheit. Denn jede Frau kennt das ungute Gefühl, nachts auf dem Heimweg Schritte hinter sich zu hören oder auf der Straße mit Kommentaren zum eigenen Aussehen belästigt zu werden. Diese Formen von Angst und Street Harassment sind für viele Frauen keine Ausnahmen, sondern sind Teil ihres Alltags. Die Autor*innen der Anthologie schreiben über und aus der Perspektive von Frauen und zeigen auf, unter welch anderen Bedingungen sich diese in der Stadt bewegen können.

So ist zum Beispiel die Protagonistin aus Mirjam Aggelers Textbeitrag bei ihrer täglichen Fahrt zur Arbeit den unverschämten Annäherungsversuchen eines älteren Mannes ausgesetzt. Die Folge: Beim morgendlichen Griff in den Kleiderschrank entscheidet sie sich gegen den kurzen Sommerrock.

Heute lieber Hose. Und Pullover. Kapuze auf, die Treppe hinunter. Heute lieber unsichtbar. Heute lieber keine Blicke

Aus dem Textbeitrag „Wenn du lächeln würdest“ von Mirjam Aggeler

Mit den Worten „Heute lieber keine Blicke“ weist die Autorin auf die permanente Sichtbarkeit von Frauen im Stadtraum hin. Sehr feinfühlig beschreibt sie, wie beobachtet und exponiert sich die Protagonistin auf der Straße fühlt. Wie die Blicke der männlichen Passanten ihren Alltag bestimmen. Die Geschichten der Anthologie sind umso erschüttender, weil man sich darin wieder findet. Sie benennen das, was man selbst nicht immer ausdrücken kann.

Mehr Diversität

Doch nicht nur die Perspektiven von Frauen, auch People of Color und LGBTQ-Personen sind im Kanon der Großstadtliteratur unterrepräsentiert. Die Herausgeber*innen der Anthologie möchten deshalb auch queeren und migrantischen Stimmen einen Raum geben. Sie fügen den Flâneusen* ganz bewusst das Gender-Sternchen hinzu und versammeln Textbeiträge mit sehr verschiedenen Blickwinkeln auf die Stadt: Von indischen Frauen, die gemeinsam spazieren gehen, um sich patriarchalen Strukturen zu widersetzen. Über eine Person mit Migrationshintergrund, die die Gentrifizierung im Berliner Stadtteil Wedding beobachtet. Bis hin zum lesbischen Paar mit Kind, das auf der Straße öffentlich angefeindet wird. Alle Textbeiträge bereichern den eigenen Erfahrungshorizont durch ihre spezifische Perspektive. Sie berühren und überraschen immer wieder durch ihre klare und intime Sprache.

Die einzelnen Beiträge variieren dabei auch in ihrer Form: Neben kurzen Prosatexten finden sich zahlreiche Gedichte in dem Sammelband. Dadurch ist die Lektüre besonders erfrischend und lädt zum Stöbern und Verweilen ein. Zum Abschluss wurde ein Interview mit der Autorin und Literaturwissenschaftlerin Laura Elkin abgedruckt, das in die Geschichte der Flâneuse einführt und feministische Stadtentwicklungkonzepte vorstellt.

„Flexen. Flâneusen* schreiben Städte“ ist eine Publikation, die sich zu lesen lohnt. Sie gibt Denkanstöße und zeigt, dass die Flâneuse* endlich Eingang in den literaturwissenschaftlichen Kanon bekommen sollte. Sie empört sich, ist rebellisch und macht Mut. Mut, damit Frauen, Queers und People of Color die Straßen für sich erobern. Und sie lädt nicht zuletzt dazu ein, rauszugehen und die Welt mit offenen Augen zu erkunden.

Ich möchte euch einladen, mich auf meinen Streifzügen zu begleiten, die Städte mit meinen Augen zu sehen, selbst auf die Straße zu gehen und darüber zu schreiben, was ihr denkt und fühlt, was ihr seht und hört.

Aus dem Vorwort von „Flexen. Flâneusen* schreiben Städte“
von Thekla Noschka
Özlem Özgül Dündar / Ronya Othmann / Mia Göhring / Lea Sauer: Flexen. Flâneusen* schreiben Städte, Verbrecher Verlag 2019.  
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