From Panels with Love #15: Girlsplaining

„Viva la Vulva“ oder „Don’t be such a dick, Freud!“ skandiert  Comicautorin Katja Klengel im rosaroten „Girlsplaining“. Ihr erstes Comicbuch erzählt wie die Superheldin mit Rotwein das Baby-Kettensägenmassaker überlebt, die Klitoris wiederentdeckt und dabei auch noch die Omertà für sogenannte Frauenthemen bricht.

Die rosarote Brille weglegen. Vielfalt durch Lesen © Sofie Mörchen und Leonie Hohmann
Die rosarote Brille weglegen – Girlsplaining © Sofie Mörchen und Leonie Hohmann

 

Wann hast du zuletzt bewusst eine rosarote Brille abgelegt und ein Thema mit neuen Augen gesehen?

Mit Girlsplaining legt Katja Klengel ein rosarotes Comicbuch vor, das genau das leistet: Es reißt die rosarote Brille hinunter und enttarnt schonunglos Tabus, die längst keine mehr sein sollten.

Vom Mansplaining zum Girlsplaining

„Mansplaining bezeichnet herablassende Erklärungen eines Mannes, der fälschlicherweise davon ausgeht, er wisse mehr über den Gesprächsgegenstand als die – meist weibliche – Person, mit der er spricht“, heißt es in einer weitverbreiteten Online-Enzyklopädie über den Begriff Mansplaining. Es ist ein Neologismus (man + explaining) aus dem Jahr 2008, der kontrovers diskutiert wird. Mit Girlsplaining schafft Comicautorin Katja Klengel nun ebenso einen Neologismus und einen langersehnten weiblichen Gegenentwurf.

Wem erklärt Katja Klengel hier die Welt? In erster Linie richtet sich die Autorin in ihrem ersten Comicbuch an ihr 15-jähriges Ich. Das steht jedoch stellvertretend für ganze Generationen von (jungen) Frauen und auch Männer können hier noch richtig was lernen. Im Anhang schreibt Klengel in ihrem offenen Brief an ihr Teenie-Ich:

Ich finde, wir haben das alles prima hingekriegt bisher […] Ich werde auf uns achtgeben und das mit der Selbstliebe mehr zelebrieren.

Der Kampf mit den lästigen Rollenerwartungen

Viva la Vulva! © Katja Klengel: Girlsplaining. Reprodukt 2018.
Viva la Vulva! © Katja Klengel: Girlsplaining. Reprodukt 2018.

Als übermäßig empfundene Körperbehaarung, spätestens ab dem 30. Lebensjahr Reproduktionsdruck  und weibliche Geschlechtsorgane, die mindestens unhygienisch aber als bezahnte Vagina („vagina dentata“) sogar existenzbedrohend  für Männer sein können? Comic-Katja kämpft an vielen Tabu-Fronten, an denen Frauen weltweit tagtäglich verlieren:

 

Für Sigmund Freud war die Vagina nur ein kastrierter Penis und minderwertig. Er behauptete, Mädchen würden das Fehlen eines Penisses erkennen und sich deshalb danach sehnen. Kurzfassung: Sie entwickeln einen Penisneid.

Doch Katja gewinnt mit viel Biss und Humor!

Der Geist der verrosteten Rasierklingen

In insgesamt sieben Kapiteln gerät die Protagonistin in bedrückende Situationen und schafft es, mit humorvollem Blick Lösungen anzubieten. Besonders eindrucksvoll gelingt das im Kapitel Der Geist der verrosteten Rasierklingen. Die Hauptfigur Katja fühlt sich aufgrund ihrer Körperbehaarung unwohl und durchlebt zahlreiche Episoden, in denen sie gedemütigt zurückbleibt:

Irgendwie hatten es alle um mich herum geschafft, dass ich mich wie ein kompletter Freak fühlte.

Im Comic erscheint der Geist der verrosteten Rasierklingen und reist mit Katja in alle bereits durchlebten Situationen zurück. Nun aber mit positivem Körpergefühl und respektvollen Mitmenschen. In allen Situationen findet sich im zweiten Durchgang eine positive Ausdeutung und Veränderung im Umgang mit dem Körper der Protagonistin.

Die Rolle der Popkultur

In Carrie-Bradshaw-Manier – oder eben gerade nicht – rechnet Klengel zu Beginn des Buchs mit Sex and the City ab und kommt zu dem Schluss, dass sie Carrie Bradshaw weder um ihre oberflächlichen Freundinnen noch um ihre verhängnisvolle Affäre mit Mr. Big beneidet. Katja entschließt sich Big folgendes aus dem Fenster zuzurufen:

Sag mal hackt’s? Kannst du mal bitte diese übergriffige Scheisse lassen und meine Grenzen respektieren? Es ist mitten in der Nacht, meine Kolumne muss fertig werden und du stalkst mich voll creepy vom Auto aus! Merkste was?

Popkulturelle Phänomene verarbeitet die Autorin aber nicht nur in Hinblick auf erwachsene Konsument*innen. Ihre eigenen Erfahrungen mit Gender Mainstreaming bei Kinderspielzeug nimmt sie genauso ernst in den Fokus. Harry Potter, Sailor Moon, Pokémon – Klengel findet im Feld der Popkultur ihre Metaphorik.

"Anti-Hoden-Stink" statt geruchsneutralisierender Binden mit verbesserter Duftformel © Katja Klengel: Girlsplaining. Reprodukt 2018.
„Anti-Hoden-Stink“ statt geruchsneutralisierender Binden mit verbesserter Duftformel © Katja Klengel: Girlsplaining. Reprodukt 2018.

Rosarot und überzeugend

Girlsplaining ist kein piefiges Pamphlet, das mit der Moralkeule anrückt. Es ist ein detailreich ausgestaltes Comicbuch, das sich mit viel Humor die Farbe rosa zurückerorbert. Spielerisch und zugleich treffsicher beschreibt, analysiert und benennt Katja Klengel Probleme, die Frauen beschäftigen, die jedoch keines Falls nur Frauen etwas angehen. Viva la Vulva!

*Katja Klengel wurde 1988 in Jena geboren. Schon während ihres Kunststudiums an der HfBK Dresden veröffentlichte sie den Fortsetzungscomic Als ich so alt war in der FAZ. Ebenso begann sie auf ihrem Blog Blattonisch ein Comictagebuch zu führen. Inzwischen ist die 30-Jährige auch studierte Drehbuchautorin. Die ersten sechs Kapitel von Girlsplaining erschienen zuerst im Online-Magazin Broadly.

Katja Klengel:Girlsplaining. Reprodukt 2018.

 

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Leonie Hohmann

Leonie Hohmann

„Kein Feuer, keine Kohle, kann brennen so heiß als […]“das Herz der gebürtigen Essenerin (Jahrgang ’94) für Literatur, Theater, Tanz, Musik und Großstadtluft. Nach dem Grundstudium in Bochum ereilte sie der Ruf nach Berlin, wo sie seit 2017 Angewandte Literaturwissenschaft studiert.

[Zitat entnommen: Volkslied, anonym, 18.Jh.]
Leonie Hohmann

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