From Panels with Love #29: Mit Tillie Walden nach »West, West Texas«

Nach Pirouetten ist das neue Buch der jungen, amerikanischen Comiczeichnerin Tillie Walden nun eine märchenhafte Road Novel.

Roadtrip mit Katze – West, West Texas von Tillie Walden © Lena Stöneberg

Bea ist von zu Hause abgehauen. Auf ihrer planlosen Flucht trifft sie an einer Tankstelle im texanischen Nomansland auf Lou, eine burschikose Automechanikerin, die sie ein Stück mitnimmt. Schnell entwickelt sich ein gemeinsamer Roadtrip ins Unbestimmte und eine starke Freundschaft zwischen den beiden – bei Lou schafft es Bea, sich ihren innersten Fragen und Sorgen zu stellen. Als sie dann aber eine streunende Findelkatze mit an Bord nehmen, entwickeln sich die Dinge rasant: Durch eine immer surrealer werdende Landschaft, versuchen die beiden ihren seltsam schattenhaften Verfolgern zu entkommen, während sie auf der Suche nach einer Stadt sind, die auf keiner Karte existiert. In phantasmagorisch zerfließenden Weiten und rosa, lila, orange glühenden Landschaften, in die sich zunehmende Schwärze einschleicht, müssen die zwei verlorenen Außenseiterinnen sich ihren inneren Dämonen stellen.

Sackgasse. © Lena Stöneberg

Chihiro lernt Autofahren

In vielerlei Hinsicht erinnert »West, West Texas« an Vorstreiter*innen wie Chihiro (»Chihiros Reise ins Zauberland«), die sich an der Schwelle zum Albtraum befinden und in Abgründe blicken müssen, um auf sich selbst zurückgeworfen zu werden. Bea und Lou geraten in ihrem kleinen Refugium aus Autoblech, in dem Raum für Ehrlichkeit und Mut ist, durch Traumwelten voller abreißender Brücken, symbolisch aufgeladener Grotten und Strände, Nicht-Orte, soghafter Schatten und dunkler Kräfte. Das Ganze spiegelt sich bildlich in wahnhaften Schnitten und Panelbrüchen, Tillie Walden schafft es, in ihren Comicbildern Auflösung und Erinnerungsstrudel zu erzeugen.

Albtraumhafte Verfolgung. © Lena Stöneberg

Auf ihrer Reise lernt Bea das Fahren und kommt der Freiheit so zum Greifen nahe. Auf der Flucht finden die beiden jungen Frauen, zwei verlorene Existenzen und Ausreißerinnen, nicht nur eine große Nähe und Freundschaft, Bea schafft es auch sich ihrer Identität und homosexuellen Orientierung zu stellen.

Bea findet ihren Weg. © Lena Stöneberg

»West, West Texas« ist ein traumhafter Ausflug, ein magischer Roadtrip durch die Gefühls- und Erinnerungswelten zweier verirrter Frauen – verspielt, eindringlich, schön.

Auf und davon. © Lena Stöneberg
 Tillie Walden: West, West Texas, Reprodukt 2019.  
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Lena Stöneberg

Geboren im beschaulichen Göttingen ist Lena 2012 für das Studium der Deutschen Literatur und Medien nach Berlin gekommen. Seit 2018 ist sie nun für die Angewandte Literaturwissenschaft eingeschrieben und blogt und liest mit Begeisterung. Erkenntnis: Am besten liest es sich am Spreekanal, mit baumelnden Beinen und der Sommersonne im Gesicht!
Lena Stöneberg

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