Galiani lädt zum Kunstraub ein

12.04.2019 – ein Freitagabend im April. Draußen ist es dunkel und die Frühlingsluft noch recht kalt. Drinnen wärmt sich eine Handvoll Literaturbetriebler, unter ihnen Irina und Lena für Litaffin, an einem Glas sizilianischen Rotweins und wartet auf ein ungewöhnliches Duo: ein Autor und ein Kriminalist. Der Galiani Verlag hat zu einem Krimiabend in sein Berliner Büro in der Friedrichstraße geladen. Um genau zu sein geht es um Kunst im Krimi – Krimikunst.

Roman und Reproduktion des Originalgemäldes „Der Turm der blauen Pferde“ © Irina Hein

Der Schriftsteller Bernhard Jaumann hat einen Roman geschrieben. „Der Turm der blauen Pferde“ heißt er und erzählt vom Verschwinden des gleichnamigen Gemäldes des Expressionisten Franz Marc. 1937 aus der Ausstellung „Entartete Kunst“ entfernt und anschließend vom Reichskommisar Hermann Göring seiner Privatsammlung einverleibt, gilt das 200 x 130 cm große Werk bis heute als verschollen. Nur zwei Menschen – und Kunstexperten dazu – sollen es seit seinem Verschwinden 1945 gesehen haben. Doch ihren Aussagen sei nicht zu trauen, schreibt Jaumann.

In seinem Buch taucht das Gemälde über ein halbes Jahrhundert später wieder auf. „Ich habe es letzten Dienstag gekauft. Für drei Millionen. Ein absolutes Schnäppchen, wenn es echt ist“, tönt darin ein Großindustrieller und beauftragt die Kunstdetektei von Schleewitz mit der Provenienzforschung.

Ob heutzutage tatsächlich Aussagen über die Echtheit des Gemäldes gemacht werden können? Wer wüsste das besser als ein Experte für Kunstraub. Nach der Autorenlesung stürzen sich die Gäste daher auf René Allonge, Leiter des Fachbereichs Kunstkriminalität im LKA Berlin. Und der hat einiges zu erzählen über die Tricks der Fälscher, spektakuläre Raubüberfälle, aber auch über die Leidenschaft und innnige Liebe großer Kunstfans.

Und sobald er mit den Geschichten aus seiner Berufspraxis loslegt, horcht Bernhard Jaumann auf. Vielleicht ist ja die ein oder andere Idee für den zweiten Roman der Reihe dabei? Wie zum Beispiel die vom Rollstuhlfahrer im Museum, der plötzlich doch wieder laufen konnte, und zwar mit dem Diebesgut unter dem Arm. Oder einem Fälscher, der die Farben seines Duplikats im Backofen trocknen ließ, um es künstlich altern zu lassen.

Was die schwarzen Schafe des Kunstmarktes aber oft vergessen, ist, dass die Farbpigmente jedes Kunstzeitalters einzigartig sind. Außerdem ist nicht nur das Gemälde selbst entscheidend. Auch das Trägermedium verrät viel über dessen Herkunft. Passt zum Beispiel die Rückseite eines Bildes zu seinem vermeintlichen Alter und Ursprung? Und wie steht es mit dem Untergrund des Werks? Durch Röntgenstrahlung und andere spezielle Verfahren kann sichtbar gemacht werden, was sich unter dem augenscheinlichen Motiv verbirgt. Viele Künstler haben ihre Leinwände nämlich mehr als nur einmal verwendet und ein Werk auf das nächste gepinselt.

Neben den Vorzügen der modernen Technik sei aber auch die Expertise von kunsthistorischen Experten bei der Einschätzung eines Kunstwerks unverzichtbar, betont Allonge. Wirklich problematisch werde es allerdings, wenn Experte zugleich Fälscher ist… Wie viele Fälschungen wohl im Umlauf sind und uns vielleicht sogar von Museumswänden entgegenblicken, weiß niemand. Auch was genau den Unterschied zwischen  ideellem und materiellem Wert eines Werkes ausmacht, den Unterschied zwischen Original und Kopie, lässt sich schwer in Worte fassen. Fest steht für den Polizisten aber, dass die Menschheit vor Fälschern geschützt werden müsse. Die sehr umfangreiche Archivlandschaft in Deutschland erleichtere seine tägliche Arbeit dabei sehr.

Was aber hat den Krimischreiber Jaumann an dem Thema Kunst für seine Reihe gereizt, wo es in Museen und Ateliers doch meistens eher unblutig zugeht? Neben seiner persönlichen Faszination für die Textart der Kunstbetrachtung ging es ihm in erster Linie um das Gegensatzpaar des Authentischen und Falschen, was sich leitmotivisch durch Jaumanns Roman zieht.

Alles in allem hatten wir einen feucht-fröhlichen Krimiabend mit kulinarischen Perlen und spannungsgeladenen Gesprächen über den Wert von Kunst und Literatur, die die Zeiten überdauern (auch, oder weil sie verschwunden sind).

Leergeräumtes Buffet auf der Veranstaltung zum „Turm der blauen Pferde“ bei Galiani © Lena Stöneberg

 

 

 

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Lena Stöneberg

Geboren im beschaulichen Göttingen ist Lena 2012 für das Studium der Deutschen Literatur und Medien nach Berlin gekommen. Seit 2018 ist sie nun für die Angewandte Literaturwissenschaft eingeschrieben und blogt und liest mit Begeisterung. Erkenntnis: Am besten liest es sich am Spreekanal, mit baumelnden Beinen und der Sommersonne im Gesicht!

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