Gerne, für wenig Geld – rein ins Berufsleben

„Ich bin drin. Sie sind draußen. Und Sie wollen rein.“, resümierte Literaturkritiker Gregor Dotzauer vor Kurzem an dieser Stelle über den Literaturbetrieb. Und wie empfinden wir Literaturwissenschaftler unseren Berufseinstieg?

Reich sein – das wollten wir schon als Kinder nicht.
Hauptsache das, was wir später beruflich machen, macht uns glücklich.
Ich träume einen Alptraum. Ich treffe einen Kumpel auf einem Klettergerüst, er isst eine Currywurst und erzählt mir, er hätte nen Job bei dem Magazin bekommen, für das ich hin und wieder schreibe. Ich wurde nicht angefragt. Ich wache schweißgebadet auf und kann nicht mehr einschlafen.
Unser Studium neigt sich dem Ende zu: Im Praxis-Colloquium erklärte uns eine Frau vom Arbeitsamt, wie wir Hartz IV beantragen. Unfassbar: Hallo, Arbeitsmarkt, hier sind wir. Lasst uns ran, wir haben Ideen, wir haben Energie, wir haben Lust, das, was wir gelernt haben umzusetzen. Wir haben mehrere Fächer studiert, gute Noten, jede Menge Praktika absolviert, ein paar Veröffentlichungen, und, hey, gebt es zu, ihr seid alle etwas müde – und die Digitalisierung und Eventisierung einfach ignorieren, das läuft nicht so gut, wie anfangs gedacht. Ihr braucht uns. Hier sind wir.
Und wir erklären zum soundsovielten Mal, dass auch unser Studium etwas wert ist, auch wenn es Bachelor/Master heißt. Mensch, das gibt’s doch nicht erst seit gestern, sondern seit sechs Jahren, fast überall. Dass wir einen praxisnahen Aufbaustudiengang studiert haben und wissen, wie man nen Stift hält und welche Abteilungen zu einem Verlag gehören. Ach, und ich bin so jung, denn mich trieb der Baföganspruch.
Normal ist also ein Volontariat nach dem Studium. Hmh. Ok, scheint zunächst ein Überbleibsel aus der Zeit, in der Geisteswissenschaftler Theorie und Praxis deutlich trennten. Müssen Berufsanfänger denn schon gleich alles können? Aber, wir können es nicht beurteilen und warum auch nicht? Dann sickern die ersten Zahlen durch. Wir dürfen uns gegen Konkurrenten durchsetzen, um ein Jahr Vollzeit für weniger als Tausend Euro im Monat zu arbeiten. Das kann man sich ausrechnen: Versicherung, Miete, Ticket für die Öffis… mit Hartz IV hat man da fast mehr raus. Für zwei Tage die Woche würden wir es machen… Aber dafür gibt es zu viele Bewerber, die wohl noch von Papi unterstützt werden. Wir wollen ja nicht ungerecht sein, aber wie ist das denn bitte sonst gedacht?
Eine Dozentin antwortet darauf mit: „Aber wussten Sie das nicht vor dem Studium?“ Jo, schon, aber wir würden es wieder tun.
Ich nenne mich Freie Journalistin und schreibe meine Lieblingszeitung an. Sie nehmen gerne, entschuldigen sich aber, es gäbe keine hohe Bezahlung.
Eine Freundin erzählt mir, was sie als freie Mitarbeiterin beim Radio bekommt. Ich bestelle mir direkt noch an der Strippe Das ABC des Radiojournalismus.
Ich verzweifele mit einer Freundin bei der Anmeldung zur Künstlersozialkasse. Einmal muffeln, ein Gläschen Tee. Dann geht es plötzlich. Ein Problem weniger.
Ich fische meine Lieblingszeitung aus dem Briefkasten. Mein Artikel ist ganz groß. Ich weine ein wenig, glücklich, bevor ich mich wieder an den Schreibtisch setze.

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Lina Kokaly

Lina Kokaly hat litaffin mitgegründet. Sie schrieb u.a. auch für den Tagesspiegel, die zitty, DRadio Wissen und die Neue Zürcher Zeitung. Mittlerweile ist sie Hörfunk- und Fernsehjournalistin bei Radio Bremen und hat ihren Autorenposten hier für die neuen Studierenden geräumt.

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