Kolja Mensing – Fels

Der integere Soldat in einer schlechten Armee; die unbeteiligten Nachbar*innen in dunkelen Zeiten; Die Ausgelieferten, die mitgemacht haben, weil sie keine Wahl hatten.

Wir alle kennen die Narrative von Menschen, die sich in totalitären Regimen behaupten müssen oder sich unterordnen, ohne jedoch vom System überzeugt gewesen zu sein. Im Laufe der Generationen von Erzählenden und Nachgeborenen entstehen Leerstellen, die durch die strahlenden Momente in bösen Tagen gefüllt werden. Genau so einer, seiner, Familiengeschichte nähert sich Kolja Mensing mit Fels und plötzlich ist die romantische Verlobung seiner Großeltern im Jahr 1943 nicht mehr die einzige nennenswerte Familienerinnerung an den Krieg.

Kolja Mensing: Fels. Verbrecher Verlag 2018 © Leonie Hohmann

 

Sie hatte immer gern von früher erzählt, am liebsten über die Zeit, in der sie meinen Großvater kennengelernt hatte, und die Geschichte, die ich am häufigsten von ihr gehört hatte, war die von der heimlichen Verlobung mitten im Krieg.

Die Geschichten seiner Großmutter hat Kolja Mensing stets auch gerne angehört, schreibt er in Fels. Erst als seine Großmutter den jüdischen Knecht, Albert Fels, auf dem Hof des Onkels erwähnt, fällt ein Schatten auf die Familiengeschichte und eine Nebenfigur, von der nie die Rede war, wird zum Protagonisten und Namensgeber von Mensings Buch:

Man weiß ja, was damals passiert ist, sagte meine Großmutter, und tatsächlich war es nicht schwer, es sich vorzustellen.

Nachdem er nach übermäßigem Alkoholkonsum ins Delirium gefallen sei, wurde der Viehhändler Fels in eine Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen und kehrte nie zurück, so die Aussage seiner Großmutter. Für Mensing sind diese Informationen der Ausgangspunkt für eine großangelegte Recherche, in der er die Erinnerungen seiner Großmutter mit offiziellen Dokumenten abglich.

„Meine Großmutter hatte aus dem Krieg eine Liebesgeschichte gemacht.“

Mensing verfolgt dennoch nicht den Ansatz, die menschlichen Abgründe seiner Familie zu untersuchen. Vielmehr ist Fels durch die Fragen nach dem Umgang mit Erinnerungen geleitet. Wie entstehen Familiengeschichten? Wie gerraten bestimmte Elemente aus dem Fokus der Erzählenden? Wie wird die eine Wahrheit konstruiert und wie wird sie weitergegeben?

„Albert Fels, das war jetzt die offizielle Version der Ereignisse, war im betrunkenen Zustand gestürzt.“

Die offizielle Version der Ereignisse – Mensings Buch ist eine Dechiffrierung der offiziellen Überlieferungen in Dokumenten und in den Erzählungen seiner Familie. Weil der Autor diese unterschiedlichen Quellen so fließend miteinander verwebt und auch seine eigene Person die Beschaffenheit des Erzählten prägt, entsteht leicht der Eindruck, der Text mäandere zwischen Sachbuch und dokumentarischem Roman. Fels ist dabei ein Buch, dessen Erzählarbeit genauso hinterfragt werden kann wie das des Erinnerungssystems, das es selbst untersucht. Es schafft eine Form, die sich sachlich und doch einfühlsam dem Persönlichen nähern kann; die blinde Flecken in der Familiengeschichte aufdeckt, ohne unheilbare Wunden zu reißen.

*Kolja Mensing (Jahrgang 1971) lebt in Berlin und ist Literaturredakteur bei Deutschlandfunk Kultur. Im Verbrecher Verlag veröffentlichte er bereits mehrere Erzählbände und Theatertexte.

Kolja Mensing: Fels. Verbrecher Verlag 2018.

 

 

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Leonie Hohmann

„Kein Feuer, keine Kohle, kann brennen so heiß als […]“das Herz der gebürtigen Essenerin (Jahrgang ’94) für Literatur, Theater, Tanz, Musik und Großstadtluft. Nach dem Grundstudium in Bochum ereilte sie der Ruf nach Berlin, wo sie seit 2017 Angewandte Literaturwissenschaft studiert.

[Zitat entnommen: Volkslied, anonym, 18.Jh.]

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