Maike Wetzel – Elly

Was passiert mit einer Familie, wenn sie ein Kind verliert? Nicht bei einem tragischen Unfall, nicht durch eine schwere Krankheit, sondern einfach so. Aus dem Nichts. Verschwunden. Spurlos verschwunden.

Davon erzählt Maike Wetzel in ihrem Debütroman Elly.

Elly © Sofie Mörchen
Elly © Sofie Mörchen

Am hellichten Tag verschwindet die 11-jährige Elly spurlos auf dem Weg zu ihrem Sportkurs. Es ist kein dämmriger Wintermorgen auf einsamen Feldwegen- und Waldwegen. Es ist ein sommerlicher Nachmittag und Elly wird zuletzt in der Stadt gesehen. Das Setting passt nicht und doch: Das Kind bleibt verschwunden.

Das Thema von Maike Wetzels Roman ist jedoch nicht vorrangig die Suche nach dem Mädchen. Vielmehr erzählt ihr Romandebüt, was eine Suche ohne Ergebnisse und Antworten mit den Hinterbliebenen macht. Ellys Schwester und ihre Eltern erzählen aus ihrer Sicht die Jahre nach dem Verschwinden. Dabei bleiben sie bei den häufig wechselnden Perspektiven nicht die einzigen, die die Rolle des*der Erzählenden ergreifen:

Diese Geschichte ist meine Geschichte. Ich bin diejenige, die darin fehlt.

Die Schwester

Ines versucht einen Ersatz für ihre kleine Schwester  zu finden. Während eines Krankenhausaufenthalts überredet sie ihre Bettnachbarin Almut dazu, sich zu verkleiden. Eine dunkle Langhaarperücke, Ellys Kleider, Lauf- und Sprechtraining – Ines tut alles, damit Almut zu Elly wird. Auch wenn Ines die Regeln diktiert, entwickeln die Mädchen eine psychische Abhängigkeit voneinander. Um zusammen zu bleiben, infizieren sie sogar Almuts frische OP-Naht. Selbst als sie entlassen wird, läuft Almut weg, um zu Ines zurückzukehren. Doch beide Mädchen wissen, dass ihre Schwesternschaft nun vorbei ist. Almut verschwindet als Erzählerin genauso überraschend wie sie aufgetreten ist. Im darauffolgenden Kapitel übernimmt Ines nun selbst das Wort:

Meine Schwester ist tot. Ich traue mich kaum, das zu denken, weil ich weiß, dass mein Glaube genügt, um sie umzubringen.

Der Roman zeichnet das Bild einer Schwester, die intelligent und kreativ ist und andere manipulieren kann. Dabei neigt sie zu Impulsivität und nutzt ihre Eigenschaften, um die Narration und den Verlauf der Geschichte zu beeinflussen. Obwohl auch die Eltern ihren Teil der Geschichte erzählen, bleibt Ines trotz ihrer Unberechenbarkeit die verlässliche Quelle im Rahmen der nun folgenden Ereignisse.

Nie mehr dieselbe

Plötzlich taucht Elly in Dänemark wieder auf. Nach jahrelanger Folter und Gefangenschaft wird das Mädchen nie mehr dieselbe sein, heißt es. Oder ist die neue Elly vielleicht gar nicht die Elly, die einst verschwunden ist? Verzweifelt klammert sich die Familie an ihr zurückgewonnenes Nesthäkchen. Selbst als eine Therapeutin den entscheidenden Hinweis liefert, dass die neue Elly nicht die verlorene Tochter sei und sogar vor der Fremden warnt, stellt sich die Familie nicht der Wahrheit.

Im letzten größeren Abschnitt offenbart sich dann die neue Elly und liefert so endgültige Gewissheit und gibt auch ihre wahre Identität preis:

Elly kommt zu mir. Sie ist eine Puppe. Ich leihe sie mir aus. Ich sage der Richterin, wer ich bin. Ich bin Elly. Ich fühle mich frei.

Wo ist die echte Elly?

Das Auftauchen der neuen Elly  tröstet die Romanfamilie und auch Lesende über das Fehlen der eigentlichen Tochter hinweg. Dass plötzlich jemand die Lücke füllt und eine Version des Unaussprechlichen anbietet, genügt, um in Ansätzen Ruhe zu finden. Auf den letzten drei Seiten des Romans bietet die echte Elly selbst eine Version ihres Verschwindens an, die jedoch kaum befriedigend ist. Vor allem, weil zu diesem Zeitpunkt die Suche nach Antworten bei allen Beteiligten aufgegeben ist – auch bei den Lesenden.

Fazit

Maike Wetzel gelingt mit Elly ein beeindruckendes Psychogramm, das in der ersten Hälfte des Romans eine kaum zu ertragende Reibung erzeugt. In dieser Schleife müssen Lesende und Angehörige mit der traurigen Gewissheit „leben“, dass sie nichts über Ellys Verbleib wissen. Im zweiten Großabschnitt bietet der Roman Antworten, die noch so halbseiden seien mögen. Sie verschaffen trotzdem Linderung. Diese letztgültige Auflösung des Verschwindens mag als Schwäche des Romans interpretiert werden. In Wahrheit liegt die Schwäche bei denen, die sich mit der angebotenen Eindeutigkeit wirklich zufrieden geben.

Maike Wetzel: Elly. Schöffling & Co 2018.

*Drehbuchautorin und Schriftstellerin Maike Wetzel (Jahrgang 1974) lebt in Berlin. Nachdem ihre Erzählungen in mehrere Sprachen übersetzt wurden, erhielt sie nun für ihr Romandebüt Elly den Robert Gernhardt-Preis und den Martha Saalfeld-Preis.

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Leonie Hohmann

„Kein Feuer, keine Kohle, kann brennen so heiß als […]“das Herz der gebürtigen Essenerin (Jahrgang ’94) für Literatur, Theater, Tanz, Musik und Großstadtluft. Nach dem Grundstudium in Bochum ereilte sie der Ruf nach Berlin, wo sie seit 2017 Angewandte Literaturwissenschaft studiert.

[Zitat entnommen: Volkslied, anonym, 18.Jh.]

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