Very German, very Georgian: Literaturszene und Arbeitsbedingungen

Wie sieht die Literaturszene in Tbilisi und Berlin aus? Welche Strukturen prägen beide? Unter welchen Bedingungen findet literarisches Arbeiten statt – in Deutschland und in Georgien? Welche Bedürfnisse und welche Kritik lassen junge Autorinnen beiderorts verlauten? Diesen Fragen stellten sich vergangene Woche junge Autor*innen beim Berlinisi-Festival in einem Workshop.

Workshop "Doing Literature" beim Literaturfestival Berlinisi © Angie Martiens
Workshop „Doing Literature“ beim Literaturfestival Berlinisi © Angie Martiens

Beim Literaturfestival Berlinisi haben sich 16 junge deutsche und georgische Autor*innen ausgetauscht, angefreundet und gemeinsam künstlerisch ausgetobt. Mit Juliane Noßack (poesierausch), die viele noch von Litaffin kennen werden, und Isabella Caldart (novellieren) habe ich das Festival begleitet und auf dem Festival-Blog festgehalten. Besonders aufschlussreich in diesen Tagen war der zweiteilige Workshop „Doing Literature“, geleitet von Christophe Knoche (Sprecher der Koalition der Freien Szene in Berlin). Hier begaben sich die jungen Autor*innen aus Berlin und Tbilisi in Reflexionen über ihre Schreibpraxis, über Bedingungen ihres literarischen Arbeitens und über die Literaturszenen ihrer Städte. Dieser Austausch bot spannende Einblicke in die jeweils andere Literaturwelt, schärfte dabei aber auch den Blick für die Perspektive, aus der heraus wir ‚das Andere‘ beurteilen.

Very German: ‚Kulturförderprogramme‘ and ‚Arbeitsstipendien‘

Christophe Knoche beginnt den Workshop mit Reflexionen über die Orte des eigenen Schreibens. Das Nachdenken über die eigenen Texte kann überall und neben jeder Tätigkeit stattfinden, diese Ansicht eint alle Anwesenden. Wo das eigentliche Schreiben jedoch vollzogen wird, wird entsprechend verschiedener Bedürfnisse unterschiedlich organisiert. Die Berliner Autorinnen Helene Bukowski und Lorena Simmel berichten von ihren Erfahrungen mit einem Aufenthaltsstipendium: Einen Ort zu haben, der nur der Aufgabe des Schreibens gewidmet ist und an dem man sich nicht mit Aufgaben des Alltags ablenken kann, erzeuge eine besondere Produktivität. Kulturförderung, wie etwa Stipendien, gibt es jedoch nur, weil sich Künstler*innen aktivistisch zusammenschließen, um gemeinsam bessere Arbeitsbedingungen zu erstreiten, betont Christophe Knoche, der selbst Sprecher der Koalition der Freien Szene Berlins ist. Kritik und neue Forderungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen kommen auch in dieser Runde auf: Im Gegenzug für die Aufenthaltsstipendien würde oft solch ein Umfang an Workshops, Lesungen und Textbeiträgen gefordert würde, dass das Schreiben an den eigenen Texten mitunter kaum noch möglich sei; außerdem wird der Wunsch geäußert, dass man während Aufenthaltsstipendien auch die Partner*innen bzw. Familie mitbringen dürfen sollte: Denn was nützt der schönste Arbeitsort, und was nützt es, wenn man diesen sogar für ein halbes oder ein Jahr gestellt bekommt, wenn dann wichtige private Beziehungen darunter leiden.

In Georgien gibt es keine finanziellen oder räumlichen Stipendien, stattdessen aber einige Wettbewerbe mit Preisgeldern. Dennoch könne in ihrem Land niemand vom Schreiben leben, auch nicht etablierte Autor*innen, betonen die jungen Georgier*innen immer wieder. Sie alle haben einen Vollzeitjob und organisieren ihr Schreiben um diesen herum. Als eines der zentralen Probleme georgischer Schriftsteller*innen kristallisiert sich daher die Frage heraus, wie man Beruf, Familie, Alltag und das Schreiben unter einen Hut bekommt. Angesichts dieser Berichte erscheint vielen der deutschen Autor*innen  ihr kulturpolitisches System als großes Privileg.

Vernetzung und literarische Szene in Berlin

Christophe Knoche leitet die Gruppendiskussion auch über zur Frage nach den literarischen Szenen Berlins und Tbilisis. Das Gros der acht deutschen Autor*innen hat das Gefühl, gut in die Szene integriert zu sein – ohne einen Zwang zu verspüren, bei jeder Veranstaltung dabei sein zu müssen; Kontakt zu anderen Literat*innen finden die meisten bei Lesungen und Literaturmagazinen. Insbesondere wer in dieser Runde Kreatives Schreiben studierte, scheint durch das Studium automatisch Teil literarischer Kreise zu sein. Die freie literarische Szene Berlins ist groß und vielfältig – jedoch nur aufgrund des Engagements vieler Einzelner, betont Christophe Knoche in beiden Teilen des Workshops immer wieder. Um begreifbarer zu machen, dass eine Szene nicht einfach da ist, sondern nur durch das Aktivwerden Einzelner besteht, wird als Beispiel kurzerhand der Veranstaltungsort des Festivals herangezogen: das Literaturhaus Lettrétage.

Wie Dinge beginnen… Beispiel: Lettrétage

Tom Bresemann, Lettrétage-Mitbegründer, berichtet daher spontan vom Entstehen des Literaturhauses: Er betont, dass am Anfang einer solchen Gründung noch gar kein festes Konzept stehen müsse; die Lettrétage sei vielmehr entstanden, weil einige Bekannte zufällig zum gleichen Zeitpunkt Lust auf ein kleines, noch unausgegorenes Projekt hatten und man für wenig Geld einen Raum mieten konnte. In den ersten Jahren war das Projekt nicht auf Einnahmen angelegt; die kleinen Lesungen finanzierten die niedrige Raummiete; das genügte. Die Möglichkeit öffentlicher Fördergelder zog man erst Jahre später in Betracht. So – zufällig, ohne Masterplan und Finanzierung oder gar Einnahmen – fangen die meisten freien Projekte an: Ein Konzept, das den anwesenden Georgier*innen scheinbar seltsam vorkommt. Bis hierhin betonte der Workshop, dass es nicht viel braucht, um einen eigenen Beitrag zu einer freien Szene zu leisten: eine Hand voll Leute, Engagement und eine Möglichkeit des Vernetzens – und sei es einfach nur über Facebook.

Georgiens Szene: Schreibst du noch oder facebookst du schon?

Doch dass diese Idee von Räumen einer freien Szene nicht überall funktioniert, macht der deutsch-georgische Austausch im Laufe des Workshops deutlich – auch Facebook ist hier ein zentrales Stichwort. Denn die georgische Literaturszene spielt sich fast ausschließlich über Facebook ab: Literat*innen, ob groß, ob klein, publizieren ihre Texte oft über diesen Kanal, werden hierüber mitunter auch von Verlagshäusern entdeckt und haben hier auch ihre lesende Fanbase versammelt. Ein literarischer Post und 300 Likes dafür bekommen? Das ist normal, erzählen die jungen georgischen Autor*innen und alle Nicht-Georgier*innen im Raum sind perplex. Facebook ist zudem, das kennt man auch aus dem deutschen Kontext, ein wichtiges Medium um sich zu solidarisieren und zu mobilisieren. Das ist auch im literarischen Kontext mitunter nötig, denn in Georgien könne man als Autor*in auch mal Probleme mit der Meinungsfreiheit bzw. Korruption bekommen. Die online-offline-Differenz tritt während des Festivals auch durchaus performativ zu Tage: Während Tako Poladashvili scheinbar ununterbrochen via Facebook-Newsfeed weiß, was in ihrer Community gerade passiert, erzählt Lorena Simmel, dass sie gar kein Facebook habe.

Very Georgian: Skepsis gegenüber staatlicher Involvierung

Eine bunte offline-Szene für literaturinteressierte wie -schaffende Menschen, in der man sich nachts wie tags herumtreibt, ist also vielleicht kein rein deutsches so doch aber gewiss kein georgisches Phänomen. Im georgischen Kontext würde eine derartige Szene, die letztlich auf Fördergeldern basiert, auch gar nicht funktionieren. Die Georgier*innen erklären, dass man aus zweierlei Gründen eine große Abneigung gegen eine staatliche Förderung habe: Zum einen hat die lange Zeit der sowjetischen Führung eine große Skepsis produziert, denn jahrzehntelang bedeutete eine staatliche Förderung der Kunst und Kultur zwangsläufig auch deren inhaltliche Steuerung und Manipulation. Zum anderen hat das Land noch einige größere soziale Probleme. Der gesellschaftliche Diskurs gibt daher vor, dass Staatsgelder viel dringender in das Gesundheitswesen und die Bildung anstatt in Kunst und Kultur investiert werden müssen. Würde sie staatliche Gelder für die eigenen literarischen Projekte erhalten, würden sie sich daher auch moralisch unwohl fühlen, erklärt Anina Tepnadze aus Tbilisi. Es kommen also viele verschiedene individuelle, kulturpolitische und gesellschaftliche Aspekte zusammen, die in Georgien statt einer freien, geförderten offline-Szene, wie im Falle Berlins, eine gut vernetzte und vielfältige online-Szene der Literatur entstehen ließen.

Tbilisi: Heart of art

Weitreichende Kanäle haben die jungen georgischen Autor*innen aber auch über Facebook hinaus: Zura Abashidze ist hauptberuflich Drehbuchautor einer Literatursendung für Kinder und junge Leute, Nika (Nikolos) Lashxia arbeitet für eine künstlerische Radiosendung, gibt eine Literaturzeitschrift mit heraus und organisiert zusammen mit Giorgi Shonia das Literaturfestival F5, das Literatur und Kultur aus dem Sammelbecken der Hauptstadt hinaus in die weniger urbane Region trägt. Der Ansatz dieses Festivals spricht einen weiteren Unterschied deutscher und georgischer Literaturszenen an: In Georgien versammeln sich Kreative und Künstler*innen, Aktivist*innen und viele junge Menschen ausschließlich in der Hauptstadt Tbilisi, die auch die einzige georgische Stadt mit einem Nachtleben sei. Da die Stadt mit etwas über eine Millionen Einwohner*innen dennoch vergleichsweise klein ist, kennen sich die Leute aus Literatur, Kultur und Kunst untereinander gut. Gleichzeitig führe diese Hot-Spot-Entstehung dazu, dass Menschen außerhalb der Hauptstadt praktischen keinen Zugang zur Kultur haben – ein Umstand, dem das erwähnte Festival etwas entgegensetzen will.

Fazit

Der Workshop “Doing Literature” verdeutlichte viele Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Auf deutscher Seite schien das eigene System zunächst schnell als ein großes Privileg sichtbar zu werden. Von Privilegien zu sprechen ist auch äußerst wichtig, denn es bedeutet, gesellschaftliche Machtstrukturen zu erkennen; doch mitunter wird damit ein Machtgefälle gerade erst produziert: Es setzt fest, wer sich in einer besseren und wer in einer schlechteren Situation befindet. Die jungen Georgier*innen haben im Laufe der beiden Workshoptage jedoch sehr deutlich artikuliert, dass die freie Szene Berlins und die deutsche Politik der Kulturförderung nicht als ultimatives role model gelten können. Die literarischen Szenen und Arbeitsbedingungen sind entsprechend der nationalen Kontexte sehr verschieden organisiert, aber beide gleichermaßen spannend, vielfältig und lebendig.

 

Georgien auf Litaffin anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2018:

Teil I der Georgienserie: Der Charme des abblätternden Lacks. Eine (Bilder-)Reise durch Tbilisi

Teil II der Georgienserie: Frauen im georgischen Literaturbetrieb

Teil III der Georgienserie: Very German, very Georgian: Literaturszene und Arbeitsbedingungen

Teil IV der Georgienserie: Supra – Ein georgisches Festmahl

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Angie Martiens

Angie Martiens

1991 in Berlin geboren, bleibt Angie der Stadt weitestgehend treu. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft in Berlin und Stockholm, dann was ganz Verwegenes: Neuere deutsche Literatur und Tanzwissenschaft. Mit Interesse für die Schnittstellen von Politischem und Kulturellem, Diskursivem und Künstlerischem bewegt sie sich gerne durch Texte, Räume und Theorien.
Angie Martiens

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