Queer Love

Anlässlich des Christopher Street Days in Berlin hat die litaffin-Redaktion ihre liebsten queeren Liebesgeschichten zusammengetragen: Liebe unter Freundinnen, Liebe im Spannungsfeld kultureller und familiärer Erwartungen, Liebe in historischen Romanen, in Gedichten voller Lust oder im Kontext chronischer Erkrankungen. So vielschichtig wie diese kleine Auswahl zeigt sich mittlerweile auch die Literatur über queere Liebe.

Yael van der Wouden: The Safekeep

Von Hannah-Lou Multhaup

cover von safekeep

Am liebsten würde ich kein Wort über diesen Roman verlieren und ihn einfach jedem stillschweigend in die Hand drücken. Eine Besprechung von The Safekeep stellt einen vor die große Herausforderung, dass man schon durch die bloße Beschreibung der Handlung Gefahr läuft, einen der entscheidenden Plottwists vorwegzunehmen. Darin zeigt sich bereits die erste große Qualität der Erzählung: ihre Unvorhersehbarkeit. Van der Wouden baut mit ihrer Erzählweise eine konsequente Spannung auf, in der die Handlung immer wieder unerwartete Wendungen nimmt.

Etwas scheint aus dem Lot zu geraten, als unsere Protagonistin Isabel im Garten ihres Hauses eine Scherbe des von ihrer Mutter so geliebten Geschirrs mit Hasenmotiv findet. Es ist eines der vielen Symbole, die van der Wouden geschickt in ihren Roman streut, um uns immer wieder subtile Hinweise auf das eigentliche Thema der Geschichte zu geben. Was zunächst wie ein Thriller anmutet, verschiebt schon bald seine Konturen. Mit dem Auftauchen von Eva, der neuen Freundin von Isabels Bruder Louis, öffnet sich die Erzählung in eine neue Richtung. Schon das erste Zusammentreffen der beiden Frauen, unterkühlt und von Isabels Widerwillen überschattet, kündigt diese Verschiebung an. Und während Isabel sich zunächst nur widerstrebend gezwungen sieht, die Freundin ihres Bruders in ihrem Haus aufzunehmen, bricht sich bald eine andere, verborgene Spannung Bahn – eine Anziehung, die sie nicht länger verleugnen kann. Mehr sei an dieser Stelle über die Handlung nicht verraten.

Auf den folgenden Seiten entwickelt sich eine Geschichte über Liebe, Lust und Verlust sowie verdrängte Schuld. Im Zentrum steht dabei immer das Haus – the safekeep. Dieses zu erhalten und zu schützen, hat sich Isabel zur Lebensaufgabe gemacht; Es ist alles, woran ihr etwas liegt, alles, was ihr bleibt. In Isabels pedantischer Pflege von Mauern und Inventar wirkt Eva wie ein Fremdkörper, der das Gleichgewicht stört. Der Titel der deutschen Übersetzung, In ihrem Haus, scheint mir an dieser Stelle auch sehr treffend gewählt, lässt er doch offen, wem das Haus gehört und wer der Eindringling ist.

Doch van der Wouden belässt es nicht bei einer Liebesgeschichte. The Safekeep ist auch ein historischer Roman. Wir befinden uns in den Niederlanden, gut fünfzehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, im Sommer 1961. Das Haus, um das sich alles dreht, erwarb Isabels Familie während der Kriegsjahre, in denen sie und ihre Brüder darin Schutz fanden. Auch 1961 ist der Krieg noch nicht vergangen: Van der Wouden lässt ihn in Gesprächen und Gegenständen aufscheinen, als Nachhall eines verzerrten Blicks der Niederländer*innen auf die eigene Geschichte und ihres schwierigen Umgangs mit Holocaust-Überlebenden.

Mit ihrem Debüt The Safekepp verschränkt Yael van der Wouden auf feine und clevere Weise niederländische Nachkriegserfahrungen mit einer queeren Liebesgeschichte. Dieser Genremix sowie van der Woudens wunderbarer Stil mit pointierten Dialogen und präzisen, nahezu poetischen Beschreibungen von Objekten machen das Buch zu einem Vergnügen, bei dem man fast unbemerkt niederländische Geschichte mitnimmt. Ein Roman, der nachhallt und bisher mein absolutes Lesehighlight dieses Jahres.

Yael van der Wouden: The Safekeep. Avid Reader Press 2024, 262 Seiten. In der deutschen Übersetzung bei Gutkind erschienen.


Kay Matter: Muskeln aus Plastik

Von Emma Rotermund

Wie führt man eine Beziehung auf Augenhöhe, wenn eine Person chronisch krank ist? Und wie funktioniert überhaupt Dating, wenn auf jede freudige Aufregung über eine Nachricht des Crushs eine Welle von Glieder- und Lungenschmerzen folgt? Kay ist an Long Covid erkrankt und verbringt oft Tage bewegungslos im Bett. Um die Symptome im Schach zu halten, muss er seinen Körper konstant überwachen und jegliche Anstrengung vermeiden – was sich schwer mit seiner frischen Verliebtheit in Aaron vereinen lässt. Auch Kays Transition wird durch die Krankheit verlangsamt: Seine „Gym-Boy-Pumper-Fiktion“ kann er lediglich in der Physiotherapie ausleben, wo er mit Sauerstoffsättigungsmessgerät am Finger zu schwere Gewichte hebt. Statt „wie ein männlicher Stripper“ fühlt Kay sich häufig eher „wie eine verpennte Patientin“, wenn er geschwächt sein T-Shirt über den Kopf streift.

Zwischen autofiktionalem Essay, politischem Manifest und surrealistischen, traumartigen Sequenzen zeigt Kay Matter in seinem eindrucksvollen Debüt, wie ein Netzwerk der Fürsorge zwischen Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen aussehen kann. Immer wieder geht es auch um das Unvermögen, sich mitzuteilen, und darum, eine Sprache für den (körperlichen wie seelischen) Schmerz zu finden. Es ist so erhellend wie unterhaltsam, dieser Suche zu folgen, die sich auch in der Form widerspiegelt: Ähnlich wie eine chronische Krankheit selten linear verläuft, springt das Buch durch die Zeit und die Genres und bezieht immer wieder Theoretiker*innen wie Susan Sontag oder Alison Kafer mit ein – als seien auch sie Teil des „Care Webs“, das Matter entwirft.

Kay Matter: Muskeln aus Plastik. Hanser Berlin 2024, 238 Seiten.


Adiba Jaigirdar: Hani & Ishu – Fake-Dating leicht gemacht

Von Julie Wolz

Jugendromane mit queeren Liebesgeschichten sind längst nicht mehr bloß Randerscheinungen auf dem Buchmarkt. Doch obwohl queere Figuren inzwischen häufiger sichtbar sind, bleiben Themen wie religiöse Zugehörigkeit oder Biphobie oft unterrepräsentiert. Genau diese Lücke schließt Adiba Jaigirdar in ihrem Roman Hani & Ishu – Fake-Dating leicht gemacht. Einfühlsam und mit einem Hauch Humor macht sie erlebbar, wie komplex es ist, als junge People of Color (PoC) den Erwartungen von Familie, Freund*innen und sich selbst gerecht zu werden.

Der Roman erzählt von den beiden bengalisch-irischen Jugendlichen Humaira („Hani“) und Ishita („Ishu“), die auf den ersten Blick kaum gegensätzlicher sein könnten: Hani ist beliebt, freundlich und harmoniebedürftig, während Ishu mit ihrer ehrgeizigen und schroffen Art eher als Außenseiterin gilt. Eigentlich wollen die beiden so wenig wie möglich miteinander zu tun haben. Doch als Hanis Freundinnen an ihrer Bisexualität zweifeln, behauptet sie kurzerhand, mit der verschlossenen Ishu zusammen zu sein. Ishu lässt sich darauf ein. Im Gegenzug soll Hani ihr helfen, zur Schulsprecherin gewählt zu werden. Was als reines Täuschungsmanöver beginnt, entwickelt sich langsam zu einer berührenden Liebesgeschichte. Die Geschichte bleibt dabei nicht an der Oberfläche, sondern verhandelt eindrücklich, wie tiefgreifend und allgegenwärtig Diskriminierung und kulturelle Zuschreibungen in den Alltag der Protagonistinnen hineinwirken.

Adiba Jaigirdar gelingt es, mit viel Feingefühl und autobiografischer Authentizität die Lebensrealität junger, queerer PoCs zu erzählen. Aus wechselnden Perspektiven von Hani und Ishu schildert sie, wie kulturelle und familiäre Erwartungen mit queerer Identität kollidieren können. Sei es Hanis Unsicherheit im Umgang mit ihrer Religion gegenüber ihren Freundinnen oder Ishus Leistungsdruck als akademische Hoffnungsträgerin der Familie. Dazwischen leuchten immer wieder liebevoll gezeichnete Details bengalischer Alltagskultur auf. Besonders bewegend ist hierbei die Beziehung zwischen Ishu und ihrer älteren Schwester.

Jaigirdar hält mühelos die Balance zwischen schwerwiegenden Themen wie Biphobie, toxischen Freundschaften und Rassismus und einer leichten, romantischen Coming-of-Age-Erzählung, die Mut macht und das Herz berührt.

Adiba Jaigirdar: Hani & Ishu – Fake-Dating leicht gemacht (aus dem irischen Englisch von Leslie Fried und Anna Kuntze). ONE Verlag 2023, 368 Seiten.


Andrew McMillan: Physical

Von Sidney Kaufmann

es ist prähistorisch / es ist schrecklich

Andrew McMillans Lyrikband Physical zeigt ganz unmittelbar die Konkretheit eines Alltagsbewusstseins, das sich von seinem Geprägt-Sein treiben lässt. Seine Erfahrungen haben sich rettungslos eingespeichert. Das, wovon es nicht loskommt, sind die Ideen und Artikulationen einer trainierten Männlichkeit.

Seine Faszination richtet sich vor allem auf das Intensive:    
Die Verbissenheit, das Gym, das Pissoir, das „geneigte Fleisch“, die Beleidigungen, die „schweißnassen Handtücher“, die Unverzeihlichkeit des Blicks, die „Hoffnungen anderer Männer“, die Latenz des Sexuellen, die Dichte an Erwartungen und Abweichungen, die Sanktionen.

am Anfang bat ich dich/
dir beim Pornos schauen zuschauen zu dürfen

Die Gedichte bewegen sich zwischen den Kontrasten von Bedürfnissen und Selbstregulation, Sicherheit und Ausgeliefertsein. Und dann geht es auch um den Versuch, aus der eigenen Haut zu kommen; die Sehnsucht, sich von der willkürlichen Relevanz der eigenen Geschichte zu lösen; sich so selbst zu eigen zu machen. Und dann bahnt sich in diesem Chaos des Sich-selbst-im-Weg-Stehens – trotz allem – ein freies Empfinden einen Weg in die Wirklichkeit.

und hinter der Grenze wickelt sich der Mann, den ich liebe /
in einen anderen /
und sie sprechen kein Wort miteinander

Andrew McMillan: Physical. Gedichte und Poems. Zweisprachige Ausgabe (aus dem Englischen von Mazlum Nergiz und Richard Stoiber). MÄRZ Verlag 2023, 117 Seiten.


Chloe Michelle Howarth: Sunburn

Von Lilli Anlauf

Ein kleines Dorf in Irland, Anfang der 1990er Jahre: Hier wohnt Ich-Erzählerin Lucy, die uns mitnimmt bei ihrem Erwachsenwerden. Wir stecken in ihren Gedanken, machen jede Entwicklung mit, fühlen mit ihr, sind ebenso verzweifelt, wütend und verliebt wie sie. Und dann gibt es da Susanna, Lucys erste große Liebe. Sie sind in der gleichen Freundinnengruppe, die gemeinsam zur Schule gehen, sich Kleider für den Abschlussball aussuchen und auf Partys betrinken. Nur dass sich zwischen den beiden ganz langsam eine wirklich klebrig-süße Liebe entwickelt, die aber aufgrund von Diskriminierung, die überall lauert, und der fehlenden Akzeptanz der sehr katholisch geprägten Gemeinde und vor allem der Angst vor Ablehnung nie so richtig Platz finden kann – oder? 

Mit ihr zusammen zu sein, ist eine Sünde, ohne sie zu sein, eine Tragödie.

Chloe Michelle Howarth trifft in Sunburn die Balance zwischen Liebesgeschichte und Coming-of-Age-Roman mit einem beeindruckend zarten, nahen und puren Ton – der sich auch in der deutschen Übersetzung von Karoline Hippe in seiner Teenagerhaftigkeit wunderbar überträgt. Dass es immer mal wieder fast zu kitschig wird – was Lucy selbst oft genug merkt – passt dabei so gut wie das sommerlich heiße Setting, um das gefühlt existenzielle Begehren der Protagonistin und den Druck, der auf ihr lastet, zu zeichnen.

Ein feinfühliges Buch zwischen der ersten Zigarette, sich falsch fühlen, verlorenen Freundinnenschaften und Sonnenbrand.

Wäre es nicht schön, wenn ich ein eigenständiger Mensch sein könnte?

Chloe Michelle Howarth: Sunburn (aus dem Englischen von Karoline Hippe). Bastei Lübbe 2025, 336 Seiten.

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