Karsten Krampitz: Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung

Von Juliana Klein
„In Hartroda war das, fernab in Thüringen und lange her; so lange, dass es gar nicht mehr wahr ist.“ So setzt der im Herbst bei Edition Nautilus erschienene Roman Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung des Autors und Historikers Karsten Krampitz ein. Und in der Tat fühlt man sich als Leser:in in ein Kapitel der ostdeutschen (Kirchen-) Geschichte hineinversetzt, von dessen Existenz man noch nicht den leisesten Schimmer besaß. Die Kommune in Hartroda wird beschrieben als „[e]ine Kommune, so völlig aus der Zeit, nein besser noch, aus dem Land gefallen“. Der Erzähler, den wir als Bruder von Rose kennenlernen, einem jungen Mann, der an Spastizität erkrankt ist, nimmt uns mit ins thüringische Hartroda der 80er Jahre, wo unter dem Dach der evangelischen Kirche und dem Deckmantel einer „christlichen Bruderschaft“ eine Kommune der anderen Art gegründet wird: die Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung. Rose und einigen anderen Heimbewohner:innen, die an Muskelschwund leiden, gelingt es so, nach langen Heimaufenthalten ein Stück Autonomie und Selbstbestimmtheit für sich zu gewinnen. Dabei vermag es der Roman, den von der Gesellschaft abgeschriebenen Protagonist:innen (und dies bezieht sich, wie wir im Laufe des Romans erfahren, nicht nur auf Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung, sondern auch auf andere Ausgestoßene des DDR-Systems wie Schröder, oder den Pfleger Bernd Mozek, den seine Vergangenheit als Grenzer heimsucht) in aller Menschlichkeit und allen menschlichen Bedürfnissen gerecht zu werden. Er scheut sich nicht, im Kontext von körperlicher Beeinträchtigung tabuisierte Themen zu adressieren, wie beispielsweise Lust und trifft dabei stets den passenden Ton.
Nicht nur aus ideologischen, auch aus rein profanen Bedürfnissen stellt sich in der Kommune immer wieder die Frage nach Freiheit und entzieht den Begriff ganz pragmatisch einer neoliberalen Deutung:
Eine Gemeinschaft, die wirklich frei war. Nur war die Freiheit nicht beliebig. Wenn Gruns, wie gesagt, bis in den späten Vormittag im Bett liegen musste, mit Verlaub: in seiner Pisse, weil jemand anderes so frei war, hackevoll den Tag zu verpennen (…) dann hatte das mit Freiheit wenig zu tun; frei wollte auch die Freie Deutsche Jugend sein oder der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund. – Freiheit ist, wenn Menschen, die einander brauchen, anders miteinander umgehen. (S. 29)
In der Kommune gehen viele ein und aus: Teilnehmer:innen kirchlicher Rüstzeiten, Punks, Wehrdienstverweigerer – sie sind alle „Republikflüchtige im Geist“ (S. 67). Auch Schallplatten aus dem Westen zirkulieren und generell spielt die Musik mit der Band Mischpoke nicht nur eine Nebenrolle. Aber was geschieht, wenn diese Republik, deren Grundlage die Flucht war, von dem einen auf den anderen Tag verschwindet?
Karsten Krampitz: Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung. Edition Nautilus 2025, 200 Seiten.
Esther Becker: Notfallkontakte
Von Inga Kuck

TW Sexualisierte Gewalt, Missbrauch
Eine Frau* pinkelt in den Schnee, um Spuren der eigenen Existenz zu hinterlassen. In einer Karaokebar bleibt „eine baldige Braut“ auf ihrem Junggesellinnenabschied mit einem vergessenen Geburtstagsballon zurück. Ein Machtspiel rund um einen Wohnungsschlüssel endet in einer Trennung. Und an anderer Stelle taucht ein schwarzes Loch in der Küche auf, das sich ausbreitet und den Kühlschrank mitsamt Herd verschluckt …
In 14 Kurzgeschichten erzählt Esther Becker von FLINTA*s in Notsituationen, wo sie Schmerz, Gewalt und Scham ausgesetzt sind, und stellt übergreifend die Frage: Wer sind ihre Notfallkontakte, wem können sie sich in der patriarchalen Gesellschaft anvertrauen und verletzlich zeigen?
Becker schafft gleich zu Beginn in Notfallkontakte eine melancholische Stimmung. Eindringlich und mit Feingefühl zeigen ihre Texte auf, wie ihre Figuren gegen die Resignation über Machtstrukturen und einengende Konventionen kämpfen, versuchen auszubrechen und die Schwierigkeit, die richtigen Menschen in dieser Welt zu finden.
Mit poetischer Direktheit spielt Becker in ihren Kurzgeschichten mit der Textform, den Stimmen und weiblichen und queeren Perspektiven. Die lyrische Form, die sie vereinzelt einstreut, ist eine schöne Abwechslung und bringt eine eigene Rhythmik ein. Die Verwendung von körperlichen Bildern dient als Werkzeug für ihre Protagonist:innen, die sich dadurch aus ihrer Ohnmacht zu retten versuchen. Und wenn sich ihre Figuren in ihrer Resignation doch zu sehr verhaken, schafft Becker mit fantastischen Elementen Szenarien, die völlig unberechenbar und überraschend kommen und Leser:in wie Figur aufrütteln. Es finden sich zudem immer mal wieder skurrile Kippmomente, die die Ambivalenzen der Figuren unterstreichen: ein Shotglas-Anhänger, der zum sichersten Ort für die Aufbewahrung eines abgesplitterten Zahnes erklärt wird; der Mund, aus dem ein männlicher Einwand kommt, wird mit Geldscheinen gestopft oder ein Ragout, das mit Glassplittern veredelt wird.
Am Ende ihres Buches baut die Autorin zwei Medienereignisse (den Enthüllungsskandal von JT LeRoy und den Strafprozess um die Massenvergewaltigung an Gisèle Pelicot) als feministisches Gedankenexperiment ein. Wie Becker sich beiden Ereignissen nähert und diese experimentellen Perspektiven darauf schafft, ist beeindruckend. Die Skrupellosigkeit der Täter:innen und die Machtlosigkeit der Opfer in diesem System lassen einen entsetzt zurück. Doch: Obwohl die von Gewalt und Unterdrückung geprägte Welt hoffnungslos erscheint, findet Esther Becker in verletzlichen und einsamen Momenten eine leise Zärtlichkeit.
Ein Buch, das in seiner feinen, poetischen und experimentellen Art zum Nachdenken anregt und sich gut für kurze Zugfahrten in der Stadt aufgeteilt lesen lässt.
Esther Becker: Notfallkontakte. Verbrecher Verlag 2025, 106 Seiten.
Kij Johnson Die Traumsuche der Vellitt Boe u.a. Erzählungen

Von Julie Wolz
H. P. Lovecraft gehört zu den einflussreichsten Autor:innen der modernen Phantastik. Figuren wie Cthulhu oder das ominöse Necronomicon sind längst Teil der Popkultur geworden, und das Gefühl kosmischer Bedrohung, das seine Geschichten vermitteln, prägt bis heute Filme, Literatur und Spiele. Gleichzeitig gilt Lovecraft als eine der problematischsten Figuren der Genre-Geschichte. Seine Texte sind durchzogen von rassistischen und zutiefst reaktionären Vorstellungen, die sich nicht nur in seinen privaten Ansichten, sondern auch direkt in seinen Geschichten wiederfinden. Für viele Leser:innen stellt sich deshalb die Frage: Kann man Lovecrafts Geschichten heute noch lesen; oder vielleicht sogar neu erzählen?
Eine mögliche Antwort darauf liefert Kij Johnson in ihrem Erzählband Die Traumsuche der Vellitt Boe u.a. Erzählungen. Im Mittelpunkt der Sammlung steht die Titelnovelle Die Traumsuche der Vellitt Boe, die direkt an The Dream-Quest of Unknown Kadath anknüpft. Johnson greift die berühmten Traumlande Lovecrafts auf, erzählt sie jedoch aus einer neuen Perspektive. Die Hauptfigur Vellitt Boe ist Professorin an der Universität von Ulthar, wo sie junge Frauen unterrichtet, die in den Königreichen der Traumlande sonst kaum Möglichkeiten hätten. Als eine ihrer Studentinnen verschwindet, weil sie einem sogenannten Träumer in die wache Welt folgt, macht sich Vellitt Boe selbst auf den Weg, um sie zurückzuholen.
Das Besondere daran: Vellitt Boe ist keine junge Heldin, die zum ersten Mal in die Welt hinauszieht, sondern eine ältere Frau, die ihre eigenen Abenteuer eigentlich längst hinter sich gelassen hat. Gerade das macht den Reiz der Geschichte aus. Johnson erzählt von einer Figur, die die Welt bereits kennt, vorsichtig abwägt und nicht aus Naivität handelt. Die Reise durch die Traumlande wirkt dadurch weniger wie das klassische Fantasyabenteuer. Dabei gelingt es Johnson die fremdartige Atmosphäre der Traumlande einzufangen, ohne Lovecrafts problematische Weltsicht mitzunehmen. Stattdessen erweitert sie den Schauplatz um neue Perspektiven und Figuren. Die Geschichte wirkt wie ein Dialog mit der Vorlage. Sie nimmt Lovecrafts Ideen ernst, widerspricht ihnen aber zugleich.
Neben der Titelnovelle enthält der Band fünf weitere Geschichten, darunter preisgekrönte Texte wie Ponys oder Spiere. Sie bewegen sich zwischen Science-Fiction, Horror und Dark Fantasy und zeigen, wie vielseitig Johnson erzählt.
Der Band erschien 2025 im Wandler Verlag, einem jungen Independent-Verlag, der sich auf fantastische Literatur spezialisiert hat und neben Klassikern auch neuere Stimmen des Genres veröffentlicht. Übersetzt wurde die Sammlung von Hannes Riffel, der für seine Übersetzungen bereits mehrfach mit dem Kurd Laßwitz Preis ausgezeichnet wurde.
Dass ein Band wie dieser seinen Weg ins Deutsche findet, ist typisch für die Arbeit unabhängiger Verlage. Denn gerade dort finden sich oft Geschichten, die bekannte Genrewelten noch einmal anders erzählen wollen. Genau so eine Entdeckung ist Kij Johnsons Rückkehr in Lovecrafts Traumlande.
Kij Johnsons: Die Traumsuche der Vellitt Boe u.a. Erzählungen (aus dem Englischen von Hannes Riffel). Wandler Verlag 2025, 240 Seiten.
Marina Schwabe: Rift

Mit einem Tagesbudget von 15 Dollar treten die Geschwister Zuzanna und Janko ihre letzte gemeinsame Reise an. Sie wollen sich ihren Kindheitstraum erfüllen und den Pazifik sehen. Sechs Monate haben sie dafür eingeplant – entsprechend der Zeit, die Janko laut ärztlicher Prognose noch bleibt. Von New York über Illinois und South Dakota bis nach Kalifornien durchqueren sie die weitläufigen USA mit ihren scheinbar endlosen Landschaften, verlassenen Orten und besonderen Naturphänomenen. Doch Zuzannas und Jankos Reise folgt dem Tempo des todkranken Bruders. Die Erkundung neuer Orte endet dort, wo Jankos Kräfte nachlassen; immer wieder sind die Geschwister gezwungen, mehrere Tage an einem Ort zu verweilen.
Schauplätze und Begegnungen mit anderen Menschen bleiben in Schwabes Roman eher zweitrangig. Stattdessen rückt sie – mit Zuzanna als Erzählerin – nah an die Körper der Geschwister heran. Die streng eingehaltene Abendroutine ihres Bruders, sein Essverhalten, seine Bewegungen: All das wird von Zuzanna akribisch beobachtet, stets bemüht, einen Zusammenbruch oder eine Überforderung frühzeitig zu erkennen. Zugleich verändert sich im Verlauf der Reise ihr Blick auf den eigenen Körper, besonders im Vergleich zu dem ihres kranken Bruders.
Die unsichtbaren Prozesse im Körper, etwa die Deformation von Zellen, setzt Schwabe dabei in Beziehung zu ebenso unsichtbaren geologischen Vorgängen. Zuzanna, selbst Geologin, versucht aus ihrer naturwissenschaftlichen Perspektive Körper und Plattentektonik miteinander zu verknüpfen. An einer Stelle erzählt sie ihrem Bruder von einem Riss in der Erdoberfläche unter dem Ozean – einer Riftzone, die von der ständigen Erneuerung der Erdkruste zeugt.
Wenn auch die Erdkruste nachwächst […] wenn das Material, auf dem wir uns bewegen, neu entsteht, dann kann ich das übertragen. Alles ist erneuerbar, auch dein Körper.
Wie ihre Protagonistin ist auch die Sprache des Romans präzise, schnörkellos und unpathetisch. Zugleich sind es die Bilder, die Schwabe erschafft, die eine eigene Poetik entfalten. Eines Morgens beobachtet Zuzanna ihren Bruder bei einer Bewegung, die sie zunächst für einen Tanz hält. Erst später erkennt sie, dass er mit Tau benetzte Spinnweben aufeinanderstapelt. „Woher werde ich solche Bilder bekommen, wenn Janko nicht mehr ist?“, fragt sich Zuzanna. In solchen Momenten gelingt es dem Roman besonders eindrücklich, den Abschiedsprozess der Schwester einzufangen.
Gerade in unabhängigen Verlagen finden sich literarische Schätze wie dieser, die oft noch mutiger als die großen Häuser neue Literaturformen und Stimmen entdecken. Der schmale Debütroman von Marina Schwabe ist im Steidl Verlag erschienen. Schon das kunstvoll gestaltete Buchcover mit neonorangefarbenen Mammutbäumen verweist auf den ästhetischen Anspruch des Verlags, der vor allem für sein sorgfältig kuratiertes Programm aus Kunst- und Fotobänden bekannt ist. Wenn das nicht allein schon ein Kaufgrund darstellt, dann unbedingt die feine und besondere Geschichte, die Schwabe in Rift erzählt und die noch lange nachklingt.
Marina Schwabe: Rift. Steidl Verlag 2025, 160 Seiten.

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