Wenn Europa schläft

Wolfram Lotz schreibt in zärtlicher Beziehungsarbeit mit Wildfremden einen traumhaften (Anti-)Roman.

Von Londa Valja Rathgeb

© Londa Valja Rathgeb

Der durch Theaterstücke und Die Heilige Schrift als Roman à la Knausgård bekannte Wolfram Lotz hat ein neues Buch veröffentlicht: Träume in Europa. Eine Projektarbeit mit Internetfreaks, die auf die Idee gekommen sind, ihre symbolgeladenen Träume in Internetforen zu posten, in der Hoffnung jemand würde verstehen oder sogar Erklärungen dafür finden, warum man schon wieder vom Ex-Partner geträumt hat – ist man denn immer noch nicht über ihn hinweg?! Oder warum man als Adolf Hitler durch den Supermarkt spaziert ist – fast beeindruckend, wo die deutsche Schuld einen so aufsuchen kann! (Obwohl die Wiedergutmachungsversuche, wie zum Beispiel einer alten Frau über die Straße zu helfen – als Hitler – für ein nicht sehr einfallsreiches Unterbewusstsein sprechen). Lotz setzt bei all dem weniger auf Freud als auf ein intuitives Durchdringen dessen, was die Menschen eben nachts beschäftigt. So erzählt er es jedenfalls auf seiner Lesung im Deutschen Theater Berlin.

Ein Prosaexperiment also, das in Zusammenarbeit mit „Wildfremden“ entstanden ist – schließlich liefern sie ja eifrig das Material oder besser: schlafen eifrig in ihren Betten, während die obskursten Bilder durch ihre Köpfe rauschen. Lotz bearbeitet die Internet-Einträge in stilsicherem Ton. Ein Konzessivsatz jagd den nächsten, denn Träume bieten etwas, was ein normaler Plotroman nicht so einfach hergeben kann: Die ewige Verkettung willkürlicher Geschehnisse, die weder begründet werden müssen noch durch die Gefühle der Protagonist:innen erklärt werden können. Das ist zum Teil sehr lustig, zum Teil auch erschütternd (wie oft wacht man morgens auf und denkt sich: Oh Gott, was habe ich denn da schon wieder nicht richtig verarbeitet?). 

Anders als im wirklichen Leben, in dem es zum Smalltalk und Höflichkeitsgeplänkel gehört, interessiert mitzunicken, wenn schon wieder jemand von einem (seiner Meinung nach) höchstinteressanten Traum erzählt, bei dem die Nachbarskatze überfahren wurde, ist Träume in Europa ein fragmentarischer Roman, der es schafft, Geschichten zu erzählen, deren Sog man sich nur schwer entziehen kann.

Alle neunmalklugen Kreativschreib-Ratschläge wie „show don‘t tell“ laufen hier ins Leere. Warum nicht mal genau das schreiben, was Sache ist? – „Ich bin kein gewöhnlicher Mensch, sondern eine Göttin (das weiß ich plötzlich, obwohl es vorher gar keine Rolle gespielt hat)“. Die Sequenzen enden so abrupt wie sie anfangen, schon kommt die nächste hochgehende Bombe, blutende Kinder auf der Straße und Fahrerflucht, oder Macbooks, die einen mit klappernden Zähnen durchs Wohnzimmer verfolgen. Die Geschehnisse überschlagen sich in ihrer Kürze und auch innerhalb ihrer absoluten Plot-Unlogik. Das stört nicht, das ist eher wahnsinnig komisch, wenn man denn diese Art von Humor ertragen kann, die alle eigenen Erwartungen von Erzählungen unterläuft.  

So verwirrt wie die Internetfreaks in ihren Posteinträgen waren (einmal wird eine Protagonistin von zwei Männern verfolgt und da sie eine Vergewaltigung befürchtet, denkt sie, es wäre besser ihnen, den zwei Verfolgern, zuvorzukommen, indem sie direkt fragt, ob sie Sex wollen. „Sie schauen etwas verdutzt, werden verlegen und murmeln, dass sie gerade, miteinander, Sex gehabt hätten“. Das beruhigt sie wiederum. Dann wird gemeinsam Fernsehen geschaut und sie kann einfach gehen, ohne dass etwas passiert wäre.) – So glatt fügen sich diese europäischen Siebenschläfer in Lotz‘ Ton zusammen. Es mag etwas übergriffig sein, fremde Texte und Erfahrungen unverfremdet zu benutzen, aber, das sagt Lotz auf seiner Lesung im DT selbst: „Die ganze Sache beruhe doch eher auf einer zärtlichen Beziehungsarbeit“.

Diese Beziehungsarbeit soll kein Ergebnis liefern („Aha! Das also ist Europa!“), so wie der Titel es intellektuell motivierten Leser:innen nahelegen könnte, sondern ein Gefühl vermitteln, diese kollektive unterbewusste Gedankenwelt „intuitiv zu durchdringen“ (so Zitat Wolfram Lotz im DT). Steht man jetzt, wie Lotz, auf dem Balkon und betrachtet die schon dunklen Fenster der schlafenden Nachbar:innen, meint man doch ein bisschen mehr zu wissen, über das Kopfschütteln am Morgen und die vom Schlaf verquollenen Augen. 

Wolfram Lotz:  Träume in Europa. S. Fischer Verlag 2026, 112 Seiten.

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