Kleiner Mann – was nun? Premiere am Theater Bielefeld

​​Hans Falladas Roman der Weltwirtschaftskrise der 20er Jahre, Kleiner Mann – was nun?, war einst ein internationaler Bestseller. Jetzt wird er wieder auf zahlreichen deutschen Bühnen inszeniert, unter anderem am Theater Bielefeld. Wie gelingt es, diese umfangreiche Prosa auf die Bühne zu bringen und was können wir daraus für die Gegenwart lernen?

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© Juliana Klein Das Theater Bielefeld

Der Stoff der neuen Inszenierung von Kleiner Mann – was nun?, nach dem gleichnamigen Roman des Schriftstellers Hans Fallada, mag in den vergangenen Jahrzehnten in Vergessenheit geraten sein. Einst war dieser ein internationaler Bestseller, der bereits kurz nach seinem Erscheinen im Jahr 1932 ins Englische übersetzt sowie alsbald verfilmt wurde. Zunächst scheint der Roman mit seiner Sprache der Neuen Sachlichkeit und seinen knapp 100 Jahren nicht besonders aktuell. Die fast zeitgleich stattfindenden Premieren am Staatstheater Nürnberg (12.12.2025), dem Potsdamer Hans-Otto-Theater (16.01.2026) sowie dem Theater Bielefeld (24.01.2026) und nicht zuletzt die Wiederaufnahme am Berliner Ensemble (31.01.2026) widersprechen allerdings dieser Annahme. 

Berührt doch etwas an Falladas Roman den Kern unserer Zeit? Begibt man sich auf die Suche nach Anknüpfungspunkten zur Gegenwart, fällt die ökonomische Situation des Angestellten Johannes Pinneberg und seiner Frau, der aus einem proletarischen Haushalt stammenden Emma Mörschel (genannt Lämmchen) auf, sowie das Aufkeimen des Faschismus in der Weimarer Republik. Dass etwas daran jedoch gealtert sein muss, zeigt sich in einer der ersten Szenen, in denen der junge Angestellte Pinneberg zum ersten Mal auf seine zukünftigen Schwiegereltern, die Proletarierfamilie Mörschel, trifft: Hier wird er von Lämmchens Vater direkt mit intensiven Diskussionen über die Notwendigkeit einer fähigen Gewerkschaft und seinem fehlenden Klassenbewusstsein konfrontiert. Die Ernsthaftigkeit der Szene, die in der Romanvorlage und in früheren Verfilmungen durchaus angelegt ist, verkommt hier zu einer eher lachhaften Situation. In dieser wird der Auftritt der proletarischen Familie durch überzeichnetes Verhalten ins Lächerliche gezogen, was vom Publikum mit regem Lachen quittiert wurde. Der hilflose Pinneberg kann sich nur noch mit einem suchenden Blick durch die vierte Wand hindurch, ins Publikum, retten. 

Cinematisches Theater?

Aber zurück zum Anfang: Das Stück setzt ein, indem Lämmchen (gespielt von Lara Hofmann) und Pinneberg (gespielt von Alexander Stürmer), die beiden Protagonist*innen, die Bühne betreten, nur um sogleich wieder verdeckt zu werden: von einer semi-transparenten Leinwand, hinter der im Laufe des Stücks immer wieder die gesamte Bühne hindurchscheint. Was fortan auf der Projektionsfläche erscheint, sind Live-Aufnahmen eines Kameramannes, der sogleich die Gesichter der beiden Eheleute fokussiert und von nun an für den Rest der Aufführung präsent bleibt (Live-Kamera: Pascal Mächtlen/Alina Heuer). Statt wie sonst die gesamte Bühne im Blick zu behalten, wird der Blick der Zuschauer*innen geschmeidig von der Kamera geführt. Die zahlreichen im Roman enthaltenen Ortswechsel werden durch die Führung der Kamera geschickt überbrückt, der Bühnenumbau (Bühne: Julia Hattstein) erfolgt, während die Zuschauer*innen auf der Projektionsfläche der nächsten Szene folgen können.

Getrieben von der Angst: Der kleine Mann

Stets dem Mantra „Nur nicht arbeitslos werden“ folgend, muss das frisch verheiratete Paar nicht nur um das eigene Auskommen, sondern auch um das des zukünftigen Sohnes „Murkel“ besorgt sein. Im Angesicht der Weltwirtschaftskrise und des erstarkenden Faschismus im Deutschland der frühen 30er Jahre entwickelt sich dies zum ständigen Überlebenskampf, den der „Kleine Mann“ Pinneberg mit den großen und mächtigen Männern ausfechten muss. Erst auf dem Land in Ducherow, wo der junge Pinneberg wegen eines eingeforderten freien Sonntags entlassen wird, dann in dem von Rationalisierungsmaßnahmen getriebenen Warenhaus Mandel. Und zuletzt in seiner Existenz als Arbeitsloser, in der bereits seine bloße Anwesenheit als mittelloser Mensch an der Friedrichstraße Grund genug für seine Demütigung wird. Mittels der durchgehend heruntergefahrenen Leinwand wird auch dieses asymmetrische Machtverhältnis visuell greifbar. In der Szene, in der Pinneberg am Gartenzaun den vorenthaltenen Lohn seiner Frau Lämmchen für Hausarbeiten bei einer Fabrikantenfrau einfordert, erscheint dieser in Ganzkörperansicht links auf der Bühne, während rechts von ihm, nur im Profil, dafür aber ungemein größer, entsprechende Fabrikantenfrau empört auf ihn hinabblickt und droht.

Anstand als letzter Rest Würde

Die Anstellung bei Mandel, die die ungeliebte Mutter Pinnebergs ihm im großen Berlin besorgt, führt das junge Paar in die verrohte Großstadt: Der Lebensstil der Mutter, die sich als Lebefrau von ihrem Liebhaber finanzieren lässt und Gesellschaften zum Vergnügen gibt, widerspricht dem jungen Angestelltenpaar so stark, dass ein Umzug in eine ausgebaute Kino-Dachkammer besser erscheint als das Verbleiben in der Wohnung der Mutter. Dass einem das Anständigsein nicht mehr nützt, wird in der Bewerbungssituation im Warenhaus Mandel klar. Dort besticht Pinneberg nicht mit Zeugnissen, sondern erhält die Stelle durch die Vernetztheit seines Stiefvaters Jachmann. Zuletzt ist der Anstand auch das letzte bisschen Würde, durch den sich die Pinnebergs am Leben halten können. Denn am Ende, in einer kalten Gartenlaube am Rande Berlins hausend, fehlt ihnen von allem das Nötigste. Doch wer in diesen Zeiten etwas ohne Schwindel und Lüge wolle, so Jachmann, der lebe im Luxus. Indes wird Pinneberg seiner letzten Würde beraubt, denn während er lediglich ein Delikatessengeschäft betrachtet, wird er aufgrund seiner heruntergekommenen Erscheinung von den Ordnungspolizisten des Platzes verwiesen und verprügelt. Was im Roman einem sozialen Tod („Und plötzlich begreift Pinneberg alles“) gleichkommt, bleibt auf der Bühne etwas flach. In dieser letzten Szene hebt sich die Projektionsfläche und Pinneberg sieht uns, den Zuschauer*innen, zum ersten Mal direkt und unvermittelt ins Gesicht. Die Ohnmacht Lämmchens, Pinneberg weiter als moralische Unterstützung zu dienen, zeigt sich in ihrem unbeantwortet bleibenden Einreden auf ihren Mann, der gebrochen von allen Erniedrigungen, regungslos im Dunkeln ausharrt. Lämmchens Worte laufen ins Leere und – die Textvorlage im Kopf habend – fragt man sich, wie dieses Stück sein Ende finden wird. Durch das Aufbrausen eines immer lauter werdenden Aufmarsches, der uns, die wir die Vergangenheit bereits kennen, sofort an die endgültige Machtübernahme des Faschismus erinnert, in der der kleine Mann eine unrühmliche Rolle spielt.

Echoraum Gegenwart (?)

In Zeiten, in denen uns bei den kommenden Landtagswahlen eine rechtsextreme Partei auf den vordersten Plätzen, wenn nicht gar als Wahlsiegerin erwartet, in der Arbeitsplätze und Sozialleistungen gestrichen werden, in einer solchen Gegenwart werden die erschreckenden Parallelen zu Falladas Werk unübersehbar. Die Bielefelder Inszenierung bleibt auf einer sprachlichen Ebene erstaunlich nahe an seiner Vorlage, die direkte Verbindung zur Gegenwart wird maximal dann erzeugt, wenn Schauspieler*innen die vierte Wand durchbrechen und für einen kurzen Moment den Blickkontakt mit dem Publikum suchen. Aber angesichts der Offenkundigkeit der Parallelen wäre jeder direktere Verweis auf die Gegenwart vielleicht auch bereits zu viel. 


„Kleiner Mann – was nun?“ ist ein Roman, dem die eigene Apolitie vorgeworfen wurde. Sein politisches Moment liegt im Aufzeigen der sozialen Realität des kleinen Mannes und dem Eindringen der politischen und ökonomischen Verhältnisse, dem Vernichten seiner Existenz durch diese. Auf der Bühne wird dieses politische Moment durch die Möglichkeit der Projektion zumindest an manchen Stellen expliziter als in der Romanvorlage. Das Vorgehen in Pinnebergs Innerem, die tief verwurzelte Angst vor der Arbeitslosigkeit, die ihn noch nach der neuen Jobzusage im Griff hält, wird anders als im Roman aus einer intern fokalisierten Perspektive wiedergegeben, hinterlegt von Bildern von Massen von Streikenden und Arbeitslosen in der Weimarer Republik. Auch die Schlussszene, in der wir die marschierenden Nazis schon hören können, gibt einen deutlicheren Ausblick auf die vergangene Zukunft, als es der Roman tut. Vielleicht ein Appell, sie nicht zu unserer werden zu lassen.


Kleiner Mann – was nun?

Inszenierung: Dariusch Yazdkhasti Bühne: Julia Hattstein Kostüme: Julia Wartemann Licht: Carsten Lenauer Dramaturgie: Ralph Blase Videoregie: Kate Ledina

Mit: Alexander Stürmer, Lara Hofmann, Oliver Baierl, Christine Diensberg, Stefan Imholz, Nicole Lippold, Carmen Priego, Thomas Wolff, Alina Heuer/Pascal Mächtlen.

Premiere am 24.01.2026

Dauer: 2 Stunden (keine Pause)

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