Eine Ode an die Farbe Blau

Katie Mitchell inszeniert Maggie Nelsons Roman „Bluets“ im Rahmen des FIND Festivals an der Schaubühne – es ist eine Ode an die Farbe Blau.

Eine Rezension von Londa Valja Rathgeb

© Londa Valja Rathgeb

„Blau sind alle meine Farben, blau ist alles, was ich hab’…“, heißt es in einem dieser Kinderlieder, die sich in das Hirn eingeprägt haben, ohne die Erinnerung, wann und wo man diese Melodie und den Text gelernt hat. Für Katie Mitchells Inszenierung des gleichnamigen Romans „Bluets“ von Maggie Nelson an der Schaubühne (im Rahmen des FIND Festivals) fassen diese paar eingängigen Zeilen ganz gut zusammen, um was es sich in den anderthalb Stunden auf der mit Kameras und großen Leinwänden ausgestatteten Bühne handelt (Bühnenbild: Alex Eales und Videoregie: Grant Gee und Video Design: Virginie Taylor). Es ist: Ein Loblied auf die Farbe Blau, eingebettet in die Tristesse der Straßen Berlins, in den Schmerz der verlorenen Liebe und/oder der allgemeinen Sinnlosigkeit der eigenen Existenz. 

Blau scheint dabei weniger die Projektion vollkommener Depression, wie man vielleicht zuerst befürchten mag, wenn man sich auf die schwarzen Klappstühle der Schaubühne setzt, sondern das Sujet der Sehnsucht, mit dem man bedauerlicherweise nie ganz vereint sein kann. „Das letzte Mal, dass wir uns gesehen haben, haben wir 6 Stunden gefickt“ ist nur einer der vielen Wiederholungsloops, in die der Text immer wieder zurückkehrt – und es scheint auch nicht ganz klar, wem die Sehnsucht jetzt gilt, dem, der einen verlassen hat, oder der Farbe, die nie ganz zu greifen ist. Weder auf den Projektionen der Leinwand, auf deren eingespielten Videos wir in chloriges Schwimmbadwasser eintauchen, noch in dem blauen Himmel, der durch die Ringbahnfenster leuchtet.

Die drei Schauspier:innen Eva Meckbach, Renato Schuch und Alina Vimbai Strähler vollführen mit haarscharfer inszenatorischer Genauigkeit ein Kamera-Sprach-Schauspiel, das sich vor allem, und im Gegensatz zu den sonst eher kalt-blauen Bildern und Kostümen (Kostüm: Sussie Juhlin-Wallén), auf den bunten Markierungen zeigt (der Bühnenboden ist übersät mit grünen und gelben Klebebändern – die Clues für die entsprechenden Textpassagen und dazugehörigen Kameraspielen). Es ist ein virtuoses Spiel zwischen drei Menschen, die alle ein und dieselbe Stimme haben und gemeinsam eine Protagonistin verkörpern, mal rauchen sie L&M-Zigaretten im Auto, mal ruckeln sie mit der U6 Richtung Alt-Tegel oder Kurt-Schumacher-Platz: „Ausstieg auf der rechten Seite und Übergang zur Jelbi-Mobilitätsstation!“ Währenddessen wird das Publikum über Seidenlaubenvögel aufgeklärt, die nur blaue Gegenstände für ihre Nester sammeln, um Weibchen anzulocken, über Menschen, die sich beim Zahnarzt Lapislazuli-Zähne einsetzen lassen und darüber, dass Philosoph:innen sich oft nur in depressiven Phasen oder kurz vor ihrem Tod mit Farben beschäftigt haben. Zufall? Goethes Werther trug wohl eine blaue Jacke, als er sich vor lauter Liebeskummer erschoss. Und die Spree funkelt so geheimnisvoll dunkelblau, wenn eine:r der drei Schauspieler:innen davorsteht – der verheißungsvolle Sprung ins eigene Ende. Denn man liegt ja doch nur bis drei Uhr nachts wach und wälzt sich auf den Kissen, oder hört Joni Mitchells Song: „Hey Blue. And there is a song for you. Ink on a pin. Underneath the skin. An empty space to fill in.“ 

Nach dem Motto „Schlimmer geht’s immer“ ist der einzige Plot dieses Stream of Consciousness der tragische Unfall einer Freundin dieser Protagonistin, die von nun an querschnittgelähmt in der Charité liegt und deren in Schläuche umwickelte Hand hilflos gehalten wird. Danach raucht man, eingepackt in Wollmützen, vor dem Krankenhaus, kämpft sich durch den Abendverkehr und trinkt, zuhause angekommen, ein paar Gläser Whisky. Die Screens laufen auf Hochtouren, einmal in klein für die Schauspieler:innen (so wie man sich das bei Nachrichtensprecher:innen vorstellt), einmal in groß für das Publikum. Es ist eine Video-Hörspiel-Montage, die jede krampfhafte „Wir brauchen eine Kamera auf der Bühne“-Paranoia außer Gefecht setzt, da sie dem Sog der Erzählstimme genau entspricht.

Bluets

von Maggie Nelson 
In einer Fassung von Margaret Perry 
Aus dem Englischen von Jan Wilm, zusätzliche Übersetzungen für die Fassung von Gerhild Steinbuch.

Regie: Katie Mitchell, Bühne: Alex Eales, Kostüm: Sussie Juhlin-Wallén, Videoregie: Grant Gee, Video Design: Virginie Taylor, Musik: Paul Clark, Sound Design: Munotida Chinyanga, Dramaturgie: Nils Haarmann, Licht: Bethany Gupwell.

Mit: Eva Meckbach, Renato Schuch, Alina Vimbai Strähler und den Stimmen von Pia Amofa-Antwi, Veronika Bachfischer, Holger Bülow und Konrad Singer. 

Premiere am 15. April 2026

Dauer: 1 Stunde 30 Minuten (keine Pause) 

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