Von Zunge zu Zunge auf dem PROSANOVA – eine Notizcollage

Unter dem Motto „Zwischen Zungen“ feierte das PROSANOVA vom 3. bis 5. Juli in Hildesheim junge Gegenwartsliteratur. Das studentische Literaturfestival fand zum achten Mal statt und setzte seinen Fokus in diesem Jahr auf Übersetzungen und Mehrsprachlichkeit. Was folgt, ist eine Collage aus den Eindrücken der Redaktion.

Von Inga Kuck und Chiara Zimmermann

© Inga Kuck

TAG 1 – FREITAG 

Chiara: Als Redaktionsmitglied von litaffin durfte ich mit einer Akkreditierung aufs PROSANOVA. Die drei Festivaltage trug ich ein kleines rotes Band um den Hals mit Pressepass. Ich bekam ein Goodie-Bag mit Notizblock und Kuli. Die Unprofessionalität begann bei mir dann trotzdem schon direkt beim ersten vorgemerkten Programmpunkt, zu dem ich zu spät kam. Marius las schon. Im Epikzentrum war es außerdem relativ dunkel, die drei Performenden auf der Bühne auch nur leicht beleuchtet, es kreiste etwas Nebel zwischen ihnen und den Scheinwerfern. Ich entschied mich für die Notiz-App, ließ den Notizblock vorerst in der Handtasche – selbst als Profi im Im-Dunkeln-Schreiben: Sophia Eisenhut, Robin Ogunmuyiwa und Marius Goldhorn wären zu schnell für mich gewesen. Bezüge wurden gezogen, hier und da, aber auch dort, Sound und Stimmen vermischten sich, mein Kaugummi klebte flach an meinem Gaumen, die Hand den Pappbecher Kaffee haltend, zitternd und ich hing, wie das Festivalmotto festlegte: Zwischen Zungen. Eine Notizcollage:

© Chiara Zimmermann

Inga: Freitagabend, 19:00 Uhr. Unter dem Titel Zwischen Körper und Text verspricht das Programmheft eine „literarische Tanzperformance“. Ich bin gespannt, wie dieser Programmpunkt das Motto von Übersetzungen und dem Dazwischen aufgreift und behandelt. Der Roman von Jehona Kicaj ist mir nicht unbekannt, ich habe eine Lesung zu ë bereits besucht. Doch eine klassische Wasserglaslesung erwartet mich an diesem Abend nicht. 

Eine literarische Tanzperformance des Romans „ë“ mit Jehona Kicaj und Mariella Núñez Karg. © Inga Kuck

Jehona Kicaj sitzt an einem Tisch hinten auf der Bühne. Sie lässt Platz. Das Licht im Raum ist gedimmt, rote Strahler werfen Scharlachflecken auf die Bühne, intensiv, schmerzvoll, fast schon aggressiv. Bedacht und ruhig beginnt Kicaj aus ihrem Debütroman ë zu lesen. Auch auf dem PROSANOVA steigt sie eindrucksvoll mit der Szene beim Zahnarzt ein. Diagnose ihrer Ich-Erzählerin: Bruxismus. Sie liest wieder vom Knirschen und Knacken der Zähne, doch bei dieser Lesung ist etwas anders. Ihre Worte performen nicht allein auf der Bühne. Vorne, genau in der Diagonalen zu ihr, sitzt Mariella Núñez Karg am Bühnenrand. Die Tänzerin greift sich begleitet von Kicajs Worten an und in ihren Kiefer, zieht und zerrt, dreht und schiebt. Als würde sie versuchen den starren Kiefer zu lösen. Kein gewaltvoller Akt, Karg tastet vielmehr den Wörtern von Kicaj nach. Die Übersetzung von Sprache in eine Bewegung, das Zusammenbringen von Literatur und Tanz, passt unglaublich gut zu Kicajs Text. Ich kann die Augen nicht von Kargs tanzenden Körper lösen, während ich Kicajs Stimme lausche.  

© Inga Kuck

In ë findet Kicaj einen Weg, Sprachlosigkeit durch Körperlichkeit auszudrücken. Wo Sprache fehlt, lässt sie den Körper von Traumata in der Familiengeschichte und des Kosovo-Krieges sprechen. Kicaj ist in das Lesen ganz vertieft. Ihre Augen bleiben auf den Buchseiten und folgen nur ihren eigenen Zeilen, während der gesamte Raum den Bewegungen der Tänzerin folgt. Die ist inzwischen aufgestanden und bewegt sich über die Bühne. Die Brüche in der Biografie der Ich-Erzählerin, die sich in ë in einem fragmentarischen Erzählen auftun, irritieren Karg in ihrem Tanzen nicht. Immer wieder rastet sie kurz in ihren fließenden Bewegungen ein, verrenkt sich neu mit den Wörtern, als würden sie um sie herumtanzen. Die Performance hat etwas ganz Eindringliches. Ich muss Kicajs Einschätzung im Nachgespräch recht geben, dass hier etwas Unwiederholbares geschaffen wurde, eine tänzerische Improvisation, die flüchtig bleibt und sich nicht, wie ihre Worte, für immer auf ein Blatt gesetzt hat. 

TAG 2 – SAMSTAG

Inga:

– „Marina?“
– „Helene?“
– „Kann ich dich was fragen?“

Zwei Freundinnen sitzen in ihrem Haus in der Niederlausitz. Einmal im Monat treffen sie sich dort zum Schreiben für eine Woche. Marina schreibt meist liegend auf dem Bett. Helene am Tisch. Manchmal bleibt auch noch der Pyjama an. Für Marina gibt es Kaffee. Helene trinkt Tee. Zusammen wird geschrieben, zwischendurch vorgelesen, die Texte und Butterbrote mit Kräutern aus dem Garten einander zugereicht. Ein Schreibzimmer in einem Haus mit altem Dielenboden, einem Kamin und Fenstern mit Blick in den grünen Garten, wo Gemüse-, Kräuter- und Blumenbeete angelegt sind. Es ist ruhig, idyllisch. Hier trifft man auf Wildschweine, Glühwürmchen und eine Katze streift ab und zu das Bein. Auch Freund:innen und Familie kommen vorbei.

Helene Bukowski bietet selbst geschmierte Butterbrote an. © Inga Kuck

Dort träumen wir uns hin, während wir eigentlich in Hildesheim in der Kulturfabrik Löseke sitzen, die für dieses Wochenende in Neon-Punk-Fabrik umbenannt wurde. Im zweiten Stock, dem Raum, dem das Festival den Namen Solarium gibt, haben wir es uns auf Sofas und Klappstühlen gemütlich gemacht und vergessen kurz, wo wir sind. 

Helene Bukowski und Marina Schwabe haben uns in ihr Schreibzimmer eingeladen, zu Tee, Kaffee, Keksen – „Wir schmieren gleich auch noch Butterbrote!“ Zwei befreundete Autorinnen unterhalten sich über ihre Freundschaft, den Literaturbetrieb und das schambehaftete Thema der Konkurrenz und des Neidgefühls – und wir können lauschen. Es fühlt sich sehr intim an, wie sie da beide in ihren Pyjamas auf der Bühne sitzen/liegen. Helene mit angewinkeltem Bein am Schreibtisch und Marina ausgestreckt auf ihrer Chaiselongue. Hinter ihnen, um es noch atmosphärischer zu machen, ist jeweils eine Leinwand aufgestellt, auf der abwechselnd Fotos mit dem Blick raus aus Fenstern in den Garten und Videos gezeigt werden, wie sie die Beete gießen oder Holz hacken. Es gibt auch einen kleinen Miniatur-Kamin. Während Marina zwischendurch Heißwasser aufsetzt für Kaffee und Tee und Helene Brotscheiben beschmiert und an das Publikum verteilt, kommen die beiden ins Quatschen.

Marina Schwabe liest auf ihrer Chaiselongue. © Inga Kuck
  • „Was war dein größter Erfolg? Was deine größte Enttäuschung?“ 
  • „Kann man Freundschaften im Literaturbetrieb knüpfen?“
  • „Konkurrenzgefühl – woher kommt das?“
  • „Wen hast du auf Insta stummgeschaltet? Warum?“
  • „Hast du schon mal darüber nachgedacht, von Insta eine Pause zu machen?“
  • „Wann habe ich dir im Literaturbetrieb einmal geholfen?“
  • „Würdest du immer noch mit mir ein Literaturhaus in Chemnitz gründen?“

Um weitere Stimmen in ihren Austausch einzubeziehen, spielen Helene und Marina Sprachnachrichten von befreundeten Autor:innen ab, die sich alle ganz individuell zu dem Konkurrenzthema äußern – anekdotisch, soziologisch oder mit Humor. Am Ende kommt man zu dem Schluss, dass Freude und Neid gleichzeitig stattfinden können und man sich für seine Gefühle nicht schämen solle. Das System sei falsch und nicht wir. Sie fordern: Grundeinkommen für Autor:innen! 

Der Kaffee ist fertig. – „Marina? Magst du einen Kaffee trinken?“ 

Das Gespräch hat mich tröstlich zurückgelassen. Ich verließ den Raum mit dem Gefühl, Teil eines ehrlichen und wohltuenden Freundinnengesprächs gewesen zu sein.


Chiara: Auf dem PROSANOVA wird selbstverständlich auch auf 75 Jahre BELLA TRISTE angestoßen und Korken schießen in die Luft! Dazu Releaselesung der Jubiläumsausgabe, unter anderem mit Worten von Olga Hohmann. Wenige Punkte, dafür hohe und schräge Töne – Olga nimmt mich sanft mit in ihren Kopf, mit an ihre Zunge und erneut sammle ich:  

__Lippen sind immer autoerotisch, aneinandergebunden, sie berühren einander

__Stimme ergreifen hat immer politischen Kontext: having/giving a voice

__ Chiaroscuro, Licht und Dunkelheit, heimlich und heimelig bei Caravaggio und Rembrandt

__es gibt eine Kindergeschichte, in der sich die Farben Blau und Gelb verlieben und sich auch wieder verlieren,

es geht nicht um Verschmelzung

__als schreibende Person, sprechende Person eine instabile Stimme haben, die Stimme sollte das sein, das das Chaos im Kopf beisammenhält, die Widersprüchlichkeiten auffängt, aber sie ist so fragil!

__Schamlippen, zweimal, schwarzes Loch, der Schlund

__be water my friend, Liquidität das oberste Gebot des Neoliberalismus

__Reflexion ist ein Echo, Raum und Stimme werden eins, wie wenn ein Ton eine Lampe zum Schwingen bringt, Resonanz 

__Das Stigma des Lispelns, der Vater ein lispelnder Deutschlehrer 

__people may say I can’t sing, but no one can say I didn’t sing 

__hysterisches Globus-Gefühl aka Frosch im Hals 

__das Organ, das wir am meisten brauchen, fürchten wir am meisten zu verlieren 

__eine Dirigentin sieht man immer nur von hinten, außer man steht selbst auf der Bühne 

__Töne klingen nach Farben

__die Dusche ist die Kirche für die Stimme, das Echo, knie dich hin, der Duschstrahl, die Stimme bringt Vibration, mein Körper vibriert unter dem Duschstrahl 

__Lippen für Küssen oder für Sprechen 

__sich selbst nachäffen


Chiara: Samstagabend 19:30 Uhr, der Raum im Keller, das Epikzentrum im Kufa füllt sich, auf dem Programm: „Die große PROSANOVA-Live-Show“ mit Zelal Yeşilyurt und Gästen. Die Gäste sind: Anna Zrenner, Paul Hirsch und Robin Ogunmuyiwa. Die vier sollen Tipps und Live- bzw. Love-Hacks an die Festivalbesucher:innen liefern. Fragen und Anliegen konnten via DM auf Instagram gestellt werden und sollen jetzt anonym vom Podium bearbeitet werden. 

Es geht los: 

Frage 1: Was alles zählt zu Body Count und zählen Männer ohne Ohrring doppelt? 

*Publikum lacht* 

Zelal, Anna, Paul und Robin diskutieren… alle sollten für sich entscheiden können, was zu Body Count gehört, wird immer wieder betont…es wird in das Publikum gefragt, Hand aufs Herz: Wer alles habe eine Liste? Einige Hände heben sich zögerlich, ich unterstelle Unehrlichkeit… außerdem: worin genau besteht der Reward, einen Fling mit Mann ohne Ohrring zu haben? 

Weiter geht‘s also.

Frage 2: Mein Freund will eine offene Beziehung, ich nicht – bin ich verklemmt? 

Die Stage ist sich sicher und alle vier schütteln vehement den Kopf! Dann geht es hin und her: zwischen den Sprechenden auf der Bühne, aber auch Richtung Publikum, es wird nach der Meinung von Expert:innen gefragt, die meisten sind dagegen. Die, die sich dafür positionieren, lassen den Arm doch wieder sinken, wenn gefragt wird, ob die positive Einstellung auch auf Erfahrung basiert.

Irgendwann wird aus dem Publikum der Wunsch laut, die Fragen sollen schneller, „nicht so deep“ und „mit mehr Fun!“ beantwortet werden. Meine Freundinnen und ich haben auch Lust auf Fun, die Show ist schließlich der letzte Programmpunkt vor der „weltbesten Party der Welt“ – aber wir verstehen das Dilemma: der Versuch, funny und vielleicht eher oberflächlich zu antworten, würde dem Inhalt und der Ernsthaftigkeit der Fragen nicht mehr angemessen gerecht werden. 

Das Podium bemüht sich trotzdem und die nächsten Fragen gehen schneller über die Runde:

Frage 3: Ist es gemein, mit nur 3 Mitbewohner:innen aus einer 4er WG zu schlafen?

2:2 – Unentschieden, die Bühne bleibt uneinig. Das Publikum ergänzt mit bestärkenden Rufen. 

Frage 4: Warum sind alle, die in Hildesheim studieren, so hot und lesbisch? Ich muss hierherziehen!

*Lachen* *rofl* *xd* 

Frage 5: Was lässt einen sowohl am Crush als auch am Text bleiben?

Widerstand und Projektion! Wird kurz und klug geantwortet und wir wissen trotzdem, auch wenn es nur zwei Stichworte sind – hier könnte man sehr deep reingehen.

TAG 3 – SONNTAG

Chiara: Berfin Şilen und ich stehen vor dem Späti 37 auf dem Ottoplatz, wir beide halten einen Kaffeebecher in den Händen und es klebt noch etwas Schlafsand in den Rändern unserer Augen. Nach einem Lehramtsbachelor in Wien studiert und schreibt Berfin seit September im Master am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL). Gemeinsam mit Kommiliton:innen und Studierenden der Schreibschulen in Köln und Hildesheim ist Berfin Teil einer Anthologie-Lesung am letzten Tag des PROSANOVAS. 

Chiara: Hast du eine Minute für ein Miniinterview?

Berfin: Klar! 

C: Wie fühlst du dich vor deinem Auftritt?

B: Ich bin schon ein bisschen fertig, weil wir jetzt schon zwei Tage PROSANOVA hinter uns haben, daher bin ich relativ entspannt.

C: Was war dein Highlight? 

B: Der Text von Lilli Biller! Ganz toll! 

C: Gab es auch ein Lowlight? 

B: Puh! Ich finde es beim PROSANOVA schön, dass sehr viele unterschiedliche Herangehensweisen an Text nebeneinander existieren dürfen und auch sollen. Das habe ich für mich mitgenommen. Ich studiere am DLL und wenn man an einer Schreibschule ist, prägt einen sehr diese Kategorisierung in gut oder schlecht – hier merkt man, es gibt so viel Verschiedenes! Dementsprechend bin ich gegen ein Lowlight.

C: Was wirst du gleich lesen?

B: Ich lese aus meinem Romanprojekt Aç gözlü / Hungrigauge den Anfang.

C: Danke dir, viel Spaß beim Lesen!

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