„Ich bin Teilzeitautor!“

Tagsüber Lehrer und Familienvater, nachts Schöpfer düsterer Abgründe: Robert Witte führt im wahrsten Sinne des Wortes ein Doppelleben. Sein Debütroman Ich folge dir wurde trotz dieses herausfordernden Spagats zum Überraschungserfolg – und das ganz ohne die Unterstützung von Verlag und Agentur. Ein Austausch über das Teilzeitschreiben, die menschliche Psyche und KI.

Thriller–Autor & Hobby–Journalist im Wald! Kommen beide hier lebend raus? © Malte Larssen

Die Veröffentlichung von Robert Wittes Thriller Ich folge dir liegt jetzt knapp ein Jahr zurück. Innerhalb dieser kurzen Zeit verkaufte sich der Roman einige tausend Mal und erzielt damit eine Reichweite, die das Jahresprogramm so mancher Independent-Verlage in den Schatten stellt – im Selbstverlag wohlgemerkt! Hauptberuflich ist der 35-Jährige eigentlich Lehrer, wenn nicht viel eher Familienvater. Er erzählt mir, wie er sich zwischen Kind-ins-Bett-Bringen und Klassenarbeiten-Korrigieren die Schreibzeit für diesen Roman erkämpft hat: 

Die Motivation, ein Buch zu schreiben, war schon immer da. Dann kam die Elternzeit während des ersten Kindes und ich habe gedacht: Was machst du jetzt mit der ganzen Zeit? Ich habe den allerersten Satz geschrieben und dann einfach weitergeschrieben. Dass ich das irgendwann mal veröffentlichen würde, hatte ich gehofft, aber es war nicht fest geplant.

Vom ersten Satz bis zum fertigen Buch hat es ganze vier Jahre gedauert. In diesen vier Jahren gab es Phasen, in denen Witte  manchmal monatelang nicht geschrieben hat.

Das war kein romantischer Schreibprozess, das war ein Zeitprojekt, und ich hatte immer die Hoffnung, dass ich es irgendwann schaffe, die Ziellinie zu erreichen.

Der Alltag ist diesem Projekt immer wieder in die Quere gekommen: Umzug, Renovierungsarbeiten und nebenbei noch Vollzeitarbeit. Da muss man sich nach der einen oder anderen Zwangspause erst wieder in die eigene Welt eindenken und das bereits Geschriebene rekapitulieren – manche Ideen wirken nach einiger Zeit doch nicht mehr so genial. Schnell kommt da die Sehnsucht auf, einfach mal dem Alltag zu entfliehen, sich für drei Monate wegzusperren und ungestört zu schreiben. Diese Vorstellungen bleiben für Robert Witte aber eher Wunschdenken:

Es muss auch Geld nach Hause kommen. Ich kann nicht von heute auf morgen sagen, ich hänge mein doppeltes Sicherheitsnetz als verbeamteter Lehrer an den Nagel und schreibe jetzt nur noch. Ich bin Teilzeitautor!

Um trotz dessen den Traum vom eigenen Buch zu verwirklichen, musste Robert Witte durch einige Täler laufen. Geschrieben hat er aber schon immer, wenn auch nicht ganz freiwillig. 

Ich war früher in einer Band und da ich furchtbar unmusikalisch bin und keine Noten lesen kann, war ich für die Texte zuständig. Ich hatte nicht wirklich eine Wahl!

Über die Jahre haben sich einige Textideen auf seinem Laptop angesammelt. Aus einer dieser Ideen wurde unter anderem ein Sachbuch zum Thema Vintage-Rennräder – Wittes andere große Leidenschaft. Am Ende dieser Entwicklung steht sein fertiger Debütroman Ich folge dir. Dieser spielt in Berlin und begleitet die junge, ambitionierte Kommissarin Ellie Seidel und ihren deutlich älteren, schrulligen Kollegen Hasselberger beim Aufklären einer Mordserie. Das fertige Produkt – und da stimmen mir diverse Amazon-Rezensent:innen zu – erinnert stark an einen klassischen Erfolgsthriller à la Sebastian Fitzek oder Arno Strobel. Eine unerfahrene Protagonistin, die ins kalte Wasser geworfen wird und lernen muss, damit umzugehen. Ich wollte wissen, was das Buch vom klassischen Schema Krimi unterscheidet:

Das Buch bedient sich natürlich klassischer Mechanismen. Aber ich nehme das eher als Lob, wenn mir jemand schreibt: Das hat mich irgendwie an Fitzek erinnert. Gleichzeitig glaube ich schon, dass es hier Unterschiede gibt. In einem klassischen Krimi gibt es einen Täter und es gibt Opfer. Und hier ist von Anfang an gar nicht die einzelne Person der Täter, sondern diese anonyme Bedrohung, das Internet, strahlt die Gefahr aus.

Witte ist mit einer Influencerin verheiratet. Er selbst hat also bereits Erfahrungen mit den Abgründen von Social Media und damit verbundenen anonymen Hassbotschaften gemacht und kennt die verborgenen Abgründe sehr gut. Das hat bei ihm zu der Auseinandersetzung mit der Frage geführt, welche privaten Informationen wir im Internet teilen und wohin das alles führen kann. Eine stilistische Entscheidung interessiert mich vor diesem persönlichen Hintergrund besonders: Einige der durchaus brutalen Mordszenen sind aus der Perspektive des Täters geschrieben. Was war der Gedanke dahinter?

Ich habe versucht, mich mal in so einen kranken Geist einzufühlen. Und ich muss erschreckenderweise sagen, dass mir das ziemlich leichtfiel. Das schockiert mich ein bisschen, obwohl ich glaube, dass es nicht unnatürlich ist, sich auch mal mit solchen fiktionalen Gewaltfantasien auseinanderzusetzen. Das ist zum Beispiel sichtbar an den Erfolgen von Krimis, Thrillern, Mordserien… Wir sind relativ abgestumpft, was das Thema Gewalt angeht. Das Aufschreiben ist für mich eine Art Mechanismus, sowas mal zu durchdenken, auch weil ich weiß, dass ich es niemals im echten Leben tun würde.

Aber auch die Heldin der Geschichte hat ihre Schattenseiten. Viele von Wittes Charakteren bewegen sich in moralischen Grauzonen. Das liegt auch daran, dass er überhaupt nicht leiden kann, wenn Geschichten dieses eindeutige Gut–Böse-Schema bedienen: Der Held, der am Ende die Welt gerettet hat und nun bis ans Ende seiner Tage glücklich und zufrieden sein Dasein genießt.

Ellie ist bewusst so angelegt, dass sie nicht unbedingt sympathisch ist. Wenn man ihren Werdegang verfolgt, dann stellt man fest: sie macht , was sie will, entgegen allen guten Ratschlägen und Hilfsangeboten, wobei sie dann auch mal auf die Fresse fällt. Und das steckt auch bei mir drin. Ich weiß, dass ich manchmal wirklich ein Penner sein kann.

Es kann einem zwischenzeitlich schwerfallen, Ellie zu mögen. Das beste Beispiel dafür ist der Umgang mit ihrer ‚Love-Interest‘ Tim. Zum Glück kommt Ellie nicht immer mit diesem Verhalten durch und muss sich schlussendlich einigen unliebsamen Fakten stellen.

Ich wollte, dass das Buch eben nicht dieses typische ‚Happy End‘ hat. Am Ende bleiben auch Zweifel und Selbstvorwürfe zurück. Dafür habe ich auch vielfach Kritik bekommen, da manchen Leser:innen am Ende nicht genug geklärt wurde. Ich denke mir aber: Ne. Das muss am Ende nicht alles super sein. Das ist im Leben auch nicht so.

Wir können uns darauf einigen, dass wir diese ‘Hollywood-Enden’ beide langweilig finden. Auch weil solche Geschichten oft von unvorhergesehenen Geschehnissen begleitet werden, die am Ende die große Auflösung erzwingen.

Auf den letzten Seiten werden dann Zusammenhänge aus Zufall aufgedeckt, wo man merkt, jetzt musste der Autor es irgendwie konstruieren, damit am Ende alles Sinn ergibt. Mir war bei meinem Buch wichtig, dass die Auflösung sich auch auf das Geschehene bezieht und nicht mit einem plötzlichen Twist alles in die richtige Richtung gelenkt wird.

Das ist Robert Witte meiner Einschätzung nach gelungen. Ich will jedoch nicht zu viel vorwegnehmen. Mich interessiert, ob er schlussendlich mit dem Gesamtwerk zufrieden ist.

Ich bin auf jeden Fall stolz, aber leicht war es nicht. Das sind jetzt 75.000 Wörter. Das muss alles zusammenpassen und man läuft durchaus Gefahr, dass man sich in Sachen verrennt, und am Ende kommt nichts dabei raus. Ich glaube, jeder ist in der Lage eine Geschichte zu formulieren, daraus aber ein Buch zu machen, das auch richtig funktioniert, wo beim Lesen Leute Spaß haben, das ist das Schwierige. Und das habe ich geschafft und darauf bin ich stolz. Aber: zufrieden bin ich nicht.

Witte erzählt mir, dass er, um Kosten zu sparen, auf ein professionelles Lektorat verzichtet hat. Bei Büchern, die in Selbstverlagen erscheinen, ist das gängige Praxis. Viele Hobbyautor:innen haben nicht die Ressourcen, um ihr Buch von einem Profi lektorieren zu lassen. Vor allem, wenn man Gefahr läuft, das ausgegebene Geld durch Verkäufe nicht wieder reinholen zu können. Er erzählt mir jedoch, dass er diese Entscheidung im Nachhinein bereut.

Ich habe zwei Deutschlehrerinnen das Buch lesen lassen und hatte die Hoffnung, gemeinsam finden wir alle Fehler. Tatsächlich sind, schätze ich, noch knapp 100 Rechtschreibfehler im Buch versteckt. Da schäme ich mich ein bisschen für und dann steht auch noch im Klappentext, dass ich Lehrer bin. Eine Person hat alle Fehler, die sie gefunden hat, mit roten Notizzetteln markiert und ein Foto davon bei Amazon hochgeladen. Das war schon hart. Aber von solcher Kritik muss man sich frei machen, man kann es nicht allen Leuten recht machen. Aber bei meinem nächsten Buch nehme ich das Geld auf jeden Fall in die Hand.

Solche Probleme hat man mit einem klassischen Verlag natürlich nicht. Eigentlich war das auch  Wittes ursprünglicher Plan. Er erzählt mir, dass er das Manuskript an viele verschiedene Verlage und Agenturen geschickt, jedoch kaum Antworten erhalten hat. Das liegt oft an überquellenden Postfächern und zu wenigen Mitarbeiter:innen. Die meisten Verlage schaffen es gar nicht alle Einsendungen zu sichten, geschweige denn zurückzuschreiben. Trotzdem frustriert einen so etwas.

Ich habe mit einer ehemaligen Mitarbeiterin aus einem Verlag gesprochen. Sie meinte, ich brauche Kontakte. Jemanden, der ein gutes Wort für mich einlege. Oder eine Form von Referenz. Und sei es nur das erste Buch mit guten Bewertungen.

Der Ullstein Verlag hat ihm schlussendlich angeboten, das Buch als reines E-Book zu veröffentlichen. Das wollte er aber nicht. 

Da bin ich eitel. Wenn ich ein Buch schreibe, will ich am Ende ein Buch in der Hand haben. Deswegen habe ich das nicht gemacht.

Danach kam Witte erst die Idee, das Buch im Selbstverlag zu veröffentlichen. Finanziell macht es für Debütautor:innen kaum einen Unterschied. Trotzdem:

Allein hast du natürlich das positive Stigma des Verlags nicht. Die bringen dich auch mal auf die Pyramide, oder ganz vorne in den Buchhandel, wenn sie an dein Buch glauben. Das schaffst du im Selbstverlag nur durch Klinkenputzen.

Große Self-Publisher bieten oft Pakete an, wie ein extra Lektorat oder das Layouten, die man kaufen kann. Jedem ist somit selbst überlassen, wie viel man abgeben und wie viel man selbst machen möchte. Witte hat sich dazu entschieden, alles selbst zu machen. Dahinter steckt  ein großes Risiko. Wenn der Name nur zur Hälfte auf dem Cover steht, dann ist man selbst schuld. Aber:

Ich habe meine ganze Kreativität und Motivation in das Buch gesteckt. Ich hatte komplette, kreative Freiheit und niemanden, der mir die Flügel stutzt. Niemand, der dahinter steht und sagt: Das musst du rausnehmen, das musst du umschreiben. Ich fand es zum Beispiel super, dass ich beim Cover-Design mein eigenes Ding machen konnte und mich nicht an den aktuellen Trendfarben am Buchmarkt orientieren musste. Ich habe dieses erste Buch jetzt einfach so rausgeschossen, wie ich es für richtig halte, und das klingt jetzt blöd, aber der Erfolg gibt mir recht.

Diesen Erfolg hat Robert Witte sicherlich auch seiner Eigenvermarktung und der Plattform seiner Frau zu verdanken. Ohne ihre Hilfe, gesteht er mir, hätte er nicht gewusst, wie man sowas angeht. Der Account zum Buch hat im Frühjahr 2026 über 1200 Follower auf Instagram. Dort kommen regelmäßig neue Posts zum Buch, Gewinnspiele, Q&As und es gibt seit Ende letzten Jahres sogar ein KI-Chatbot. Seit der Veröffentlichung fühlt sich die Arbeit, die Robert Witte in das Projekt steckt, immer mehr wie die eines Influencers und weniger wie die eines Autors an. Darüber  ist er selbst nicht immer zufrieden.

Dieses ganze Selbstvermarktungsding ist natürlich wichtig. Ich bin aber nicht derjenige, der sich auf Social Media permanent filmen und erzählen muss. Das frisst auch echt Zeit. Dafür bräuchte ich ein ganz anderes Lebensmodell. Immer den neuesten Trends hinterherjagen. Aber das sehe ich bei mir nicht!

Die beschleunigte Entwicklung von KI hat ihm dabei in die Karten gespielt. Viele der Instagram-Beiträge basieren auf KI. Das geht schnell, ist nicht teuer und macht die Vermarktung des Buches spürbar einfacher. Bei der Frage, ob KI denn auch beim Schreibprozess aushelfen könnte, findet Witte jedoch deutliche Worte. 

Mein Buch bleibt mein Buch. Das schreibe nur ich. Ganz klassisch mit meinem Laptop und meinem Kopf. Drumherum finde ich KI spannend, was das Hörbuch oder eben Social-Media angeht. Dem würde ich mich nicht verschließen. Auch weil es, glaube ich, ein unaufhaltsamer Prozess ist. Die Frage ist viel eher, wo fangen wir an und wo hören wir auf? Ich finde den Einsatz von KI bei Musik gerade zum Beispiel echt noch ein Stück krasser und frage mich, ob das nicht schon zu viel ist?

Tatsächlich beobachten wir gerade, vorrangig in der Musikindustrie, wie ganze Künstler:innenpersona generiert werden. Auch der Buchmarkt scheint nicht sicher:

Das ist ja jetzt schon so. Gerade Amazon wird im E-Book-Bereich von KI-Büchern überflutet. Viele von den Spicy-Romance-Büchern sind KI-generiert und verkaufen sich zwanzigmal besser als mein Buch zum Beispiel. Wenn ich könnte, würde ich es aufhalten, aber wir können ehrlich sein: Ich glaube, am Ende des Tages kann es sein, dass das Schriftstellertum als solches zunehmend zu einer Leidenschaft verkommt, da Geld verdienen damit kaum noch möglich sein wird.

Was Witte da anspricht, ist eine reale Angst für viele schreibende Menschen, die von den Erlösen der Tätigkeit allein kaum leben können. Fehlende finanzielle Lukrativität würde ihn aber nicht am Schreiben hindern. 

Weil ich Spaß habe beim Schreiben. Ich habe das Buch nie geschrieben, um damit reich zu werden. Außerdem glaube ich auch, dass es eine Art Gegenbewegung geben wird. So wie mit Vinylplatten bei Musik zum Beispiel. Ich glaube, es wird viele Leute geben, die nur Bücher von echten Menschen lesen wollen. Das ist dann retro und cool.

Auch wenn die ferne Zukunft so manche ungeklärte Frage vorsieht, sieht die nahe Zukunft für Robert Witte ziemlich rosig aus. Letztes Jahr hat er begonnen, den Roman als Hörbuch zu vertonen. Die Arbeiten dazu sind fast abgeschlossen. Und: der zweite Teil ist auch schon auf dem Weg. 2027 soll es so weit sein, wenn alles glatt läuft! Fans des ersten Buches können sich also freuen. Der zweite Band soll die Geschichte rund um Ellie Seidel nochmal „auf ein ganz anderes Level bringen!“

Robert Witte: Ich folge dir – Dein nächster Post könnte dein letzter sein. BoD – Books on Demand 2025, 400 Seiten.

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