Im Gespräch mit Verena Güntner

Im Herbst 2014 erschien Verena Güntners Debütroman „Es bringen“ im KIWI Verlag, in dem es um den 16-jährigen Luis geht, der ein Leben als Bringer gewählt hat, bis er damit an seine eigenen Grenzen stößt. Sophie und Eva haben Verena getroffen, um mit ihr über ihren Roman und ihre Arbeit als Autorin und Schauspielerin zu sprechen.

 

Verena Güntner
© Stefan Klüter

Liebe Verena, würdest du dich nochmal kurz vorstellen und erzählen, was du so gemacht hast?
Ich bin Verena Güntner und  habe letztes Jahr im Herbst meinen Debütroman „Es bringen“ bei Kiepenheuer und Witsch veröffentlicht. Mit dem bin ich seither auf Lesungen und Festivals unterwegs. 2012 habe ich als Finalistin beim Open Mike gelesen und war danach beim MDR Literaturpreis, wo ich auch einen Preis gewonnen habe. Beim Ingeborg Bachmann-Wettbewerb war ich auch, zusammen mit meinem Aufenthalt in der Schreibwerkstatt in Edenkoben waren das meine wichtigsten Stationen. Dort habe ich mein Buch dann auch beendet und habe die Eindrücke aus der Werkstatt für meine Arbeit genutzt.
Außerdem bin ich auch Schauspielerin. Als Autorin arbeite ich noch nicht so lange. Ich habe am Mozarteum in Salzburg studiert und war danach elf Jahre am Theater, davon erst vier Jahre fest in Bremen. 2007 bin ich dort weggegangen, weil ich auch ein bisschen mehr Zeit fürs Schreiben haben wollte. Aber das war gar nicht so ein bewusster Vorgang. Seit 2007 lebe ich wieder in Berlin und habe in dieser Zeit viel als fester Gast an verschiedenen Theatern gearbeitet und habe im Jahr nur ca. drei Produktionen gemacht, sodass ich zwischendurch viel Zeit zum Schreiben hatte. So kam das, dass ich überhaupt einen Roman zustande gebracht habe.

Wenn dich jetzt jemand fragt, was du machst, würdest du dann sagen, du bist Autorin oder Schauspielerin? Oder beides? Oder was kommt zuerst?
Im Moment würde ich eher sagen, ich bin Autorin. Aber es war eine ganz schön lange Zeit, in der ich Schauspielerin war, vier Jahre Ausbildung und elf Jahre Arbeit. Da stellt sich natürlich auch irgendwann eine gewisse Müdigkeit ein. Ich war sehr viel unterwegs, da habe ich irgendwann gemerkt, das geht jetzt nicht mehr so gut. Für Lesungen bin ich jetzt natürlich auch mit dem Buch unterwegs, leider hat sich das nicht geändert, aber ist ja auch schön. Insofern würde ich sagen, das kann man nicht einfach so rauslöschen. Ich würde nicht sagen: Ich bin keine Schauspielerin mehr. Bis letztes Jahr habe ich auch noch gespielt. Gerade versuche ich aber, mich auf meinen zweiten Roman zu konzentrieren und solange ich die Möglichkeit habe, das in einer Ausschließlichkeit zu tun, will ich das auch erst mal machen. Irgendwann habe ich bestimmt mal wieder Lust zu spielen, im Moment schreibe ich allerdings lieber.

Kannst du verraten, woran du jetzt arbeitest?
Ich kann noch nicht viel dazu sagen, weil ich wirklich ganz am Anfang bin. Ich habe verschiedene Dinge ausprobiert, die nicht funktioniert haben oder wo ich gemerkt habe, die ziehen mich jetzt nicht hinein oder da hatte ich jetzt nicht das Gefühl, das hat so einen längeren Atem. Das ist ja auch immer die Frage, ist es eine Kurzgeschichte oder kann es ein Roman werden und da bin ich glaube ich immer noch in der Findungsphase. Aber ich kann sagen, dass in der Geschichte, an der ich jetzt gerade arbeite und die mein neues Romanprojekt sein könnte, ein Kind im Zentrum steht, das einen entlaufenen Hund sucht. Auf sehr spezielle Art und Weise.

Wie bist du denn darauf gekommen, mit „Es bringen“ einen Jugendroman zu schreiben?
Es ist kein Jugendroman.

Oder eher gesagt einen Roman über das Thema Jugend.
Es ist ein Roman, der einen Jugendlichen im Zentrum hat, aber deswegen muss es ja nicht automatisch ein Jugendroman sein. Also ich glaube, dass mein Roman dem Gattungsbegriff Jugendroman, was zum Beispiel den Plot angeht, gar nicht so gerecht wird. Ich glaube, da gibt es bestimmte Strukturen, die auch erfüllt werden sollten und das ist da nicht so. Es gibt auch, glaube ich, gar keine klare Zielgruppe, was den Leser angeht, was ich eigentlich ganz schön finde. Ich habe sehr unterschiedliche Rückmeldungen bekommen, auch ein paar von Jugendlichen. Ich würde sagen, das Buch ist ok ab 16. Ich weiß aber auch von einem 14-jähriges Mädchen, das es gelesen hat und überhaupt keine Probleme damit hatte. Bei Lesungen sind aber auch Leute, ich sage mal im fortgeschrittenen Alter, auf mich zugekommen, die das gelesen hatten und wo es überhaupt keine Berührungsängste gab. Da hätte ich es verstehen können, wenn es mit der Sprache Schwierigkeiten gegeben hätte, wenn man sich da erst mal reinlesen muss. Aber die Adoleszenz ist ja in der Regel etwas, was jeder durchlaufen hat, und es sind universelle Themen die dort verhandelt werden und da kann wahrscheinlich jeder andocken – das war zumindest meine Hoffnung. Aber warum ich die Figur ausgewählt habe, kann ich gar nicht so genau sagen, es gab keinen Plan. Sie war einfach da und auch relativ drängend, ich sage immer, sie hat so eine große Eigendynamik gehabt und die Geschichte sehr vorangetrieben. Aber es hätte auch etwas anderes sein können. Da hatte ich das Gefühl, das kann halt jetzt ein Roman werden. Bei anderen Geschichten wusste ich, dass es nur über eine kürzere Etappe funktioniert. Bei Rollenprosa ist das aber auch nicht so ganz klar. Am Anfang dachte ich, vielleicht kann man das gar nicht ertragen auf so eine lange Strecke, vielleicht nervt einen das irgendwann und viel länger hätte der Roman auch nicht sein dürfen.

Heißt das, du hast noch andere Geschichten in der Schublade zu liegen, die man ausbauen könnte? Das klang gerade so.
Ja, nein, oh Gott. Das sind Anfänge würde ich sagen. Also man muss ja immer Lust haben, an den Dingen weiterzuarbeiten und ich habe eben ganz viele angefangene Geschichten. Ich glaube aber, dass bei den Geschichten, die weitergehen sollen, es dann auch einfach weitergeht und die anderen bleiben Anfänge. Die hat man am Anfang aber vielleicht auch gebraucht, um zu wissen, dass es das andere ist. Oder eine Figur aus einer angefangenen Geschichte taucht später in einem Roman wieder auf. Ich arbeite ja sehr stark von Figuren ausgehend. Aber ich habe keine fertigen Kurzgeschichten in der Schublade zu liegen. Soll es aber auch geben.

Wie hast du dir den Ton eines 16-jährigen Jungen angeeignet? Kann man das recherchieren oder hast du Jugendliche befragt?
Ich habe es eigentlich eher vermieden zu recherchieren, denn ich wollte es gar nicht so realistisch abbilden. Das Ziel war, eine Sprache zu kreieren. Deshalb hat es mich auch etwas verwundert, dass es in der Rezeption des Buches hieß, es sei eins zu eins Jugendjargon. Und ich dachte: nee, eigentlich nicht. Es gibt einen Wiedererkennungswert, wo man denkt, ah ja, so könnten die sprechen – das war mein Ziel. Man bekommt also ein Gefühl, aber natürlich sprechen die so nicht. Es ist eine literarische Sprache, eine Erfindung. Es sollte aber auch schon so ein kleines Verwirrspiel sein. Es gibt zum Beispiel auch keinen konkreten Hinweis auf ein Jahrzehnt, in dem die Handlung spielt. Man weiß ungefähr, dass es ab den 90ern bis heute spielen muss. Jugendsprache ist ja auch abhängig von der Zeit. In den 90ern habe ich andere Wörter benutzt als die Jugendlichen heute. Daran hätte man ja relativ schnell ablesen können, wann das spielt und das wollte ich vermeiden. Ich denke, dass ich mich so gut in eine Figur reinversetzen kann, gerade auch sprachlich, hat natürlich auch damit zu tun, dass ich Schauspielerin bin, weil mir das Spaß macht und auch eher leicht fällt. Von daher war es gar nicht so schwierig dahin zu kommen. Und ich bin wahnsinnig neugierig. Ich höre in der U-Bahn immer den Leuten zu, wenn sie sich unterhalten – da nehme ich auch ganz viel unbewusst auf und das versetzt sich dann unter Umständen in eine Figur.

Hast du zum Schluss noch einen Literaturtipp für uns? 
Ich lese gerade „Astronauten“ von meiner Open Mike-Kollegin Sandra Gugic. Sie war 2012 eine der Preisträgerinnen und deshalb habe ich mich auch sehr auf das Debüt gefreut. Man weiß nicht genau wo es spielt, es könnte Wien sein, denn die Autorin stammt auch aus Wien, lebt aber jetzt in Berlin. Das finde ich auch ganz gut, dass es nicht so klar wird. Es ist episodisch geschrieben, wenn man das so sagen kann, aus der Sicht verschiedener Ich-Erzähler, auch sehr junger Erzähler. Das kann ich sehr empfehlen und macht wirklich Spaß.

Vielen Dank an Verena für das Interview!

Eva Philippi

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