Im sprachlichen Exil

Von dem Versuch, in Beton und Rausch Heimat zu finden und dem Ankommen in Sprache. Ein Abtauchen in Aria Abers poetische Selbstreflexion in ihrem Debütroman ‚Good Girl‘.

© Chiara Zimmermann

Als ich im April 2025 meine Cousine in New York besuchte, verbrachte ich viel Zeit in Buchhandlungen. Direkt am zweiten Tag verlor ich mich in Aria Abers Schreiben. Nicht nur innerhalb meiner Berlin-Bubble war ich dem Namen der deutsch-afghanischen Autorin immer wieder begegnet, auch in den USA strahlte mich das grün leuchtende Cover ihres damals gerade erschienenen Debütromans direkt am Eingang der Buchhandlungen an. 

Während es draußen auf Wintertemperaturen abkühlte, verschwand ich, auf ein Samtsofa gekuschelt, in die Seiten von Good Girl. Erst als es schon dämmerte, wachte ich aus meinem Sog wieder auf und war hingerissen, von der Sprache der Autorin und der Tiefe der Protagonistin, in die ich als Lesende so schnell Einblick erlangen konnte. Auf Instagram suchte ich nach Aber und das Schicksal meinte es gut mit mir – die zwischen New York City und Vermont lebende Schriftstellerin sollte noch am selben Abend eine Lesung in einem Writers Club in Brooklyn geben. Eine Stunde später saß ich in einem großen Ohrensessel und durfte Abers Sprache lauschen. 

Die 1991 geborene Autorin nimmt mich von Beginn an sanft an die Hand und führt mich in das trübe und raue Klima der Gropiusstadt Berlin Anfang der 2000er Jahre. In die Enge der elterlichen Wohnung der Protagonistin Nila wo sich die Springerstiefel der Nazi-Nachbarn draußen auf dem Flur an einanderreihen.  Diesen vier Wänden, die einengen, vorschreiben, die Migrationsgeschichte der Eltern erzählen und vor allem, Verlust und Gedanken an den Tod bedeuten, gilt es zu entkommen. Nila flieht in den grauen Beton der Klubs der Stadt und verliert sich in Drogen, Musik und Sex. 

Dieser Coming-of-Age Roman bricht aber mit der klassischen Lost-sein-und -Drogen-nehmen-in-Berlin-Story. Einfühlsam und sachte erzählt die Autorin von dem Verlust und der Leere ihrer Protagonistin, die, als von faschistischer Gewalt betroffene deutsch-Afghanin, zwischen den sogenannten Baseballschlägerjahren in einem emotional hart erzählten Berlin aufwächst. Neben alltäglichen Erfahrungen von Rassismus und Sexismus versucht Nila als junge Frau, aus den strengen familiären Normen und Regeln auszubrechen. Sie findet sich wieder, in einem kalten Deutschland, das sich auch nicht nach zuhause anfühlt und in einer Wahlfamilie, die doch eher aus Fremden als Freunden besteht. Dieses Gefühl, der nicht zu entkommen scheinenden Einsamkeit, vermischt sich mit dem Drang der Protagonistin, sich einer konstanten Beschallung auszusetzen: wenn du nirgends ankommen und ruhen kannst, rennst du immer weiter. Das Entfliehen der Realität durch den Rausch wird wiederholt durch die harte politische Kontextualisierung Abers gebrochen: ein weiteres brennendes Geflüchtetenheim oder die Berichte der ersten NSU-Morde im Radio und Fernsehen holen Nila nicht nur zurück in die Realität, sondern konfrontieren sie mit ihrer eigenen migrantischen Identität und der alltäglich präsenten gesellschaftlichen Ausgrenzung.

Aria Aber veröffentlichte erstmals lyrische Texte, unter anderem in The New Yorker, New Republic oder The Yale Review, und schreibt nach wie vor viel Poesie. Im Writers Club erzählt sie, dass sie Lyrik besonders liebt, weil man als schreibende Person „so much freedom“ habe: „It lets you jump from one thought, from one association to another.“ So fühlt sich auch ihr prosaisches Debüt an: wie eine Aneinanderreihung von Gedanken, inneren Prozessen und Beobachtungen, ohne dabei an Kohärenz zu verlieren.

So why was I plagued by some strange splinter, why did I have to snort every drug and go to every party, always running farther than everyone else, toward the nucleus of darkness and ectasy?

Abers Text gelingt es, innerhalb nur einer Szene unterschiedlichste Emotionen hervorzurufen. Sieben junge Menschen drängen sich in eine stinkende Klokabine, reichen Ketamin auf dem Handy im Kreis – Ekel kommt in mir auf. Dann spürt Nila die Gänsehaut der Person neben ihr und auch die Härchen auf meinem Arm stellen sich auf. Wieder auf der Tanzfläche, die Lichter grell und ich spüre Anstrengung. Und dann die Beschreibung der Beats und es macht sich die Lust auf Tanzen und ein Gefühl der Freiheit in mir breit.

Der Schreibstil ist sinnbildlich für den jungen und wachen, aber ebenso verlorenen und nicht ruhenden Geist von Nila. Wie auch Nila, bewegt sich die Sprache suchend durch die Geschichte, setzt wenig Punkte und kommt selten zum Stillstand. So verliere auch ich mich als Lesende im Text und den, von poetischer Sprache gezeichneten, Bildern voller Emotionen. Dabei habe ich das Gefühl, trotz der Härte des Erzählten auf eine beruhigende Art von Aber gehalten zu werden. „I think I jump around too often, […] because I want to include everything so as not to experience the pain of loss again“, so beschreibt es die Autorin in einem Interview mit Reading Room Berlin und bestärkt meinen Eindruck der Parallelen zwischen Handlung und Text. 

Abers Schreiben bewegt sich nicht nur entlang verschiedener Genres und Kulturen, sondern auch zwischen Sprachen. Die Geschichte von Nila schreibt die Autorin in ihrer dritten Sprache Englisch und zeigt hierbei eindrücklich, wie Literatur Exil nicht nur erzählen, sondern gleichzeitig sprachlich erfahrbar machen kann. Im Writers Club, spricht darüber. Ihre Muttersprache, das Deutsche sei für sie eine Sprache der Bürokratie und der Härte. Geprägt durch Formalitäten, wie beispielsweise Asylanträge der eigenen Eltern, gelang es ihr nicht, das Schöne im Deutschen zu finden. Trotzdem übersetzt Aber selbst ihren Roman ins Deutsche. Die Ausgabe liegt neben der, mit Eselsohren versehenen, englischen in meinem Bücherregal. Bisher habe ich noch keine Zeit gefunden für den Vergleich, aber ich frage mich, inwiefern auch in der deutschen Übersetzung eine Rastlosigkeit in den Sätzen spürbar ist und Aber doch Schönes gefunden hat.

Es ist gerade Abers Schreiben, welches den Roman für mich so besonders macht. Ihre Sprache ist nicht nur feinsinnig, sondern zudem eine Spiegelung des Inhaltes auf zweifacher Ebene. Das Thema Im Exil leben zieht sich durch die gesamte Erzählung und kommt gleichzeitig innerhalb der sprachlichen Ästhetik und der Wahl der Sprache zum Ausdruck. Die Autorin fühlt sich verloren in der eigenen Identität – ihrer Muttersprache – flieht in das Fremde, wie auch Nila. Somit gelingt hier ein Ineinandergreifen von Form und Inhalt, indem nicht nur die Handlung von Identitätssuche und Fremdheit erzählt, sondern die fragmentarische, suchende und rastlose Sprache diese Gefühle zusätzlich zeichnet.

Monate nachdem Good Girl mit mir zurück nach Berlin gereist ist, hallt die Geschichte noch in mir nach – als sanfter und zugleich schmerzlicher Beweis dafür, wie Sprache einen Ort kreieren kann, in dem du suchst, dich verlierst und vielleicht auch findest.

Aria Aber: Good Girl (aus dem Englischen übersetzt von der Autorin selbst). Claassen 2025, 400 Seiten.

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