Leise rascheln die Seiten, still und starr liegt der See

Lesen ist eine Beschäftigung, der man meistens allein und zuhause nachgeht. Ein neuer Trend aus den USA sieht das anders und ruft zum Lesen in Gesellschaft auf. Kann stilles Lesen gesellig sein? Das Literarische Colloquium Berlin wagt den Versuch und lädt zum Silent Reading ein.

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© Inga Kuck Die LCB-Villa am Wannsee

Donnerstag, kurz nach vier. Ich haste den Bürgersteig entlang, versuche dabei auf den gestreuten Wegen zu bleiben und jede vereiste Stelle zu umgehen (ein kleiner Balanceakt). Unter dem Rundbogen hindurch wird mein Blick auf die LCB-Villa am Wannsee frei. Rostrot hebt sich die Gründerzeitvilla von der weißen Winterlandschaft ab. Es ist ein kalter, grauer Januartag. An langen Wintertagen ist die Motivation oft nicht so groß, nachmittags noch einmal die Wohnung zu verlassen. Doch anstatt zuhause der Müdigkeit zu verfallen, tief zu versinken zwischen Kissen und Decke im Blaulicht von Bildschirmen, habe ich mich auf den Weg zum Wannsee gemacht. Denn das Literarische Colloquium Berlin (LCB) hat zum gemeinsamen, stillen Lesen in seine Räumlichkeiten eingeladen, eine kostenlose Veranstaltung.

Ein Safe Space für Introvertierte

Die Idee zum Silent Reading kommt ursprünglich von zwei Frauen aus San Francisco, die Anfang der 2010er-Jahre eine Alternative zu Buchclubs suchten, bei der das Lesen selbst zelebriert und zur gemeinsamen Aktivität gemacht wird. Anders als in Buchclubs bieten Silent Reading-Veranstaltungen die Gelegenheit, sich mit anderen Buchliebhaber:innen zu treffen, ohne sich dafür auf ein bestimmtes Buch festlegen zu müssen. Demnach steht auch keine:r unter Zeitdruck, ein Buch fertig gelesen haben zu müssen. Jede:r kann zum Silent Reading das Buch mitbringen, was man gerade lesen möchte. Mittlerweile gibt es weltweit Silent Reading-Veranstaltungen. Angeboten werden sie entweder als Silent Reading Party oder als Silent Reading Club in Cafés, Bibliotheken oder Buchhandlungen. Manchmal wird die Veranstaltung moderiert und es gibt neben festen Lesezeiten auch die Möglichkeit, im Anschluss in den Austausch zu gehen. Das Lesen steht aber immer an erster Stelle und der Austausch ist nie verpflichtend. Gerade für introvertierte Menschen kann eine solche Veranstaltung ein Safe Space sein. Ein soziales Event ohne unangenehmen Smalltalk, bei dem man für sich liest und trotzdem unter Leuten ist.

© Inga Kuck Wer kein eigenes Buch dabei hat oder nach neuem Lesestoff sucht, findet eine Bücherauswahl am Büchertisch.

Großstadtroman, Familiengeschichten und magischer Realismus

Ich denke, ich bin zu spät, als ich die Stufen zur Eingangstür der Villa hochlaufe. Doch drinnen im Foyer erwarten mich offene Flügeltüren und zwei Mitarbeiterinnen begrüßen mich im Flüsterton. Das Silent Reading, so erklärt man mir, sei hier offen gestaltet und nur durch einen Zeitrahmen von drei Stunden angesetzt. Den Besucher:innen wird also freigestellt, wann sie kommen und gehen möchten. Ich hätte mich also gar nicht so abhetzen müssen. Ob es eine anschließende Gesprächsrunde gibt, vergesse ich zu fragen.

Das Fischgrätenmuster knarzt unter meinen Schritten, als ich das Parkettzimmer betrete. Die Wände und Decken sind mit dunklem Holz vertäfelt, in einer Ecke ist ein Bildschirm aufgestellt, auf dem leise ein digitales Kaminfeuer knackt und knistert. Mehrere runde Tische und Stühle stehen hier verteilt, ich steuere den Büchertisch an. Wie auf ihrer Webseite angekündigt, stellt das LCB für diese Veranstaltung auch Bücher zum Leihen vor Ort bereit. Ein Großstadtroman, Familiengeschichten, eine surrealistische Liebesgeschichte, ein schräger Krimi und ein Gegenwartsroman mit magischem Realismus fallen mir beim Stöbern in die Hände. Es liegen auch verschiedene Zeitungen aus. Ich habe selbst einen Roman von zuhause mitgebracht.

Es ist sehr still in der Villa am Wannsee

Im Erkerzimmer sind mehrere Sofas und Sessel aufgestellt und sogar ein Sitzsack lädt zum Versinken ein. Es sind bereits ein paar Besucher*innen da, die es sich schon gemütlich gemacht haben. Ich wähle einen gepolsterten Lehnstuhl in einer Ecke aus. Neben mir liest ein älterer Mann konzentriert in seinem E-Book. Gegenüber von uns hat sich eine Besucherin ihr dickes Taschenbuch auf ihren Oberschenkel gelegt. Ein Tausend-Seiten-Schmöker, der vermutlich zu schwer ist, um in der Hand zu liegen. 

Am Anfang fällt es mir schwer, in mein Buch reinzukommen. Immer wieder wandert mein Blick in den Raum und ich beobachte die anderen beim konzentrierten Lesen. Draußen vor den Fenstern des hübschen Erkers ruht der zugefrorene Wannsee. Die Sonne geht schon allmählich unter und die Lichter der Häuser auf der anderen Uferseite beginnen in der Ferne aufzuleuchten. Alles wirkt so ruhig und entschleunigend, weit weg vom lauten, städtischen Berlin. Im Wintergarten steht ein Servierwagen und bietet Kannen mit heißem Wasser, Teebeutel, Kaffee und Kekse. Ich bediene mich.

Nach einer Weile steckt mich das schweigsame und konzentrierte Lesen der anderen an und als ich für eine weitere Tasse Tee nach einer längeren Lesezeit aufstehe, ist der Himmel draußen tiefdunkelbau geworden und wir sind nur noch von dem warmen Licht der Lampen im Zimmer umgeben. Inzwischen hat ein Besucher sein Buch weggelegt und beim digitalen Kaminfeuer eine Zeitung aufgeschlagen. Ab und an klappern Untertassen, erzeugt das Umblättern einer Seite ein Rascheln und ein Räuspern hallt durch die Räume, aber ansonsten bleibt es sehr still in der Villa am Wannsee. Jede:r ist in die Welt zwischen den eigenen Seiten abgetaucht. In meinem Roman kämpft gerade die Protagonistin mit einer Fliege, die ihr ständig auf die Tasten und gegen den Laptopbildschirm fliegt und sie so vom Schreiben ihres Drehbuchs abbringt. Ein Kampf um Konzentration und um die Wiedergewinnung von kreativen Einfällen, der für die Fliege tödlich endet und eine kaputte Ä-Taste auf der Tastatur hinterlässt.

© Inga Kuck So lässt es sich lesen im Erkerzimmer in der LCB-Villa.

Eine Verbundenheit im gemeinsamen Schweigen

Das leise Knarzen des Parketts kündigt in Abständen weitere lesefreudige Besucher:innen an. Obwohl den ganzen Zeitraum über keine:r spricht noch groß Blicke ausgetauscht werden, entsteht doch spürbar ein Gemeinschaftsgefühl untereinander in dieser kleinen schweigsamen Gruppe. Und so wirkt der Abschied seltsam vertraut, als ich nach zweieinhalb Stunden aufbreche und diese Stille verlasse, um zurück in die Hektik, Anonymität und den Lärm der Großstadt zurückzukehren. 

Ich habe diesen kurzen Digital Detox genossen und bin froh, mich dazu entschieden zu haben, nach Feierabend an einem gemütlichen Ort in Gesellschaft zu lesen. Silent Reading fühlt sich anders an als das konzentrierte Lesen und Arbeiten in Bibliotheken. Es ist vielmehr eine Gruppenfreizeitaktivität – und im LCB außerdem mit kostenlosen Heißgetränken und Snacks verbunden! Natürlich trägt auch die Kulisse einer Gründerzeitvilla mit Seeblick viel zu dem besonderen Ambiente bei. Am Ende kam es zu keinem Gespräch und keiner Austauschrunde, trotzdem fühlte ich mich mit der Gruppe im Stillen doch verbunden, weil wir unsere Leselust miteinander geteilt haben. 

Ein schöner, neuer Trend, der Hoffnung gibt, dass sich Menschen trotz der Vielzahl an digitalen Ablenkungen aktiv Zeit zum Lesen nehmen und der sozialen Isolation entgegenwirken können. Sollte das LCB wieder zu einem Silent Reading einladen – vielleicht im Sommer draußen am See? –, ist die litaffin-Redaktion auf jeden Fall wieder dabei. 

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