Dass sich die Rolle der Frau in den letzten Jahren verändert hat, ist offensichtlich. Die Frau von heute ist selbstbewusst, emanzipiert und stark. Wie sehr sich das Frauenbild in den letzten zehn Jahren verändert hat, wird vor allem in der Literatur deutlich.
Durch eine Freundin, die gerade umzog und ihr Bücherregal entrümpelte, landete das Buch „Die Kunst, den Mann fürs Leben zu finden“ von Ellen Fein und Sherrie Schneider in meinen Händen. Sie gab es mir mit den Worten: „Da stehen echt ein paar hilfreiche Tipps drin, vielleicht findest du es ja auch ganz interessant.“ Ich versuchte mein Gesicht nicht allzu sehr zu verziehen und unterdrückte den Impuls, das Buch sofort in den Mülleimer zu schmeißen. Zumindest so lange nicht, wie meine Freundin noch anwesend war. Nachdem sie gegangen war, warf ich einen kurzen Blick ins Buch, um es dann sofort in die hinterste Ecke meines Regals zu verbannen – nicht ohne sicher zu gehen, dass das Buchcover von anderen Büchern wie Marcel Reich-Ranicki oder Kafka vollständig verdeckt wurde. Einige Zeit später holte ich es allerdings doch wieder hervor, aus reiner Neugier. Vielleicht war das Buch ja doch ganz witzig und amüsant zu lesen? Die Ernüchterung folgte unmittelbar. Dieses Buch ist einfach so unglaublich, dass ich es niemanden vorenthalten möchte. Deswegen hier die etwas andere Rezension.
Das Buch „Die Kunst, den Mann fürs Leben zu finden“ ist in der amerikanischen Originalausgabe 1995 unter dem Titel „The Rules. Time-tested Secrets for Capturing the Heart of Mr. Right“ erschienen. Ein Jahr später folgte die deutsche Veröffentlichung im Piper Verlag. Ein alter Schuh also, der allerdings immer noch erhältlich ist und diverse Neuauflagen durchlaufen hat. Auch im August diesen Jahres wird es eine weitere Auflage des Buches im Piper Verlag geben.
Das Buch besteht aus 34 Regeln und 12 Extra-Tipps, wie man als Single-Frau den Mann fürs Leben findet und diesen hält – dies allerdings auch nur, wenn man sich konsequent an die Regeln hält. Gleich in der Einleitung wird betont, wie wichtig eine konsequente Einhaltung dieser Regeln ist. Befolgt man diese, „können Sie sicher sein, dass Ihr Mann Sie wie eine Königin behandeln wird“. Darüber hinaus versprechen die Autorinnen, dass der Mann keine Augen mehr für andere Frauen haben wird – vorausgesetzt natürlich, man hält sich an die entsprechenden Verhaltensweisen. Um die Hoffnung der Single-Frauen vollständig zu schüren, wird im Folgenden von einer Bekannten berichtet, die sich an alle Regeln gehalten hat und nun glücklich verheiratet ist.
Zu den Regeln gehören Verhaltensweisen wie „Sprechen Sie einen Mann nicht zuerst an“ (Regel Nummer 2), „Machen Sie Schluss, wenn Sie zum Geburts- oder Valentinstag kein romantisches Geschenk bekommen (Regel 12) oder „Überlassen Sie ihm die Führung“ (Regel Nummer 17). Auch die fünfte Regel ist sehr schön, denn sie besagt, dass Frau den Mann nicht anrufen oder zurückrufen soll – er könnte schließlich beim Fußballgucken gestört werden. Einen Mann anzurufen, bedeutet in diesem Fall, ihm nachzustellen und das würde ganz und gar gegen die Regeln verstoßen. Das Einhalten der Regeln wird in einer Stelle des Buches sogar mit den 10 Geboten gleichgesetzt – ein gewagter Vergleich, finde ich. Dass Sex nach diesen Regeln in den ersten Monaten tabu ist und im besten Falle erst in der Ehe praktiziert wird, erscheint da nicht mehr verwunderlich.
Beim Lesen dieses Buches wusste ich an manchen Stellen nicht, ob man lachen oder weinen soll. Wäre der Inhalt ironisch gemeint, wäre es eine großartige Lektüre. Leider ist es ziemlich offensichtlich, dass dies nicht der Fall ist. Im gesamten Buch wird ein Frauenbild entworfen, das der Steinzeit entstammt und selbst für die 90er und die Anfänge des 20. Jahrhunderts durch und durch rückschrittig wirkt. Von Gleichberechtigung keine Spur, stattdessen wird die Frau in eine passive Rolle gedrängt, die von Selbstbestimmung und Selbstbewusstsein so weit entfernt ist, wie dieses Buch von der heutigen Realität – Gott sei Dank.
2012 findet man solche Ratgeber zum Glück nicht mehr ganz so häufig in den Regalen der Buchhandlungen. Stattdessen tummeln sich dort heute Bücher von Charlotte Roche oder anderen Autorinnen, die freimütig über Sexpraktiken, Pornografie und Prostitution schreiben. Ob das besser ist, weiß ich auch nicht. Aber es ist auf jeden Fall emanzipierter.
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