
Wer The Naughty Chapture in der Goltzstraße in Schöneberg betritt, merkt schnell: Hier geht es um Liebe, von queeren Liebesgeschichten über Romantasy bis zu düsteren Titeln. Kräftiges Rosa zieht sich durch den Raum. In den Regalen glänzen Schmuckausgaben und Farbschnitte neben englischen Originalen und deutschen Übersetzungen. Auf Tischen und an der Theke liegen Lesezeichen, Sticker und weitere Non-Book-Artikel. Hinten im Laden hängen T-Shirts mit Motiven rund um Selbstbestimmung und Female Rage. An der Wand gegenüber können Besucher:innen Wünsche und Vorschläge für den Laden an einer Pinnwand hinterlassen.

Doch der Ende Mai eröffnete Laden will mehr sein als eine spezialisierte Buchhandlung. The Naughty Chapture macht eine Lese-Community sichtbar, die lange vor allem online auf BookTok und Bookstagram stattgefunden hat. In Schöneberg bekommt diese Community nun einen physischen Ort zum Stöbern und Austauschen. Einen Ort, an dem niemand erklären muss, warum ausgerechnet Dark Romance, Romantasy oder die Liebesgeschichte mit dem blauen Alien im Einkaufskorb landet.
Ladenbesitzerin Maxi Schwabe sitzt für das Interview hinten im Laden. Aufgeweckt wirkt sie, aber ruhig. Die Eingangstür behält sie immer im Blick. Am Eingang wartet Maxis Hund in seinem kleinen Körbchen und begrüßt die Besucher:innen. Sobald jemand hereinkommen, steht Maxi auf, geht nach vorne, wechselt ein paar Worte oder bedient die Kasse. Danach setzt sie sich wieder. Der Ladenalltag läuft während unseres Gesprächs einfach weiter.
Von BookTok zum eigenen Laden
Maxi kommt nicht aus dem klassischen Buchhandel. Sie ist in Berlin aufgewachsen, hat Betriebswirtschaft studiert und anschließend unter anderem in den Bereichen Personal, Finanzen und Unternehmensorganisation gearbeitet. Auch zum Lesen fand sie erst vergleichsweise spät zurück. Während der Coronapandemie entdeckte sie über TikTok die BookTok-Community und schließlich Sarah J. Maas’ Fantasy-Reihe A Court of Thorns and Roses.
Wegen dieses Buches gibt es diesen Laden.
Danach kaufte und las Maxi immer mehr. Zugleich erinnerte sie sich an The Ripped Bodice, einen spezialisierten Romance-Buchladen, den sie mit 23 Jahren zufällig in New York entdeckt hatte. Jahre später sah sie, wie stark das Geschäft gewachsen war. Auch in anderen Städten entstanden ähnliche Konzepte. Berlin fehlte für sie noch auf dieser Landkarte.
Im September 2025 besuchte Maxi einen Workshop eines Buchgroßhändlers. Etwa zur gleichen Zeit begann sie, sich erste Gewerbeflächen in Berlin anzusehen und auszuloten, was für einen eigenen Laden überhaupt möglich wäre. Im März 2026 fand sie dann die Räume in der Goltzstraße. Im April bekam sie die Schlüssel, am 30. Mai öffnete sie den Laden. Viel Zeit für den Ausbau blieb also nicht. Viele Möbel fand sie über Kleinanzeigen. Gemeinsam mit Freundinnen schliff sie Regale ab und lackierte sie in dem markanten Rosaton.


Was ins Regal kommt
Auch das Sortiment folgt keinem starren Plan. Maxi beobachtet, wonach Kund:innen fragen und welche Themen auf BookTok und Bookstagram auftauchen. Schon vor der Eröffnung bekam Maxi immer wieder eine Frage zu hören: Wird es auch „richtige“ Dark Romance geben? Im Laden füllt das Genre gleich zwei Regale. Queere Romance ist ebenfalls beliebt und wächst weiter. Dass es einen eigenen Bereich für Paranormal Romance gibt, liegt vor allem daran, dass Maxi selbst gerne und übernatürliche Geschichten liest.
Festgeschrieben ist diese Aufteilung nicht. Wenn ein Genre an Bedeutung verliert, kann Maxi die Regale neu verteilen. Mehr historische Stoffe, weniger Romantasy – alles ist veränderbar.
Es ist alles Work in Progress hier.
Das gilt auch für die Sprachen. Deutsche und englische Ausgaben stehen momentan direkt nebeneinander im Regal. Für Maxi, die selbst überwiegend auf Englisch liest, gehört das englischsprachige Sortiment selbstverständlich zum Konzept. Ob die aktuelle Aufteilung so bleibt, ist allerdings noch offen. Noch sucht sie nach einer Kennzeichnung, die auf den ersten Blick verständlich ist.
Besonders wichtig sind für Maxi außerdem Schmuckausgaben, Farbschnitte und limitierte Erstauflagen. Viele Leser:innen kaufen Bücher längst nicht mehr nur zum Lesen. Sie sammeln und fotografieren sie und besitzen denselben Titel in mehreren Ausgaben. Maxi kennt das von sich selbst. Ihre Lieblingsreihe besitzt sie gleich in mehreren Versionen.
Online gefunden, offline verbunden
Dass die Idee für The Naughty Chapture über BookTok ihren Anfang nahm, passt zum Konzept des Ladens. Die Plattform hat nicht nur Maxis eigene Lesebiografie geprägt, sondern beeinflusst auch, was im Geschäft passiert. Empfehlungen verbreiten sich dort in kurzer Zeit, ältere Reihen erleben plötzlich ein Comeback und Neuerscheinungen werden gemeinsam erwartet und diskutiert.

The Naughty Chapture soll diese digitale Gemeinschaft deshalb auch vor Ort zusammenbringen. Maxi plant Lesungen, Buchclubs und gemeinsame Bastelabende. Bei sogenannten „Bedazzling-Events” könnten Besucher:innen ihre Bücher etwa mit Schmucksteinen verzieren. Zum Zeitpunkt des Interviews stand bereits die erste Lesung für Ende Oktober fest. Weitere Ideen sollen nach und nach folgen.
Einen fertigen Veranstaltungskalender gibt es noch nicht. Maxi will ausprobieren, was funktioniert und was die Besucher:innen tatsächlich brauchen. Damit wächst auch dieser Teil des Konzepts gemeinsam mit der Community. Der Aufbau von The Naughty Chapture ist für sie nicht mit der Eröffnung abgeschlossen. Vieles entsteht erst im Alltag durch Fragen, Gespräche und neue Wünsche.
Lesen ohne Scham
Die neue Sichtbarkeit von Romance bringt nicht nur Begeisterung mit sich. Das Genre wird noch immer häufig belächelt. Besonders Bücher für ein vorwiegend weibliches Publikum geraten schnell unter Rechtfertigungsdruck, sobald sie Sexualität offen darstellen. Maxi sieht darin einen doppelten Standard. Explizite Szenen in von Männern geschriebener Fantasy würden oft akzeptiert. Bei Autorinnen gelte das ganze Genre schnell als anspruchslos.
Dass diese Geschichten oft weit mehr als Romantik oder Erotik verhandeln, zeigt sich für Maxi besonders an ihren Protagonistinnen. Gerade in der Romantasy seien Frauen häufig keine passiven Figuren. Sie entwickeln Macht, stellen gesellschaftliche Systeme infrage und widersetzen sich Erwartungen. Selbstbestimmung und Female Rage gehören für sie deshalb genauso zum Genre wie die große Liebe. „Da geht’s um Character Development, da geht’s um Coming-out, da geht’s um Leben, wie du leben willst“, betont sie. „Umso schöner ist es, dass du hier reinkommen kannst: Du kannst nach blauen Aliens fragen, du kannst so viel Romantasy kaufen, wie du willst, kannst dir deine Cozy Summer Romance holen. Hauptsache, jeder kann das lesen, was er auch lesen möchte.“
Genau darin liegt die Idee von The Naughty Chapture. Niemand soll erklären müssen, warum eine bestimmte Geschichte gefällt. Die Frage nach mehreren Liebespartner:innen oder besonders expliziter Dark Romance gehört hier zum normalen Gespräch. „No judgment“, bekräftigt Maxi. Die Bücher waren längst da, ebenso ihre Leser:innen. Nun haben sie auch einen Ort.
Ich hoffe, dass die Leute das annehmen, was ich hier gemacht habe. Und dass man hier eine coole, gute Community aufbauen kann.
Artikelbilder: © Julie Wolz

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