Alles bewegt sich

Das Rauschen in unseren Köpfen, so heißt Svenja Gräfens Debütroman, der im neuen Programm des Ullstein Verlags, bei Ullstein fünf, erschienen ist. Darin erzählt sie von Lene und Hendrik, von den kleinen, bezaubernden Anfängen einer Beziehung und dem, was sie manchmal auch zum Scheitern verurteilt: das Leben. 

Lene, das ist eine, die sich oft ihre Zunge an zu heißem Kaffee verbrennt und das Gefühl gleichzeitig mag. Sie ist Protagonistin und Erzählerin in Das Rauschen in unseren Köpfen und schildert darin das Entstehen und Scheitern einer Liebe. Ihrer Liebe. Der Beziehung mit Hendrik. Das klingt jetzt erstmal belanglos und so, als sei es eine dieser Geschichten, die schon bis in alle Ecken erzählt wurde. Vorneweg: Das ist sie nicht. Spätestens wenn man in den Strudel der Erzählung geraten ist, verliert man sich darin und würde am liebsten gar nicht mehr herauskommen. Einfach nur sich mit verlieben, mit fallen, mit sprachlos sein.

Liebe auf die erste U-Bahnfahrt

Fangen wir von vorne an. Dort, wo Lene und Hendrik sich finden. In einer U-Bahn-Station. Hendrik mit dem blonden Schopf und weinroter Wollmütze, den erkennt Lene sofort wieder, weil sie ihn nur ein paar Tage vorher mit dem Fahrrad streifte und er ihr gleich auffiel. Eine U-Bahn-Begegnung, wie sie im Buche steht. Als Lene ihn wiedersieht, mit ihm in der Bahn sitzt, sitzen wir Leser*innen gleich nebenan, so szenisch wird dieser Moment erzählt. Überhaupt geht es sehr szenisch im Roman zu. So bleiben wir dran, lassen uns wie in einen Film hineinziehen.

…und da müssen wir grinsen, er und ich, und da treffen sich unsere Blicke und behalten sich einfach, bis zur Endstation.

Nachdem sie die Blicke nicht voneinander lassen konnten, kommen Lene und Hendrik ins Gespräch. Aus dieser kurzen Begegnung wird ein ausuferndes Kennenlernen an einem Abend, das andere in Wochen erleben. Mit viel Wein, intimen Gesprächen, einer Umarmung im Bett. Sie verabschieden sich mit einem „bis bald“, das eigentlich „bis morgen“ heißen sollte. Nur einen Tag später sehen sie sich wieder, lassen sich gar nicht mehr los, stürmen miteinander ins Verliebtsein.

Und dann? In abwechselnden Kapitel erschließen wir die Vergangenheit der beiden und ihre gemeinsame Geschichte. Lene, das wird schnell deutlich, kommt aus einem stabilen Haushalt, in dem offen über Privates gesprochen wird, in dem es ihren Bruder Jaro gibt, und irgendwie auch ihre beste Freundin Hanna, die so gut wie zur Familie gehört. Die drei sind ein eingeschworenes Team, das die gemeinsame Jugend mit Urlauben, Sommernächten und Parties verbringt. Ihre Freundschaft gerät nur kurz ins Rütteln als Jaro und Hanna beschließen, eine Beziehung zu führen.

Zuflucht am Stadtrand

Lene, die sich mit Hanna einen Traum verwirklicht hat und in eine gemeinsame Wohnung nach Berlin zieht, fühlt sich plötzlich ausgeschlossen, schafft es nach und nach dann aber, Jaro und Hanna als Paar zu akzeptieren. Gemeinsam beginnen sie das Abenteuer Großstadt. Das Zuhause am Stadtrand bleibt dabei jedoch immer ein Rückzugs- und Zufluchtsort, den Hendrik so nicht kennt.

Das Rauschen in unseren Köpfen
Svenja Gräfen und das Rauschen ©Laura Chlebos

Von trauter Kindheit und Geschwistern ist bei ihm nicht die Rede. Nach dem Selbstmord von Hendriks Vater zieht seine Mutter mit ihm zu ihrem Geliebten nach Hamburg.  Hendrik leidet unter dem Tod seines Vaters. Durch die neue Lebenssituation, in die er hineingeworfen wird, verschließt er sich immer mehr.

Alles bewegt sich, dachte er, nur diese drei Worte, aber er wiederholte sie mindestens zwanzigmal in seinem Kopf, alles bewegt sich, alles bewegt sich, alles bewegt sich.

Seine Vergangenheit scheint sich Lene nach und nach zu erschließen. Auf einmal fällt da auch immer wieder der Name Klara. Hendriks erste Liebe aus Hamburg, eine Beziehung, die ihn aus dem inneren Gefängnis befreien konnte und dann doch kaputt ging, als Klara für ihr Studium nach Wien zog. Hendrik verließ daraufhin Hamburg und ging nach Berlin. Als er Lene trifft, ist er also ganz schön geprägt von seiner Lebensgeschichte. Zu Beginn lässt er sie davon nicht viel spüren, scheint alles wie der Anfang einer ernsten, aufregenden Beziehung. Bei Hendrik und Lene läuft alles ganz schnell und dann zieht Hendrik sogar bei ihr ein.

Die Abende, die Nächte gehörten uns. […] Wir gingen nicht raus, wir wussten nicht, wozu. Es gab keinen Grund. Wir hatten hier alles, was wir brauchten, das heißt: uns. Wir hätten uns auch in einer Bar gehabt, im Kino, in einem Restaurant; aber eben nicht so, wir hätten uns teilen müssen mit einer ganzen Welt, die nach Aufmerksamkeit schrie.

Das Besondere an Das Rauschen in unseren Köpfen ist, dass keine Klischees erzählt werden, dass man sich im Zweifelsfall genauso verhalten würde wie Lene oder Hendrik. Selbst der gemeinsame Einkauf im Supermarkt, bei dem sich unglaublich viel Zeit gelassen wird, scheint auf einmal vertraut. Man denkt, dass man die beiden kennt, weil man in irgendeinem Moment genauso war, genauso gefeiert hat, sich ähnlich fühlte. Das Aneinanderfesthalten. Das gemeinsame Träumen. Das Ignorieren vom Ende. Das L(i)eben eben.

Halt dich an deiner Liebe fest

Doch irgendwann reißen die schönen Momente ab, muss Lene realisieren, wie tiefgreifend Hendriks Probleme liegen. Sie übermannen ihn und Lene gleich mit. Er scheint von Panikattacken geplagt, weint viel, braucht ihre Hilfe. Das Zusammenwohnen, das Lene sich so famos ausmalte, wird immer einengender. Als Hendrik irgendwann einfach so verschwindet und sich dieses Davonstehlen mit Lenes Eifersucht auf Klara überschneidet, wird alles zu viel für sie. Wir erleben mit, wie sie realisiert, dass sie an einer Liebe festhält, die sich langsam auflöst.

Das Rauschen in unseren Köpfen schafft es, die Rezipient*innen durch Sprachfluss, mit prägnanten Sätzen, Aufzählungen und Wiederholungen in den Sog der Seiten zu ziehen. Und vor allem sucht man Lene und Hendrik danach auf den Straßen Berlins, weil es für kurze Zeit so schien, als wären sie wirklich real.

Die Autorin hat übrigens eine Playlist erstellt, mit Songs, die sie beim Schreiben von Das Rauschen in unseren Köpfen inspiriert haben. Wie zum Beispiel diesen großartigen hier:

Das Rauschen in unseren Köpfen / Ullstein Verlag / 16 Euro Hardcover

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Ann-Kathrin Canjé

Ann-Kathrin Canjé

Litaffin. Musikaffin. Theateraffin. Tanzaffin. Medienaffin. Schreibaffin. Fernwehaffin. Zitataffin.
"Ich habe manchmal Heimweh, ich weiß nur nicht, wonach" -Mascha Kaléko
Ann-Kathrin Canjé

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