Die Wundertüte für Erwachsene

Hellofresh, Glossybox, Geekgearbox – warum nicht auch eine Überraschungsbox für Bücher? Seit drei Jahren stellt Kiara-Aileen Kötz-Pennart jeden Monat eine Schmökerbox zusammen. Darin: Ein frisch erschienener Literatur-Titel, zum Buch passende Artikel sowie ein Überraschungsgoodie, das man erst ab einer bestimmten Seitenzahl auspacken darf.

Interview von Katharina Hoppe

Portraitfoto von Kiara Kötz-Pennart
© Kiara-Aileen Kötz-Pennart

Kiara-Aileen Kötz-Pennart war nach ihrem Literaturstudium im Online-Marketing tätig und brachte 2018 mit ihrem Mann die Schmökerbox als erste deutsche Literatur-Buchbox auf den Markt. Mittlerweile werden durch die Schmökerbox noir zu Thrillern/Krimis und Sonderboxen zu Klassikern auch andere Genres bedient.

Braucht es Buchboxen?

Ja! Es ist ein Luxus, sich nicht durch die Massen an Verlagsvorschauen blättern zu müssen und auf jemand anderen verlassen zu können. Wenn die Boxbeschreibung einen anspricht, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Buch gefällt. Aber Buchboxen sind mehr als nur Empfehlungsmarketing. Sie ermöglichen es, den Text vertieft zu lesen und Dinge zu entdecken, die man sonst nicht gesehen hätte. Man lernt das Buch über eine ganz andere Seite kennen. Sich selbst zu belohnen ist ein anderer Faktor, der wohl hinter jeder Überraschungsbox steht. Eine Kundin meinte einmal, die Schmökerbox sei eine Wundertüte für Erwachsene. Auf diesem Weg können Bücher auch wieder attraktiv für Wenig- oder NichtleserInnen werden. Im Zweifel als Geschenk.

2018, deutsche Buchboxen gab es damals kaum, kam die erste Schmökerbox auf den Markt. Wie haben die Verlage auf eure Anfragen reagiert?

Die großen Belletristikverlage kannten das Konzept oft nicht und wussten uns deshalb nicht zu verorten. Wer sind wir eigentlich? Was wollen wir? Meistens wurden wir dann ans Marketing weitergeleitet, wo wir erst einmal klarstellen mussten, dass wir gar keine Kooperation wollen und im strengen Sinne nichts anderes als Buchhändler sind. Wir kaufen von einem Titel sehr viele Exemplare ein. Das war der Standardsatz beim Erklären. Letztlich wurde uns aber häufig nur ein Titel zur Prüfung zugeschickt mit der Ansage „wenn das nichts ist, dann können wir leider auch nichts mehr für Sie tun“. Da ich nicht anhand vom Klappentext entscheiden kann, ob ein Buch, das erst in ein paar Monaten erscheint, sich für die Box eignet, bin ich auf Leseexemplare angewiesen. Natürlich gab es auch positive Erfahrungen. Diogenes ist zum Beispiel nach der ersten Box auf mich zugekommen. Heute bekomme ich das Programm auf den Buchmessen vorgestellt und habe Ansprechpartner, die die Box kennen und sich Gedanken machen, was passen könnte. Buchbox ist kein Fremdwort mehr.

Warum stammen die Bücher meist aus Verlagsgruppen/Publikumsverlagen und selten unabhängigen Verlagen?

Bei Independent Verlagen ist die Skepsis größer, Titel verfrüht zu schicken. Den Titel erst zum Erscheinungstermin zu liefern, ist zu spät. Das unterscheidet uns vom klassischen Buchhandel, wo längere Vorlaufzeiten nicht unbedingt nötig sind, weil man ad hoc kaufen kann. Wir müssen aber eine Box mit passenden Goodies zusammenstellen und verpacken, die meist kurz nach Erscheinungstermin verschickt wird. Goodies, auch eigens für die Box hergestellte Produkte, für die Grafikarbeiten anfallen und die Bücher müssen dann schon bereit liegen. Außerdem haben größere Verlage einfach mehr Titel zur Auswahl. Ich versuche, möglichst viele Verlagsvorschauen zu lesen und mich beraten zu lassen. Bei kleineren Verlagen ist das Programm oft nicht so breit, nur wenige Titel kommen überhaupt in Frage. Meist sind das aber zu spezielle Titel, die ich privat zwar lese, aber beruflich ausschließe, weil unsere Bücher einer breiten Masse zugänglich sein sollen. 

Welche anderen Kriterien gibt es neben Neuerscheinung und Genre Literatur für die Buchauswahl?

Wenn ich das Buch nicht mag, kommt es nicht in die Box. Subjektives Empfinden spielt also definitiv eine Rolle. Aber auch die Erfahrung, was mein Umfeld und die KundInnen gerne lesen und trotzdem einen gewissen Anspruch erfüllt. Risiken einzugehen gehört dazu, etwa bei „Daisy Jones and The Six“, das im Interview-Stil geschrieben ist. Mag nicht jeder, probiert man eben mal aus. Es gibt auch viele Themen, die LeserInnen nicht mögen oder sogar triggern und deshalb ausgeklammert werden, z.B. Inzest. Und natürlich muss man eine Box daraus machen können. Bücher über sexualisierte Gewalt können wahnsinnig spannend sein. Wenn man nun aber Goodies dazu aussuchen soll, läuft man schnell ins Leere. Für solche Fälle bieten wir die Bookblinddates auf unserer Website an, wo man verpackte Bücher anhand von einigen Stichworten kaufen und sich so überraschen lassen kann. Ein anderer Punkt ist der Buchpreis. Die Box kostet 39,95€, das Hauptgoodie in der Box soll das Buch sein. Hier möchten wir einen gewissen Wert garantieren. Deshalb darf es weder zu günstig noch zu teuer sein. Die kalkulatorische Obergrenze sind 25,00€ Ladenpreis und dann habe ich schon Probleme, noch eine wertige Box um das Buch herum zu planen.

Auf welche Schwierigkeiten stoßt ihr im Arbeitsalltag, die man als EndkundIn nicht sieht?

Wir sind ein 1 ½ Personen Betrieb, da kann es an der einen oder anderen Stelle schon einmal eng werden. Allein, dass mit dem Buch und dem Überraschungsgoodie zwei Artikel in Packpapier eingeschlagen werden, ist eine logistische Herausforderung. Die Januarboxen sind grundsätzlich problematisch, weil zwischen dem 15. Dezember und 10. Januar fast nichts passiert. Wenn ich da Sachen bestelle, kommen die extrem eng getaktet an. Letzten Samstag war der Erscheinungstermin des Buches aus der Januarbox, ab da durften wir also verschicken und erst am Tag davor kam das letzte Goodie an. Anders als die Boxen aus den USA mussten wir glücklicherweise noch nie eine Box verschieben, auch nicht während Corona. Das hat aber sicherlich auch etwas damit zu tun, dass wir nicht aus China bestellen. Es kann natürlich auch passieren, dass zu wenige Kartons oder defekte Artikel geliefert werden. Da ist eine schnelle Reaktion gefragt. Aber auch die Buchauswahl kann einen in Zeitnot bringen, denn die Titel müssen ein paar Monate im Voraus festgelegt werden. Wenn man mit den falschen Prüftiteln anfängt, die alle nicht überzeugen, wird es eng.

Überraschungsboxen produzieren Müll, wenn Goodies nicht gefallen. Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit für die Schmökerbox?

Dem versuchen wir entgegenzuwirken, indem wir Goodies auswählen, die eine Funktion haben oder die man aufbrauchen kann wie Gewürze, Seife oder Popcorn. Eine Postkarte kann man verschicken, aus einer Tasse trinken, auf einen Block schreiben, den Beutel im Alltag benutzen. Auf der Website kann man überschüssige Goodies aus vergangenen Boxen kaufen. Wir versuchen auch, unsere Lieferketten relativ kurz zu halten und arbeiten mit kleinen, oft deutschen Unternehmen zusammen. Wir drucken viele unserer Produkte mit der Umweltdruckerei und setzen auf Recyclingpapier. Als Füllmaterial nutzen wir Packpappe. Es ist nicht zu vermeiden, dass hin und wieder Produkte dabei sind, die in Plastik eingeschweißt sind. Wenn es aber eine sehr umständliche Verpackung gibt, geben wir Feedback an unsere Partner, was tatsächlich auch schon Erfolg hatte. Natürlich trifft unsere Box nicht immer jeden Geschmack. Aber die Buchbranche ist ohnehin sehr subjektiv. Gerade, wenn man Empfehlungsmarketing macht, muss man hier einfach das Risiko eingehen.

Mehr zu den Buchboxen

Neugierig geworden? Dann stöbert doch einfach mal durch die Buchboxen von Schmökerbox.
Übrigens: Das Interview ist jetzt auch in Katharina Hoppes Podcast „Bibliotop“ zu hören. „Bibliotop“ gibt es überall, wo es Podcasts gibt!

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