„Das Buch muss sozial werden!“ Ein Interview mit Emilia von Senger

Emilia von Senger ist vieles: Buchhändlerin, Bookstagrammerin, passionierte Leserin…doch Unternehmerin stand bislang noch nicht auf der Liste. Das soll sich 2020 ändern, denn im Herbst wird Emilia eine Autorinnenbuchhandlung in Berlin eröffnen. Der Name steht auch schon fest: She Said soll der Laden heißen und ein bunter Ort des Austausches und der Vernetzung werden.

Emilia von Senger sitzt vor einer weißen Wand
Foto: Marlen Mueller

Kannst du dich kurz vorstellen: Wer bist du? Was machst du?

Ich bin Emilia, auf Instagram emilia__antonina, und bis vor kurzem habe ich in der Kiezbuchhandlung Lesen & Lesen lassen in Friedrichshain gearbeitet. Nebenher schreibe ich auf Instagram über Bücher. Eigentlich habe ich Politikwissenschaft studiert, in Deutschland und Frankreich, und bin auf Umwegen im Literaturbetrieb gelandet.

Seit wann teilst du deine Liebe zur Literatur auf Instagram?

Nach dem Studium habe ich drei Jahre lang im Bildungsbereich gearbeitet und es geliebt. Leider hat sich zum Ende dieser Zeit, im Herbst 2017, meine Gesundheit stark verschlechtert und nach einer Magen-Darm Grippe war ich sehr lange sehr schwach. Ich habe aufgehört zu arbeiten, bin zurück zu meiner Mutter gezogen und konnte insgesamt fast fünf Monate das Haus kaum verlassen. In dieser Zeit habe ich wahnsinnig viel gelesen. Ich war viel alleine und hatte irgendwann die Idee, die Bücher, die ich lese, auf Instagram zu teilen. Das war meine Art mit der Welt „draußen“ in Kontakt zu treten.

Wurde von Anfang an viel kommentiert und hat sich um deinen Account herum relativ schnell eine Community gebildet?

Meine Schwester (stella_vonsenger) hat meinen Account geteilt und so kamen relativ schnell ein paar Follower dazu. Aber nicht nur das, die Buch-Community auf Instagram hat mich sehr freundlich aufgenommen. Es gibt viele, die einem neuen Account eine Art Starthilfe geben, indem sie den Account teilen und aktiv den Kontakt suchen. Es entwickeln sich schnell Gespräche, in den Kommentaren aber auch über private Nachrichten (direct messages). Ich wollte von Anfang zwei Sachen. Einerseits mit der Buch-Community interagieren, die ich auch sehr stark als Leseinspiration nutze. Und andererseits eine Anlaufstelle für Leser*innen sein, die nicht extreme Buch-Nerds sind wie ich, sondern die pro Monat vielleicht ein bis zwei Bücher lesen und sich von meinen Empfehlungen inspirieren lassen.

Hast du auch überlegt, einen Blog zu erstellen?

Ich habe am Anfang schon über einen Blog nachgedacht, habe mir sogar ein paar Ideen für Texte und Rubriken aufgeschrieben. Aber dann habe ich direkt bei Instagram angefangen und schnell gemerkt, dass ich selber ganz selten Blogartikel lese. Viele machen diesen Schritt, Klick, von Instagram zu einem Blog nicht mehr. Ich habe für mich erkannt, dass das Medium, mit dem ich die meisten Menschen gut erreichen kann, Instagram ist.

In gewisser Art und Weise bist du dann aber von Instagram abhängig…

Ja, da habe ich auch schon drüber nachgedacht. Wenn man jetzt zum Beispiel an Facebook denkt…Facebook ist tot! Ich frage mich schon was nach Instagram kommen wird… Aber, wer weiß, vielleicht gibt es dann einen Moment in meinem Leben, an dem ich für Instagram keine Zeit oder Ruhe mehr habe. Aber jetzt läuft es ja gut und macht mir viel Spaß!

Im Herbst 2020 wirst du deine eigene Buchhandlung eröffnen. Hast du diesen Wunsch schon lange?

Ja, schon seit meiner Kindheit. Das war damals so eine Fantasie, wie sie viele haben. Die war dann natürlich lange begraben und existierte nur als Hirngespinst. Aber jetzt, wo ich mich in der Literaturbranche sehr angekommen fühle und ich gemerkt habe, dass mir die Arbeit in der Buchhandlung wirklich Spaß macht, wird das Hirngespinst langsam zur Realität.

Buchhandlungen in Berlin gibt es viele… Was wird dein Alleinstellungsmerkmal sein?

Ich werde eine Autorinnen-Buchhandlung aufmachen. Eine Buchhandlung, in der es hauptsächlich Bücher von Frauen und queeren Autor*innen gibt. Nicht ganz exklusiv – ich behalte mir vor, bestimmte Männer, die sich zum Beispiel mit der Veränderung ihrer Geschlechteridentität beschäftigen, auch mit ins Sortiment aufzunehmen. Aber vor allem bei den Neuerscheinungen sollten es zu 100 Prozent Frauen und queere Autor*innen sein.

Außerdem soll mein Buchladen eine Art Community-Space werden, in der Kleingruppen-Veranstaltungen und Workshops stattfinden – nicht so viele traditionelle Wasserglas-Lesungen. Auch Netzwerk-Abende und Performances – irgendetwas, wo ein Publikum zusammenkommt und gemeinsam etwas macht. Ich möchte, dass dieser Ort als ein lebendiger, kreativer Raum empfunden wird, aus dem man inspiriert zurückkehrt.

Man würde denken, dass es so einen Buchladen in einer Stadt wie Berlin bereits gibt…

Gibt es aber tatsächlich interessanterweise nicht! In den 70er/80er Jahren gab es die sogenannten „Frauenbuchhandlungen“, die kamen aus der zweiten Feminismuswelle. Das waren aber wirklich eher Schutzräume für Frauen. Dort hat man sich getroffen und ausgetauscht – Männer waren nicht erwünscht. Diese Läden sind dann irgendwann ausgestorben. Auch, weil das Thema Feminismus einfach out war. Nun möchte ich die Frauenbuchhandlung 2.0 aufmachen – diese Art von intersektionaler feministischer Buchhandlung gibt es in anderen Ländern schon. Es werden Bücher von Autorinnen verkauft, aber jede*r ist willkommen! Ich möchte einen Raum schaffen, in dem Werke von Autorinnen und queeren Autor*innen im Fokus stehen und jeder die Chance hat diese Bücher kennenzulernen.

Warum hältst du es für notwendig im Jahr 2020 noch diesen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Autor*innen zu machen?

Gestern war ich bei einer Lesung von Annie Ernaux und da hat ein Mann bei der Fragerunde seine Frage mit „obwohl ich ein Mann bin, lese ich Ihre Bücher unglaublich gerne…“ begonnen. Sie hat klug geantwortet und gesagt: „Könntest du dir vorstellen, dass auf einer Lesung von einem Autor eine Frau sagen würde ‚Obwohl ich eine Frau bin, lese ich Ihre Bücher wahnsinnig gerne?’“. Männer werden immer als universal gesehen und Frauen als das speziellere.

In der Buchhandlung im Friedrichshain, wo wir viele Bücher von Frauen im Sortiment haben und gut verkaufen, habe ich mal die frontal gestellten Bücher gezählt. Es waren 70 Prozent Männer und nur 30 Prozent Frauen. Ich dachte, es müsste mindestens 50/50 sein. Es hat sich herausgestellt, dass meine Wahrnehmung komplett falsch war! Wir sind an eine Welt gewöhnt, in der Frauen in allen politischen, wirtschaftlichen und künstlerischen Positionen in der Minderheit sind. Es fällt uns nicht mehr auf.

Für viele ist „Frauenliteratur“ eine eigene Kategorie, die nicht mit der „Weltliteratur“  männlicher Kollegen verglichen werden kann. Vielleicht hilft dein Buchladen ja dabei etwas an diesem Stigma zu ändern!

Das hoffe ich sehr! Ich habe mein Projekt schon vielen Freunden vorgestellt und die meisten reagieren sehr positiv. Aber einige sagen dann auch sowas wie „Ist ja ein ganz schönes Nischenthema“. Frauen als Nische zu verstehen, finde ich bezeichnend!

Hast du, trotz deiner Überzeugung und dem positiven Feedback deiner Freunde, Sorgen oder Ängste, dass dein Projekt scheitern könnte?

Meine größte Sorge ist momentan, dass ich keinen guten Raum finde. Der Ort ist extrem wichtig. Ich habe mal gehört, dass 70 Prozent der Buchkäufe Impulskäufe sind. Das heißt, du musst einfach einen Ort haben, an dem viele Leute vorbeikommen. Ich möchte einen schönen, relativ großen Raum haben, der natürlich trotzdem bezahlbar sein muss. Wobei ich bei meinem letzten Besuch in London, wo die Mietpreise noch höher sind als hier, auch gemerkt habe, dass es unglaublich viele schöne kleine Buchläden gibt, die den Raum, den sie haben, gut und kreativ nutzen. Ich hoffe einfach sehr, dass ich Glück habe und dass mir etwas bis nächsten Herbst begegnet.

Ansonsten gibt es immer eine kleine Sorge in mir, dass ich es gesundheitlich nicht gut verkrafte, Unternehmerin zu sein. Es ist einfach eine hohe Stressbelastung am Anfang, weil man so viel von sich rein gibt und dazu der Druck kommt, dass alles funktioniert…

Lesen steht momentan auf Platz 14 der Lieblingshobbies der Deutschen. Nach Fernsehen und Kuchen essen…Was entgegnest du Kritiker*innen, die meinen in Zeiten der Kulturkrise sei es Quatsch, einen Buchladen zu eröffnen?

(Lacht) Kuchen essen! Das ist ja ein tolles Hobby! Na, ich gehe nach dem Slogan „Das Buch ist tot. Lang lebe das Buch!“. Tatsächlich gab es einen Totgesang auf das physische Buch – Stichwort eBooks und Netflix. Aber die Zahlen werden seit 2018 langsam wieder besser, in allen Bereichen. Ich bin überzeugt davon, dass es Leute gerade in Zeiten des Smartphones und der Digitalisierung sehr schätzen, ein echtes Buch in den Händen zu halten.

Wie bereits erwähnt, wünsche ich mir, dass mein Buchladen ein Treffpunkt wird, weil ich fest daran glaube, dass das Buch geteilt werden, etwas Soziales werden muss. Die Leute gehen nicht mehr in die Kirche, sind kaum noch in Parteien oder Sportvereinen aktiv…Diese Art von Gemeinschaften mit festen Treffpunkten sind unglaublich selten geworden. Aber Lesekreise schießen wie Pilze aus dem Boden! Es gibt ein Bedürfnis nach Austausch über das, was passiert in dieser Welt. Deshalb halte ich es für so wichtig, Räume zu schaffen, die sich außerhalb des Zuhauses befinden und Menschen zusammenbringen, ihnen Platz zum Austausch und zur Diskussion bieten. Ich hoffe sehr, dass meine Buchhandlung genau diese Lücke füllen wird.

Emilia von Senger sitzt vor einer weißen Wand
Foto: Marlen Mueller

Mehr Informationen über Emilia von Senger und ihre Buchhandlung gibt es bei Instagram:

@emilia__antonina  

@shesaidbooks

pixelstats trackingpixel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.