Das Sein und die Unbewegtheit

Gaito Gasdanow erzählt in Das Phantom des Alexander Wolf von Schuld, Liebe, Tod und von der unentrinnbaren Macht der Erinnerung. Ein kunstvoll inszenierter Seelenkrimi. 

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© Hanser Verlag

„Lest Gasdanow, der schreibt ja noch besser als Nabokov!“, zitiert die Übersetzerin Rosemarie Tietze die russischen Leser. Die Wieder-Entdeckung des russischen Autors Gaito Gasdanow (1903-1971) Ende der 1990er-Jahre in Russland war euphorisch. Neun Romane und über fünfzig Erzählungen hat der Autor verfasst, der seit 1923 im Exil gelebt hatte. Obwohl sein Werk in viele Sprachen übersetzt worden war, ist er im deutschsprachigen Raum bis heute weitgehend unbekannt geblieben. Der Roman Das Phantom des Alexander Wolf liegt als erstes Buch von ihm in deutscher Übersetzung vor.

Ausgangs- und gleichsam Fixpunkt des Romans ist die Erinnerung eines namenlosen Ich-Erzählers an ein Erlebnis im russischen Bürgerkrieg. Der zu dem Zeitpunkt sechzehnjährige Weißgardist schießt auf einen gegnerischen Soldaten, der sofort zu Boden geht. Erschöpft und müde nähert sich der Ich-Erzähler dem Sterbenden und blickt in ein Gesicht mit trüben Augen. Als er aus seiner Benommenheit heraus das Getrappel herannahender Pferde wahrnimmt, flieht er auf dem Pferd seines Opfers.

Jahre später führt der Ich-Erzähler im Pariser Exil ein „chaotisches und trauriges“ Leben. Zwar erledigt er kleinere journalistische Aufträge, mit denen er seinen Lebensunterhalt bestreitet, besucht hier und dort ein Restaurant, doch die Erinnerung nagt an ihm. Er kann sich den paradoxen Empfindungen von Macht und Ohnmacht in dem Moment des Tötens nicht entziehen, und er fragt sich, ob der Mord „nicht unwillkürlich alles geprägt hat, was zu erfahren und zu erblicken“ ihm beschieden war. Zufällig stößt er auf den Kurzgeschichtenband eines englischen Autors namens Alexander Wolf und liest mit wachsendem Entsetzen eine exakte Beschreibung der Szene, die von seiner Tat spricht. Er setzt fortan alles daran, Kontakt mit dem Verfasser aufzunehmen. Er ist fest davon überzeugt, dass es sich bei Alexander Wolf um jenen Mann handeln muss, den er im Krieg niedergeschossen hat.

Was wie ein Kriminalroman beginnt, stellt sich im Verlauf der Erzählung als eine Mischung aus Thriller, Liebesgeschichte und existentialistischem Roman heraus – „ein Seelenkrimi“, wie es im Nachwort heißt. Mit psychologischer Finesse konstruiert Gasdanow ein Spannungsfeld von Figuren und Biografien, die einander widerspiegeln. Seine Beschreibungen sind präzise und detailreich, zugleich changieren Text und Ton zwischen nüchterner Erkenntnis, Tatsachenbeschreibung und fragmentarischen Andeutungen. Auf diese Weise entstehen offene Stellen zwischen den Zeilen, die der Leser variantenreich füllen kann. Bis zum „Showdown“ bleibt es hochspannend.

Der Roman spielt im Paris der 1930er-Jahre, doch Gasdanows Erzählweise ist weitgehend vom politischen und realen Zeitgeschehen losgelöst und auf das Seelenleben der Figuren konzentriert. Bei einem äußerst realistisch geschilderten Boxkampf zwischen Émile Dubois und Fred Johnson begegnet der Ich-Erzähler Jelena Nikolajewna, die „etwas unnatürlich Anziehendes“ hat. Er ist fasziniert „von dem, wie ihr Körper existierte, und dem, wie ihr Seelenleben, zögernd und zurückbleibend, diesem sensiblen Existieren nachfolgte.“ Die Passagen um und über Jelena Nikolajewna sind so feinsinnig wie rätselhaft. Sie bekundet dem Ich-Erzähler ihre Zuneigung, um sich diesem anschließend sofort wieder zu entziehen: „Ich werde dir nicht immer solche Dinge sagen, also gewöhne dich besser nicht daran“. Ihre kühle Aura reizt den Ich-Erzähler, und er begibt sich in eine obsessive Beziehung mit ihr, die ihm „die unbewusste und unvermeidliche Anspannung aller Seelenkräfte“ abverlangt. Im Kontext der Vergänglichkeit wird ihm die Liebe zum Versuch, „sein Schicksal aufzuhalten“.

Alles in Gasdanows Roman ist miteinander verstrickt: Jeder Moment, jede Situation hat eine Bedeutung für das große Ganze. Das skurrile Aufeinandertreffen mit Alexander Wolfs Verleger in London fungiert dabei ebenso als Glied in der Kette der Ereignisse wie die Bekanntschaft mit Wladimir Petrowitsch Wosnessenski, einem ehemaligen Gefährten Wolfs. Die scheinbar vom Zufall bestimmte Komposition mündet in ein Figurengeflecht, in dem „jede menschliche Existenz … mit anderen menschlichen Existenzen“ zusammenhängt.

Der vorbestimmte Verlauf der Erzählung wirkt zuweilen konstruiert und die detailreichen Abschweifungen erschweren die Lektüre. – Dies tut der Spannung jedoch keinen Abbruch, was vor allem Gasdanows Erzählkunst zu verdanken ist. Er spielt durchweg mit Gegensätzen. Sein Ich-Erzähler vereint sinnliche Neigungen (Literatur, Kunst) und stürmische Züge (Sport, Körper, Triebhaftigkeit) in sich: Von Schlägereien ist er so fasziniert wie von Baudelaire. Auch die Dialektik der äußeren Welt findet sich in der Sprache wieder: Assoziative, philosophisch anmutende Satzgefüge („Über jedem Menschen, über jedem Leben schwebt ständig die Gefahr des Todes in all ihrer unendlichen Vielgestaltigkeit: Katastrophen, ein Zugunglück … – all das sind Erscheinungsformen einer blinden und erbarmungslosen Gewalt, deren Besonderheit darin liegt, dass wir niemals vorher den Moment bestimmen können, wann er eintreten wird, dieser jähe Bruch Weltgeschichte“) werden durchkreuzt von kantig-getakteten Sätzen („Mit Vorliebe fuhr sie sehr schnell Auto“, „Ich fiel sofort in tiefen Schlaf, wachte aber sehr bald auf“, „Ich saß an einem Tischchen und schrieb“). Bei Gasdanow, der oftmals als „russischer Camus“ bezeichnet wird, stößt man auf Formulierungen wie „Wenn wir vom Tod nichts wüssten, wüssten wir auch nichts vom Glück“ oder „Die Abfolge der Ereignisse in einem Menschenleben ist wunderbar“. Es entsteht ein schicksalhafter Zirkel aus Schuld, Liebe und Tod.

An einer Stelle im Roman heißt es: „Das Leben vergeht, hinterlässt keine Spur, Millionen Menschen verschwinden und niemand erinnert sich an sie.“ Gasdanow hat gegen das Vergessen angeschrieben, und die von ihm geschaffene Atmosphäre und die fein skizzierten Figuren bleiben auch nach der Lektüre präsent.

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf. Hanser Verlag. 192 Seiten. 17,90 €

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Anne Stukenborg

1987 in Vechta geboren, studiert "Angewandte Literaturwissenschaft" an der FU Berlin und arbeitet nebenbei als Werkstudentin in der Webredaktion des Suhrkamp Verlags.

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2 Gedanken zu „Das Sein und die Unbewegtheit

  • 16. Dezember 2013 um 12:59
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    Das Buch ist inhaltlich spannend und in der Übersetzung durch die mehrfach ausgezeichnete Frau Tietze auch sprachlich anspruchsvoll!
    Durch mehrere Zufälle stößt der Autor auf das Schicksal Wolfs, dessen Verlauf und Ende in jeder Hinsicht ungewöhnlich ist, welches ich hier allerdings nicht verrate ;)
    Ein Buch, das fesselt und mich definitiv auch gefesselt hat. Ich kann’s nur weiterempfehlen!

    LG Denise

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