Der Mangel als Wert

Mangel und das dahintersteckende Potenzial. Diese sind die beiden Schlüsselworte, die Zsófia Báns zuletzt auf Deutsch erschienenen Essayband „Der Sommer unsres Missvergnügens“ charakterisieren.

 

Foto © Zita Balogh-Auer

Das Buch enthält zehn Texte, die ursprünglich in verschiedenen Essaybänden erschienen sind, und welche von der ungarischen Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Anglistikprofessorin Zsófia Bán ausgesprochen für die deutschen Leser in einem Band zusammengestellt worden. Das Buch also, obwohl die einzelnen Texte aus der Originalsprache übersetzt worden sind, ist keine Übertragung in dem klassischen Sinne; es ist ein einzelnstehender Band, dessen Essays im neuen Kontext neue Bedeutungen schöpfen.

Die Bedeutungsschöpfung fängt schon mit dem Coverfoto an, wofür die Autorin selbst ein Foto ausgewählt hat. Die zusammengestürzte Budapester Brücke und die davor sorgenfrei sonnenden Jungen sind die genauen Abbildungen von den schon erwähnten Leitmotiven (Mangel und Potenzial), die die Komplexität des Buches sichern.

Denn in Zsófia Báns Band geht es gleichzeitig um vieles: Literatur- und Kulturkritik, Geschichte und Tagespolitik, Kollektiv- und Privatgedächtnis. Alles hängt mit allem zusammen und dazu so, dass man trotzdem den Eindruck hat, einfach über die letzten Leseeindrücke der Autorin zu erfahren.

Zsófia Bán nimmt ein Buch in die Hand und assoziiert. Und aus ihren Assoziationen und umfassenden Kenntnissen über Literatur und Kultur wird immer etwas Globales. Etwas, was mehr ist als reine Leseerfahrung.

Die Texte sind mal persönlich auf einer offenen Ebene, mal bleibt die Person der Autorin im Hintergrund – sie ist aber in jedem Text anwesend. Im ersten Essay des Bandes wandelt sich die Erzählung einer Familienreise nach Berlin in eine um kulturwissenschaftliche Analysen ergänzte Trauerrede für Svetlana Boym. Während Bán ihr persönliches Leben mit den politischen Ereignissen Ungarns zur Zeit des Höhepunkts der Flüchtlingskrise verbindet, reflektiert sie auch auf eines ihrer Hauptthemen: das private und kollektive Gedächtnis der Emigranten. Die in Emigration gelebte Boym wird die allegorische Zwillingsschwester Báns, die sich als in Rio de Janeiro geborene ungarische Jüdin auch gerne mit der Wichtigkeit eines dezentralisierten Gedächtnisses beschäftigt. Dabei vergisst Bán nicht, ihre Freundin von einer feministischen Perspektive zu porträtieren. Sie erinnert sich an Boym als eine Frau von Schönheitsriten, die sie nie aufgegeben hatte. Der Originaltitel des Essays (Le rúzs et le noir), der in der Übersetzung leider verfliegt, deutet nicht nur auf den Titel Stendhals Roman (Le Rouge et le Noir) sondern auch darauf, dass Svetlana Boym bis zur letzten Minute darauf bestand, roten Lippenstift (rúzs) zu tragen. So wird die Erinnerung einer Reise zur Gedenkrede für eine, ihre Weiblichkeit betonende, kosmopolitische Literaturwissenschaftlerin, die mit ihrer Anwesenheit auf das Thema der kommenden Essays deutet.

Wie schon erwähnt, ist das Hauptmotiv des Bandes der Mangel. Genau wie die begehbare Brücke für die Jungen auf dem Coverbild fehlt, so fehlt ein alternatives Gedächtnis den jungen Ungarn, die ohne generationelle Zugehörigkeitserfahrungen und eine verarbeitete nationale Vergangenheit sich mit dem erfundenen kollektiven Gedächtnis der radikalen Rechten identifizieren. Obwohl Bán den Essay über die Folgen der unverarbeiteten Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs schon vor zehn Jahren geschrieben hatte, scheint das Thema aktueller als je zuvor zu sein, und nicht nur in dem ungarischen Kontext. Wie Bán glasklar sieht, führt der Mangel der Narrative zur gemeinsamen Realität zum Konsum von Ersatzrealitäten, die immer hemmungsloser werden.

Der Mangel ist aber nicht nur eine notwendige Komponente der Tagespolitik und der tabuisierten kollektiven Vergangenheit. Seine ergänzende Funktion im privaten Gedächtnis ist Hauptmotiv zahlreicher Literatur- und Kunstwerke, welche im Buch miteinander im Zusammenhang analysiert werden. Die Hauptfigur im „Roman eines Schicksallosen“ – wie es Bán betont – kreiert zum Beispiel eine Stärke aus dem Mangel des Gleichwertigseins dadurch, dass er immer pflichtbewusst aufpasst, dass der gelbe Stern auf seiner Brust sichtbar bleibt. Und wenn der Stern über der Brust eines Mädels erscheint, wird es mit Báns Wort zum „Accessoire“, etwas Wertvolles also, Potential und Schönheit dort zu finden, wo man nach dem Narrativ des kollektiven Gedächtnisses nur Brutalität sieht. Der eigene Körper wird durch das Sexualisieren des Stigmas zurückerobert, genauso wie in einem anderen Essay zum Thema, wo die Autorin das bekannte Bild Lee Millers, die sich nach Hitlers Tod in seiner Badewanne fotografiert hatte, parallel mit der Mission Sauls in László Nemes-Jeles‘ mit dem Oscar ausgezeichneten Film analysiert.

In den Texten werden immer wieder Bilder platziert, viele davon sind Privatfotos der Autorin. Diese Fotos funktionieren im Band genauso, wie die Bilder bei den Werken der von Bán interpretierten Autoren. (Was beim Lesen von einigen Essays das schwindelige Gefühl der Mise en abyme weckt.) Die verschmierten Bilder in W. G. Sebalds Romanen und die Reflexion des Lichtes bei Péter Nádas deuten genauso eine, von Traumata entstandene Leerstelle an, wie die privaten Fotos der Autorin, die ihre Familiengeschichte mit vor dem Holocaust stammenden Fotos rekonstruiert. Als sie versucht, mehr über die früh verstorbene erste Frau ihres Vaters zu erfahren, deren Geschichte in der Familie nie erzählt wurde, lehnt sie sich genauso an die Erzählungen ferner Verwandter an wie es Austerlitz in Sebalds Roman tut. Sie stellt sich vor, wer sie hätte sein können, wenn sie die Tochter dieser, aus Sekundärerfahrungen hergestellten Frau wäre.

„Wir haben etwas verloren, das uns nie gehört hat“,

schreibt Bán, und „adoptiert“ die erste Frau ihres Vaters als zweite Mutter.

Die Frage, ob etwas aus dem Mangel entstehen kann, wird langsam durch die zehn Essays beantwortet. Die Möglichkeit, das Privatgedächtnis einer Familie, einer Menschengruppe oder einer Nation auf eine annäherbare Ebene zu heben, trägt nicht nur ästhetische, sondern auch politische Perspektiven. So wird Zsófia Báns kulturkritischer Essayband ein Buch über das überwältigend kraftvolle Potenzial der Revision des Erinnerns.

 

*Zsófia Bán ist ungarische Schriftstellerin, Essayistin, Literaturkritikerin und Anglistikprofessorin. Dies ist ihr drittes auf Deutsch erschienene Buch.

Bán, Zsófia: Der Sommer unsres Missvergnügens. Matthes & Seitz 2019. Aus dem Ungarischen von Terézia Mora.
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Zita Balogh-Auer

Geboren in Budapest, studierte in Pécs, lebte in Istanbul, wohnt Zita gerade in Berlin. Sie arbeitet als Lingustin und Übersetzerin und zu ihrer größten Überraschung macht sie ihren zweiten Master - diesmal an der FU.
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