Die Unsichtbarkeit der katalanischen Autor*innen

Wie stark Politik und Literatur ineinander übergehen, ist im Fall von Katalonien unübersehbar. Durch die vielseitige Auslegung ist es quasi unmöglich, eine klare Grenze zu ziehen. So ist auch die Frage spannend, auf welcher Sprache katalanische Autor*innen schreiben. Und wie ist ein Buch zu klassifizieren, das von Katalan*innen auf Castellano verfasst wurde?

Katalanische Flagge © Merle Ostendorp
Katalanische Flagge © Merle Ostendorp

Im letzten Jahr stand Katalonien im Mittelpunkt vieler Schlagzeilen. Die erneute Sehnsucht nach Unabhängigkeit entwickelte sich von einer langjährigen Sentimentalität zu einem gewaltvollen Aufstand. Mehrere Monate lang entstanden hitzige Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern, die besonders durch die ungeschickte Einmischung der spanischen Zentralregierung zu keiner gemeinsamen Lösung kamen. Erst infolge dieses punktuellen Interesses ist mir bewusst geworden, wie wenig mein Umfeld über Katalonien weiß. Wahrscheinlich war jede*r schon mal in Katalonien, ist durch die Altstadt Barcelonas gelaufen und hat sich eventuell über die katalanischen Straßennahmen gewundert, war überrascht, dass seine Spanischkenntnisse bei den katalanischen Kellner*innen doch nicht auf Sympathie trafen. Und dann ist da noch das Thema der katalanischen Literatur.

Was zählt mehr: Kultur oder Sprache?

Das „Problem“ der Sprachen ist in Spanien allgegenwärtig. Dass neben der Amtssprache Castellano noch sechs weitere amtlich regionale Sprachen koexistieren, wissen viele Menschen gar nicht. Doch gerade diese sprachliche Vielfältigkeit deutet wiederum auf kulturelle Vielfältigkeit hin, die sich auch ganz deutlich in der jeweiligen Literatur wiederfindet. Spätestens 2007 ist dieser Konflikt auch in Deutschland angekommen, als Katalonien als Kultureinheit zum Ehrengast der Frankfurter Buchmesse eingeladen wurde. Die Entscheidung, nur Autoren vorzustellen, die ihre Werke auf Katalanisch verfassen, sorgte für Diskussionen.

Wenn Sprache ein Alleinstellungsmerkmal für die Identitätsbildung wäre, käme diese Diskussion zügig zu einer universellen Antwort: Katalanische Literatur ist jene, die auf Katalanisch verfasst wird. Nun ist es jedoch so, dass auch und ganz besonders die kulturelle und gesellschaftliche Umgebung dazu beitragen. Gerade deswegen möchte ich hier drei Autor*innen vorstellen, die zwar in der gleichen Kultur aufgewachsen sind, sich jedoch für ihre Literatur zweier verschiedener Sprachen bedienen.

Emanzipation als treibende Kraft für katalanische Autor*innen

Als ich mich fragte, welche Autorinnen die katalanische Kultur und Gesellschaft am besten vermitteln und mit ihren Werken literarisch etwas bewegt haben, hatte ich schnell drei Kanditatinnen im Kopf. Umso ernüchternder war es, herauszufinden, dass besonders die katalanischen Gegenwartsautor*innen nicht behaupten können, einen Platz auf dem deutschen Buchmarkt gefunden zu haben. Das soll nicht heißen, dass die deutsche Literaturlandschaft sich nicht um die Verbreitung der katalanischen Autor*innen bemüht, jedoch werden viele einschlägige Werke zu spät übersetzt oder geraten gleich nach der ersten Auflage wieder in Vergessenheit. Auch die drei ausgewählten Romane zählen zu dieser Kategorie, aber was sie vor allem gemeinsam haben, ist das Streben der Protagonistinnen nach Unabhängigkeit.

Die Verschiedenheit der Romane macht das Gegenüberstellen der Figuren umso interessanter. Mit einer großen psychologischen Tiefe beschreiben die Autorinnen das kämpferische Erwachen der Protagonistinnen, die erkennen, dass auch ihr eigenes Leben lebenswert ist.

Drei spannende kalatalanische Autorinnen schreiben über Emanzipation © Merle Ostendorp
Drei spannende kalatalanische Autorinnen schreiben über Emanzipation © Merle Ostendorp
Der Symbolismus von Victor Català

Solitud von Victor Català, entstanden als Fortsetzungsroman, wurde 1909 zum ersten Mal vollständig auf Katalanisch veröffentlicht und im selben Jahr unter dem Titel Sankt Pons beim S. Fischer Verlag ins Deutsche übertragen. Obwohl ein anfänglicher Enthusiasmus für diese Mitbegründerin der modernen katalanischen Literatur unübersehbar war, wurde ihr Werk erst 2007, anlässlich der Frankfurter Buchmesse, vom SchirmerGraf Verlag neu übersetzt und gebührend gefeiert.

Caterina Albert i Paradís schildert unter ihrem männlichen Pseudonym Victor Català das Schicksal ihrer Protagonistin Mila. Frisch verheiratet zieht diese, zusammen mit ihrem Mann Matias, in eine Einsiedelei in den Bergen Kataloniens. Ihr einziger Lichtblick in dieser vollkommenen Einsamkeit sind die Geschichten des Schäfers Gaietà und die Anwesenheit des kleinen Jungen Baldiret. Umso mehr ihr Mann sich von ihr abwendet und in eine Spielsucht verfällt, merkt sie die sexuelle Anziehung, die der Schäfer auf sie ausübt.

Mit einer sehr alltäglichen Sprache umschreibt Català nicht nur die katalanische Berglandschaft, sondern passt auch die Dialekte ihrer Figuren an die zeitlich-demographische Umgebung an. In einer Abwendung vom sprachlichen Naturalismus verwendet die Autorin konkrete Bilder, die in Form von Landschaften oder Figuren dargestellt werden. Der Leser sieht das, was Mila sieht, und durch dieses erzählerische Geschick entsteht ein sehr intimer Einblick in ihr Innenleben.

Am Ende, nach zahlreichen Rückschlägen, entschließt Mila, ihren Mann zu verlassen und ihr eigenes Leben zu führen.

Aloma

Auch bei Aloma von Mercè Rodoreda spielt eine junge Frau die Hauptrolle. Obwohl das Buch erstmals 1938 auf Katalanisch veröffentlicht wurde, verschwand es nach dem Zweiten Weltkrieg von der Bildfläche. Erst 1969 gestattete Rodoreda nach erheblichen Änderungen die Veröffentlichung einer neuen Auflage. Erst 1991 wurde das Buch ins Deutsche übertragen und unter dem gleichen Titel beim Suhrkamp Verlag veröffentlicht.

Das Buch handelt von der hypersensiblen, etwas naiven Heranwachsenden Aloma, die zwar weiß, was sie will, es aber in der realen Welt nicht finden kann. Die vielen Schicksalsschläge der Vergangenheit haben sie nicht abgehärtet. Seitdem ihr Bruder Selbstmord begangen hat und ihre Eltern frühzeitig verstorben sind, wohnt sie zusammen mit ihrem großen Bruder, seiner Frau und ihrem Neffen in dem alten Familienhaus. Als ihre Schwägerin den Besuch ihres Bruders Robert ankündigt, scheint eine fröhlichere Zeit anzubrechen. Zwischen Geldsorgen und der tödlichen Krankheit des Neffen entwickelt sich eine geheime Liebschaft zwischen Aloma und Robert.

Durch die interne Fokalisierung erhält man einen tiefen Einblick in Alomas Gefühlswelt und ihre vielschichtigen Gedankengänge, die ihren komplizierten Charakter skizzieren. Als Leser*in wird einem schnell bewusst, dass die Gefühle zwischen Aloma und Robert einseitig sind, jedoch kann die Protagonistin diese Realität erst viel zu spät selbst wahrnehmen.

Was anfänglich als Liebesgeschichte zu deuten ist, entwickelt sich im Laufe der Erzählung zu einer Selbstfindung der Protagonistin, die selbst unter den schwierigen Umständen eine ungeahnte Stärke beweist.

Aller Sommer Meer

Esther Tusquets war in Spanien in erster Linie für ihre verlegerische Tätigkeit bekannt. 40 Jahre lang leitete sie den Lumen Verlag, bei dem sie auch ihren Debütroman Aller Sommer Meer veröffentlichte. Obwohl Katalanisch Tusquets Muttersprache ist und sie diese auch im Alltag verwendet, bevorzugte sie für ihre Romane das Castellano.

Durch eine sehr verdichtete, mythologisch aufgeladene Sprache schlüpft der Leser in eine Welt zwischen Mythos und Realität. Ariadna, die Protagonistin dieser Geschichte, fügt sich all ihren Verpflichtungen und ihr Leben rieselt so vor sich hin – bis sie sich entschließt, in die alte Wohnung ihrer Großmutter zu fliehen. Durch imaginierte Fabeln und Gedankengänge der Protagonistin erfährt der Leser von ihrer mondänen Mutter, ihrer ehrgeizigen Tochter und ihrem Mann Julio, die es zusammen geschafft haben, sie in einem goldenen Käfig einzusperren.

Angekommen in ihrer neuen-alten Welt fängt sie eine Affäre mit der viel jüngeren Clara an und es macht den Anschein, dass sie sich durch diese neue Erfahrung langsam aus ihrem Käfig befreit. Aus der alten Wohnung flüchten die beiden Frauen – in der Hoffnung auf Zweisamkeit – in das alte Strandhaus der Großmutter. Wenngleich anfänglich noch jeder Tag erzählt wird, verlaufen die kommenden in eine ekstatisch aufgeladene Masse, die die Frauen mit Liebkosungen und Liebeserklärungen verbringen. Ariadnas Verwandlung ist unübersehbar, doch leider findet Julio sie früher als gedacht und reißt sie aus ihrer neu gewonnenen Welt.

Tusquets kombiniert eine schlichte Romanstruktur mit einer sehr angereicherten Sprache, die den Lesefluss zwar anfänglich etwas bremst, aber den Leser dafür bei der fortgeschrittenen Lektüre in einen unvergleichbaren Bann zieht.

Gemeinsamkeit trotz unterschiedlicher Sprachen

Für mich ist die Zusammengehörigkeit dieser Romane unübersehbar, wobei ich den sprachlichen Aspekt nicht außer Acht lassen möchte. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, wie es sich anfühlt, eine Sprache verteidigen zu müssen – in meinem Fall Katalanisch. Trotzdem sollte den katalanischen Autor*innen, die sich entscheiden auf Castellano zu schreiben, mehr Toleranz entgegengebracht werden. Nicht zuletzt vermitteln auch diese einen wichtigen Aspekt der katalanischen Gesellschaft, der dazu beiträgt, diese großartige Literatur und Kultur noch wahrnehmbarer zu machen.

von Merle Ostendorp

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