Ein Buch wie ein Traum: Marion Poschmann „Die Kieferninseln“

Zartheit und subtiler Sprachwitz zeichnen Marion Poschmanns 2017 erschienen Roman Die Kieferninseln aus. Die Autorin, die vor allem für ihre Lyrik bekannt ist, sorgt auch mit ihren Prosawerken immer wieder für Aufmerksamkeit. So verwundert es nicht, dass Die Kieferninseln direkt auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis stand und sie für ihr Werk mit dem Berliner Buchpreis 2017 ausgezeichnet wurde. Dieser ist nicht nur mit einem Preisgeld von 30.000 Euro dotiert, sondern beinhaltet auch die Berufung auf die Gastprofessur für deutschsprachige Poetik der Stiftung Preussische Seehandlung an der Freien Universität Berlin, die Poschmann im Sommersemester dieses Jahres antritt.

Ein Grund mehr, um sich genauer mit ihrem aktuellen Roman zu beschäftigen.

„Die Kieferninseln“ von Marion Poschmann © Elisa Utterodt

Kaffee- und Teeländer

Die Kieferninseln beginnt mit einem Traum. Gilbert Silvester, ein mäßig erfolgreicher Kulturwissenschaftler, träumt, dass seine Frau ihn betrügt. Und dieser Traum genügt dem Protagonisten des Romans als Anlass, um das Weite zu suchen. Genauer gesagt, um an den entferntesten Ort der Erde zu reisen, den er sich vorstellen kann: nach Japan.

Dort stellt Silvester, der im Rahmen seines aktuellen Projekts zur Bartkultur forscht, fest, dass die Japaner „[…]alles in allem bartlose Personen[…]“ seien. Auch das Teetrinken der Japaner ist Silvester unsympathisch, denn er unterteilt die Welt in Kaffee- und Teeländer, wobei ihm erstere eindeutig die Lieberen sind. Denn in Kaffeeländern tritt alles klar zutage, während in Teeländern alles mystifiziert erscheint.

Japan ist dem Protagonisten zu steril, zu sauber und zu dezent. Er empfindet es fast als Zumutung, nun aufgrund des Fehltritts seiner Frau in dieses Land reisen zu müssen. Dennoch beschließt er, das Land und die Kultur besser kennenzulernen und erwirbt „einen Reiseführer und einige Klassiker japanischer Literatur“, wie es im Roman heißt.

Ein Tamagotchi für Silvester

Sein erster Streifzug durch Japans Hauptstadt Tokio führt Silvester zum Hauptbahnhof, wo er auf seinen zukünftigen Reisebegleiter trifft: Yosa Tamagotchi. Tamagotchi ist ein junger, hagerer Japaner mit Spitzbart, der sofort Silvesters Aufmerksamkeit erregt, da er unbeholfen am Ende eines Bahnsteigs steht und versucht seine Reisetasche auf umständliche Art abzustellen. Sein Name weckt in vielen Menschen wohl sofort Assoziationen zu kleinen Computerhaustieren, die man ständig füttern und unterhalten muss, um sie am Leben zu halten. Und ebenso scheint es sich auch mit dem jungen Japaner in Poschmanns Roman zu verhalten, denn dieser hatte eigentlich vor, sich aus Prüfungsangst vor einen Zug zu werfen. So macht es sich Gilbert Silvester zur neuen Aufgabe, das Leben Tamagotchis zu erhalten.

Subtiler Witz und dezente Sprache

Die beiden beschließen, sich auf eine Pilgerreise durch Japan zu begeben. Im Gepäck haben sie zwei Reiseführer: Bashos Auf schmalen Pfaden ins Hinterland und das vollständige Handbuch für Selbstmörder. Letzteres soll Tamagotchi dazu dienen, einen geeigneten Ort für seinen Suizid zu finden. Doch Gilbert Silvester findet an jedem Ort etwas auszusetzen, den Tamagotchi vorschlägt: Zu laut, zu wenig dezent, schlechtes Licht. Generell hält Silvester den Japaner für außerordentlich dünkelhaft, unzureichend und hilfsbedürftig. So gestalten sich auch die Gespräche zwischen den beiden im Roman. Während Silvester den jungen Mann beständig zu belehren sucht, bleibt Tamagotchi meist still. Äußerst amüsant gestaltet Poschmann die Dialoge der beiden, die eher Monologe Silvesters sind. Dennoch muss man beim Lesen nie laut auflachen, sondern eher über Seiten hinweg schmunzeln, was den besonderen Reiz des Buches ausmacht.

Traumartige Reisestationen

Traumartig muten die meisten Begegnungen mit den Stationen ihrer Reise an. Der Wald der Selbstmörder, in den Silvester von Tamagotchi geführt wird, endet in einer albtraumartigen Nachtszene, die im abgeklärten Europäer Silvester zu einer Änderung der Sichtweisen führt. Er beginnt, seiner Frau Briefe zu schreiben und Japan und auch die Natur an sich anders zu betrachten. So wird seine Flucht zu einer Reise der Erkenntnis, an deren Ende er sich auch seiner Frau wieder annähert.

Auch die Figur Yosa Tamagotchis wirkt beinahe wie ein Hirngespinst des Gilbert Silvester. So ist das Letzte, was Silvester von Tamagotchi sieht, die Vision von dessen Gesicht in seiner Teetasse. Und am Ende fragt man sich beinahe, ob der junge Japaner nur eine Einbildung, vielleicht die ganze Reise nur ein Traum war.

Bildhafte Naturbeschreibungen

Besondere Beachtung ist den Naturbeschreibungen des Romans zu schenken, besonders der Beschreibung der allgegenwärtigen Kiefern. Auch diese haben traumartige Aspekte. So werden die Bäume als knorrige und krumme Wesen beschrieben, die sich beinahe geisterhaft im Wind bewegen. Sie erinnern an Wesen aus einer anderen Zeit.

Poschmann gelingt es, dem Leser mit ihrer Sprache die Natur Japans bildhaft vor Augen zu führen. Ihre Sprache und ihr Witz wirken dabei jedoch nie aufdringlich. Es ist ein leises Buch, das die Autorin geschrieben hat und dennoch eines, das dem Leser nachdrücklich im Gedächtnis bleibt. Zu Recht hat dieses Werk den Deutschen Preis für Nature Writing 2017 erhalten.

Wir dürfen gespannt bleiben, welchem Thema sich Poschmann als nächstes widmet, und uns auf ihre Tätigkeit als Gastprofessorin an der Freien Universität Berlin freuen.

 

Marion Poschmann wird ihre Antrittsvorlesung an der FU am 25. April 2018 halten und in dieser sicherlich auch über Naturbeschreibungen in der Literatur sprechen.

 

Die Kieferninseln

Von Marion Poschmann

Suhrkamp, 20€

Gebunden, 168 Seiten

 

von Elisa Utterodt

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