Frauen im georgischen Literaturbetrieb

Als ich Ende Mai zur Blogger*innen- und Pressereise  nach Georgien, dem diesjährigen Ehrengastland der Frankfurter Buchmesse, fuhr, schaute ich mir natürlich die Liste der zur Buchmesse eingeladenen Autor*innen an. In dem offiziellen Dokument waren zu diesem Zeitpunkt 22 georgische Autorinnen und 38 Autoren gelistet: 63% zu 36%. Womit hängt dieses geschlechtliche Ungleichgewicht zusammen? Und wie sieht eine feministische Literatur in Georgien aus? Darüber habe ich mich vor Ort mit Autor*innen unterhalten.

Das ‚Call-Your-Wife‘-Telefon des Namaste Hostels in der Betlemi Straße, Tbilisi (Georgien) © Angie Martiens
Das ‚Call-Your-Wife‘-Telefon des Namaste Hostels in der Betlemi Straße, Tbilisi (Georgien) © Angie Martiens

 

Gender ist derzeit definitiv ein hot topic – auch in Georgien. Das Gros der georgischen Gesellschaft und Politik richtet sich zunehmend Richtung Europa und Westen aus, will Teil der EU werden, will Menschenrechte und die Rechte sexueller und geschlechtlicher Minderheiten achten. Georgien diskutiert viel über das Geschlechterverhältnis. Dennoch, so berichten mir verschiedene Autor*innen, ist das Land nach wie vor sehr patriarchal. Nicht zuletzt liegt das auch an der mächtigen Stellung der georgisch-orthodoxen Kirche, der etwa 80% der Bevölkerung angehören und die staatlich gefördert wird.

Autorinnen wurden in der Sovietzeit ignoriert

Die Autorin Tamta Melaschwili positioniert sich und ihre Texte explizit als feministisch. „Georgische Literatur von Frauen ist schon immer feministisch gewesen“, erklärt Melaschwili, die in Budapest Gender Studies studierte und von Beginn an feministische Literatur verfasste. „Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert traten Frauen öffentlich als Autorinnen wie auch als Feministinnen auf. Ein grandioses literarisches Erbe! Doch das wurde in der Sovietzeit mit all den anderen Formen von freier Meinungsäußerung und zivilem Aktivismus zusammen zerstört. Die sowjetische Schriftstellervereinigung schloss Frauen massiv aus.“ Es sei daher auch nicht verwunderlich, dass es heute immer noch deutlich weniger weibliche als männliche Schriftsteller*innen gäbe, wie es die Liste der zur Frankfurter Buchmesse 2018 Eingeladenen nahelegt, urteilt Melaschwili. „Autorinnen traten erst in den frühen 2000ern wieder auf die öffentliche Bühne.“

Die Möglichkeiten des Digitalen

Für viele Frauen, wie auch für Melaschwili selbst, habe gerade das Internet dies ermöglicht. Vor 15 Jahren fanden auf literarischen Online-Plattformen wie lit.ge (heute ein Online-Bookstore) Autor*innen und Leser*innen zueinander – ganz unabhängig von Verlagshäusern. Heute hat sich die literarische Community von den externen Plattformen auf die eigenen Social-Media-Profile, allen voran Facebook, verlagert. Da das Land nur 3,7 Millionen Einwohner*innen hat und auch das Georgische von kaum mehr Menschen gesprochen wird, bietet das Internet hier weniger eine unüberblickbare Weite als vielmehr die Chance guter Vernetzung. So profitieren auch andere Personengruppen, die im Literaturbetrieb marginalisiert sind sowie gesellschaftlich tabuisierte Themen von den Möglichkeiten des digitalen Selbstpublizierens. Auch Literatur aus der LGBTIQ-Community bzw. queere Literatur werden oft zunächst über die eigenen Facebookseiten veröffentlicht: etwa Andro Dadiani mit seiner pornografischen und zugleich politischen Lyrik und Kunst.

Weibliche Lebensrealitäten

Melaschwilis feministische Literatur setzt die Perspektiven von Frauen in den Fokus und erzählt mal dramatisch, mal unaufgeregt von Lebensrealitäten. Ihre Kurzgeschichte Das andere Grau (in Bittere Bonbons. Georgische Geschichten) erzählt von der Liebe einer lesbischen Frau in einem Georgien mit fest verankerter Homophobie. Unbedingt zu empfehlen ist ihr mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneter Roman Abzählen, der aus der Sicht zweier pubertierender Mädchen vom Krieg erzählt: Drei Tage lang begleiten die Leser*innen zwei dreizehnjährige Freundinnen durch ihren Alltag unter Kriegsbedingungen. Dieser besteht sowohl aus neidischen Blicken auf den schon wachsenden Busen der Freundin als auch aus lebensgefährlichen Streifzügen durch ein bewaffnetes und vermintes Gebiet, um für den kleinen Bruder die Babynahrung aufzutreiben. Die Geschichte steht sicherlich symbolisch für viele Kriege auf der Welt, in denen immer auch Kinder und junge Menschen gezwungenermaßen erwachsen werden müssen. Im Besonderen erzählt sie aber auch von der Biografie vieler heutiger Georgier*innen, denn allein zwischen 1991 und 2008 durchlebte das Land vier Kriege.

Double Standards

Eine weitere Autorin emanzipatorisch-politischer Literatur ist Tamar Tandaschwili. Ihre bisherigen zwei Bücher, von denen das erste, Löwenzahnwirbelsturm in Orange, bereits auf Deutsch erschien, stehen vor dem Hintergrund ihrer aktivistischen Arbeit für die LGBTQ-Community und erzählen vom meist sehr schwierigen Leben als queere Person in Georgien. „Queeres bedeutet für mich gleichzeitig auch Feministisches“, erklärt Tandaschwili. „Es geht nicht darum, bloß von homosexuellen Beziehungen zu erzählen. Vielmehr geht es darum, dem Menschen, von dem da erzählt wird, einen eigenen Wert beizumessen, von ihm und seinem Leben zu erzählen. Außerdem bedeutet queeres und feministisches Schreiben für mich, dass es um Frauen und deren Leben und die Perspektive geht. Männer schreiben für gewöhnlich über Männer und Frauen schreiben oft über heterosexuelle Liebe, sodass letztlich auch wieder über die Männer geschrieben wird.“ Tandaschwili ist erst seit knapp drei Jahren im georgischen Literaturbetrieb. Ihr bisheriger Eindruck ist, dass es einen geschlechtsbezogenen double standard in der Literatur gäbe: „Wenn ein Mann etwas Grandioses schreibt, wird ihm dieser Erfolg viel schneller und großzügiger anerkannt als einer Autorin. Frauen werden viel eher und auch schärfer kritisiert als Männer.“

Andere Perspektiven

Doch die Meinungen zum hot topic sind divers. Einige finden, dass zumindest im Literaturbetrieb eine Gleichstellung bereits erreicht sei. Die Autorin Anna Kordzaia-Samadaschwili berichtet: „Es ist derzeit sehr bequem, in Georgien eine Autorin zu sein. Man steckt ja ständig in einem Förderprogramm speziell für Autorinnen.“ Das geschlechtliche Ungleichgewicht der zur Frankfurter Buchmesse eingeladenen Autor*innen verwundert sie sehr, denn sie höre in letzter Zeit ständig von neuen Autorinnen. Vielleicht muss der Ball auch in eine ganz andere Richtung gespielt werden, denn die Liste muss kein tatsächliches Abbild der literarischen Landschaft sein. „Sie wird schließlich auch nur von Personen zusammengestellt, die Entscheidungen über die Einladungen treffen. Die müsste man eher dazu befragen“, gibt Kordzaia-Samadaschwili zu bedenken. Wirft man zudem auch einen Blick auf die wichtigste und größte Literaturinstitution Georgiens, das Georgian National Book Center, ergibt sich ein sehr weibliches Bild: Die Leitung und die große Mehrheit der Mitarbeitenden sind Frauen. Das Georgian National Book Center organisiert auch den Auftritt Georgiens als Ehrengastland der Frankfurter Buchmesse.

(Un)feministische Literatur

Kordzaia-Samadaschwili wird häufig als Vorreiterin weiblicher Autorinnen in Georgien gesehen. Sie übersetzte Elfriede Jelineks Die Liebhaberinnen und Ingeborg Bachmanns Malina ins Georgische. Die Erzählinstanz in Kordzaia-Samadaschwilis bisher übersetzten Texten erinnert mich an Jelineks provokante und schnoddrig Erzählerinnen: Etwa die Erzählerin in den beiden Kurzgeschichten Immunität (in Bittere Bonbons. Georgische Geschichten) und Das historische Gedächtnis (in Techno der Jaguare. Neue Erzählerinnen aus Georgien), die mit den Leser*innen interagieren will, die sich selbst nicht immer ganz ernst nimmt und das Erzählte gerne plötzlich kommentiert. Die Übersetzung zweier für die frühe deutschsprachige feministische Bewegung sehr wichtiger Autorinnen lässt schnell den Rückschluss zu, Kordzaia-Samadaschwili müsse selbst eine feministische Schriftstellerin sein, doch die Übersetzung dieser beiden Autorinnen sei reiner Zufall gewesen: „Damals in den 90ern brauchte ich Geld und das georgische Goethe-Institut hatte einen Übersetzungswettbewerb ausgerufen. Ein guter Freund, der ein großer Kenner der deutschen Literatur ist, riet mir zu Jelinek. Selbst wenn die Übersetzung schlecht sei, würde dieser Text gewinnen, prophezeite er mir“ – und das georgische Goethe-Institut war von der Übersetzung wahrlich überzeugt und zeichnete sie aus.  „Für Malina wiederum wurde ich einfach direkt angefragt.“

Als Autorin schreibt Kordzaia-Samadaschwili über den Alltag, über Emotionen und Probleme, die in diesem auftauchen. Insbesondere Konflikte zwischen Frauen und Männern begleiten die Handlung. Ihre Literatur wird immer wieder als emanzipatorisch rezipiert, doch „ich schreibe nicht bewusst feministisch und empfinde meine Texte auch nicht als solche. Allerdings habe ich auch nichts dagegen, wenn sie für andere in diese Kriterien passen“, erzählt Kordzaia-Samadaschwili. „Tatsächlich nervt es mich aber unbeschreiblich, dass zu meiner Literatur immer Schlagworte wie ‚starke Frauen‘ fallen. Das bedeutet doch, dass Frauen für gewöhnlich Lappen seien und hier hätten wir zur Ausnahme jetzt einmal starke Frauen“ – ein Argument, dass selbst wiederum zutiefst feministisch ist.

Mehrwert der Diversität

Wie überall haben Frauen natürlich nicht qua Geschlecht eine einheitliche Meinung und wie überall gehen auch feministische Positionen auseinander. So urteilt auch Tamta Melaschwili: „Heutzutage gibt es in Georgien Autorinnen wie mich, die sich selbst als feministisch verstehen, andere weisen für sich dieses Label zurück, aber ihre Literatur kann trotzdem als feministisch gelesen werden und wider andere lehnen den Feminismus ab und schreiben Texte, die wirklich nicht feministisch sind. Diese Vielfalt ist großartig! Wir haben verschiedene Zugänge zur Welt und reflektieren sie unterschiedlich.“

Da die erwähnte Liste auf dem Stand vom Mai 2018 ist, kann sich die Auswahl sicherlich auch noch einmal verändern – schön wäre es in jedem Fall, wenn im Oktober 2018 noch mehr georgische Autorinnen kämen. Denn wenngleich es Förderprogramme  für Autorinnen gibt und die Situation für diese sich verbessert hat, erbaut die Frankfurter Buchmesse immer auch ein Bild von der Bücherlandschaft eines Landes – und wenn dieses primär männlich gestaltet wird, wäre das äußerst schade.

Georgische Autorinnen – eine Literaturauswahl © Angie Martiens
Georgische Autorinnen – eine Literaturauswahl © Angie Martiens

 

Rachel Gratzfeld (Hg.): Bittere Bonbons. Georgische Geschichten, Edition Fünf 2018, 256 Seiten, 22.- €.

Tamta Melaschwili: Abzählen, übers. von Natia Mikeladse-Bachsoliani, Unionsverlag 2012, 120 Seiten, 16.95 €.

Manana Tandaschwili (Hg.) / Jost Gippert (Hg.): Techno der Jaguare: Neue Erzählerinnen aus Georgien, Frankfurter Verlagsanstalt 2013, 256 Seiten, 19.90€.

Tamar Tandaschwili: Löwenzahnwirbelsturm in Orange, übers. von Natia Mikeladse-Bachsoliani, Residenz Verlag 2018, 136 Seiten, 18.- €.

 

Georgien auf Litaffin anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2018:

Teil I der Georgienserie: Der Charme des abblätternden Lacks. Eine (Bilder-)Reise durch Tbilisi

Teil II der Georgienserie: Frauen im georgischen Literaturbetrieb

Teil III der Georgienserie: Very German, very Georgian: Literaturszene und Arbeitsbedingungen

Teil IV der Georgienserie: Supra – Ein georgisches Festmahl

 

Die Einladung Litaffins zur Blogger*innen- und Pressereise, sowie deren Finanzierung, erfolgte vom georgischen Ministerium für Kultur und Sport und dem Georgian National Book Center, die gemeinsam Georgiens Auftritt als Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse 2018 koordinieren. Die Reise wurde in Zusammenarbeit mit der Kultur- und Tourismus Agentur Projekt2508 organisiert.
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Angie Martiens

Angie Martiens

1991 in Berlin geboren, bleibt Angie der Stadt weitestgehend treu. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft in Berlin und Stockholm, dann was ganz Verwegenes: Neuere deutsche Literatur und Tanzwissenschaft. Mit Interesse für die Schnittstellen von Politischem und Kulturellem, Diskursivem und Künstlerischem bewegt sie sich gerne durch Texte, Räume und Theorien.
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