„Ich bin kein Prallerzähler“ – David Wagner im Interview

Ein Interview von Markus Streichardt und Leonie Langer

David Wagner ist Schriftsteller, Absolvent und Gastdozent der Freien Universität Berlin. Grund genug, mit ihm über den schriftstellerischen Einstieg, seine bisher erschienenen Titel, geplante Buchprojekte und Berlin als Inspirationsquelle zu sprechen.

Litaffin: Sie sind momentan als Gastdozent an der FU Berlin tätig, wo Sie früher selbst Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft studiert haben. Wie fühlt es sich an, als Schriftsteller, der die meiste Zeit über allein am Schreibtisch sitzt, plötzlich vor 40 jungen Studierenden zu „dozieren“?

David Wagner: Kurz gesagt: Es fühlt sich gut an! Es macht mir Spaß. Obwohl mir am Anfang gar nicht so klar war, was ich eigentlich machen kann, aber ich wusste, ich rede gern über Texte. Und zwar mit der Fragestellung: Wie kann ich einen Text noch besser machen? Das ist meine Arbeit, die ich immer mache, ob das meine eigenen oder fremde Texte sind, spielt für mich keine große Rolle. Und in dem Seminar habe ich entdeckt, dass das auch in einer größeren Gruppe funktioniert. Es ist ein sehr kommunikatives Seminar, in dem Texte angeschaut und einzelne Sätze diskutiert werden.

Litaffin: Während Ihrer Promotion schrieben Sie gleichzeitig an Ihrem ersten Roman Meine nachtblaue Hose (2000)? Wann wurde Ihnen klar, dass Sie sich lieber Ihrem Roman als der Promotion widmen möchten?

Wagner: Die Promotion diente eigentlich nur als akademischer Tarnmantel. Ich bin immer schön fleißig nach Dahlem raus gefahren und habe in der Bibliothek gearbeitet. Letztendlich musste ich mich aber vom wissenschaftlichen Arbeiten entfernen, um in das literarische Schreiben hineinzukommen. Als das Buch dann fertig war, haben sich ganz andere Möglichkeiten aufgetan. Zum Beispiel für die FAZ zu arbeiten. Ich durfte frei sein, zu Hause bleiben und verdiente viel Geld damals im goldenen Zeitalter des Printjournalismus. Promovieren war dagegen unattraktiv.

Litaffin: Wie hat der schriftstellerische Einstieg geklappt?

Wagner: Schon während meines Studiums habe ich für Zeitungen geschrieben. Nie Journalistisches, sondern immer kleine Geschichten fürs Feuilleton. Parallel dazu schrieb ich an meinen Erzählungen und habe diese in Literaturzeitschriften, zum Beispiel im Alltag und im Merkur, veröffentlicht. Daraufhin meldete sich kurioserweise ein Verlag und fragte an, ob ich nicht vielleicht einen Roman in der Schublade hätte. Hatte ich damals noch nicht. Aber das war natürlich toll. Wow, jemand interessiert sich für dich.

Litaffin: All ihre Werke, vom Erstlingswerk bis hin zu den im Jahre 2009 erschienen Büchern Spricht das Kind und Vier Äpfel zeichnen sich durch die Verdichtung von Sprache und Situationen aus. Sehen Sie darin Ihre Stärke anstatt in dem Ausbreiten epischer Handlungsstränge?

Wagner: Ja, ich bin jetzt nicht der Prallerzähler. Das Verfahren ist in allen sicherlich ähnlich, obwohl beispielsweise Vier Äpfel trotzdem ein Buch ist, in dem der Bogen gespannt ist und das nicht aus disparaten Texten besteht. Eine Erkenntnis, die ich aus dem Krankheitsbericht Für neue Leben zog, ist, dass die Verschlimmerung der Krankheit Rückwirkungen auf meinen Schreiben gehabt hat. Sie hat mich zur kürzeren Form gezwungen. Aber vielleicht schreibe ich auch mal ein dickes Buch.

Litaffin: 2008 thematisierten Sie in dem Essay Für neue Leben Ihre langjährige Leberkrankheit und die 2007 durchgeführte Lebertransplantation. Wie wichtig war es Ihnen, diese Geschichte aufzuschreiben?

Wagner: Diese ganze Krankheitsgeschichte ist ein sehr großes Thema für mich. Das Schreiben über Krankheit, gerade über die eigene Krankheit ist natürlich ein gefährliches Genre. Aber ich dachte, ich muss das jetzt machen. Das Thema ist für mich auch noch nicht abgeschlossen. Mein nächster Roman wird auch eine Krankheitsgeschichte. Er hat nur einen Ort, nämlich das Krankenzimmer, in gewissem Sinne ist es eine Reise durch dieses Zimmer. Das Krankenhaus ist schon ein sehr interessanter Ort, ich war ja lange genug da, um das zu beobachten.

Litaffin: Ihr zuletzt erschienener Roman Vier Äpfel spielt auch nur an einem einzigen Ort, nämlich im Supermarkt. Der Protagonist legt vier Äpfel auf die Waage, zusammen wiegen sie genau 1000 Gramm. Ist Ihnen das selber passiert? Wie kamen Sie auf die Idee, den Roman ausschließlich im Supermarkt spielen zu lassen?

Wagner: Ja, das ist mir tatsächlich selbst passiert. Da dachte ich mir zwar nicht gleich, dass ich einen Roman draus machen müsste. Aber die Supermarkt-Idee hatte mich schon lange begleitet. Ich habe viel gesammelt und aufgehoben und dann war es nur noch eine stilistische Arbeit, das zusammenzufügen und eine gewisse Stimmung da reinzubringen. Für mich selbst ist dieser Roman so etwas wie die Dissertation der Schule des Alltags, wo man sich Phänomenen der Allgegenwärtigkeit widmet und inlandsethnologisch Sachen beschreibt. Jeder kann das Buch so lesen, wie er möchte. Dass Vier Äpfel mit großem Abstand mein erfolgreichstes Buch ist, zeigt, dass diese Offenheit im Erzählen funktioniert. Ich finde nicht, dass Bücher einen komplizierten Plot brauchen, um interessant zu sein.

Litaffin: Sie sind im Rheinland aufgewachsen. Inzwischen – unterbrochen von Aufenthalten u.a. in Paris, Rom und Mexiko-City – leben Sie schon seit zwanzig Jahren in Berlin, wo auch fast alle Ihrer Geschichten spielen. Ist Berlin jetzt Ihre Heimat oder könnte die Reise noch weitergehen?

Wagner: Inzwischen bin ich auch familiär hier verwurzelt und ich wüsste nicht, wo ich in Deutschland lieber leben wollte. Natürlich reise ich gerne, ich habe nach dem Studium eine Zeit lang eine nomadische Existenz geführt. Aber mit Kind lebe ich etwas beständiger. Und die Zerstreuung, die ich während des Schreibens immer mal brauche, finde ich auch in Berlin. Ich muss zwischendurch nur mal zum Rosenthaler Platz gehen, wo es immer was zu gucken gibt, und da spüre ich schon diese anregende Mitte-Vibration. Berlin ist immer ein Thema. Ich habe mal ein Berlin-Buch gemacht, das wird 2011 zehn Jahre alt und es war eigentlich eine Neuausgabe davon geplant. Als ich es wieder gelesen habe, hat es mich fast entsetzt, wie veraltet es schon ist, wie historisch. Jetzt überlege ich, ein Buch mit ganz neuen Geschichten daraus zu machen. Berlin schreibt sich immer weiter.

Litaffin: Wie wichtig sind Ihnen gute Kritiken? Immerhin haben einige Rezensenten bereits Vergleiche mit Proust und Benjamin angestellt.

Wagner: Natürlich fühlt man sich da geehrt. Aber mir hat mal jemand gesagt, so richtig geschafft hat man es erst, wenn man mit niemandem mehr verglichen wird. Da ist es interessanter, gute Kritiken zu lesen, bei denen man was lernt, die einem was klarmachen. Es ist ja ein Irrtum zu glauben, man selber verstünde seine Bücher am besten. Es gibt manchmal tolle Kritiken, die einem Sachen eröffnen.

Foto von Susanne Schleyer

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Leonie Langer

Leonie Langer: hat in Münster Germanistik und Anglistik studiert und ist nach Aufenthalten in Paris und London zum Masterstudium nach Berlin gekommen. Was sie liest: am liebsten Romane, und da querbeet alles von Alfred Andersch bis Juli Zeh.

Ein Gedanke zu „„Ich bin kein Prallerzähler“ – David Wagner im Interview

  • 9. Februar 2011 um 13:31
    Permalink

    Das klingt sehr interessant und macht doch auch viel Mut: nicht alles Schreiben ist brotlose Kunst!

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