Ich fühl’s nicht

Heute erscheint Liv Strömquists vierter ins Deutsche übersetzte Comic-Band unter dem Titel Ich fühl’s nicht. Die Zeichnerin und Autorin setzt sich ein weiteres Mal mit der Liebe auseinander und verknüpft Kapitalismus, Konsum und austauschbare Partner*innenschaften auf gewohnt witzige und kluge Art und Weise.

Liv Strömquists vierter auf Deutsch übersetzter Comic. Foto: Karolin Kolbe
Leonardo und die schnelle Liebe. Foto: Karolin Kolbe

Die Models Bar Refaeli, Toni Garrn oder Erin Heatherton haben neben ihrem Beruf eine weitere Gemeinsamkeit: Sie und viele andere blonde Models in ihren 20ern hatten eine mal längere oder kürzere Beziehung mit dem Schauspieler Leonardo DiCaprio. Diese Beobachtung nimmt Liv Strömquist zum Anlass, um sich die Frage zur schnelllebigen, unverbindlichen Liebe zu stellen:

Manche Soziolog*innen und Philosoph*innen sind der Ansicht, dass das Gefühl ,sich zu verlieben‘ in der heutigen Zeit immer außergewöhnlicher geworden ist. Aber warum?

Dem geht Liv Strömquist dann auf 170 Comic-Seiten nach. Sie verknüpft das Bedürfnis der schnellen Liebe, der kurzlebigen Partner*innenschaft mit Grundprinzipien des Kapitalismus. Liebe wird konsumierbar, passgenau und die eigene Person steht immer im Vordergrund. Wenn etwas nicht klappt, bleibt nur die schnelle Trennung. Liv Strömquist zieht hier Philosoph*innen und Wissenschaftler*innen heran, um das Phänomen zu erläutern, beispielsweise den Philosophen Byung-Chul Han:

Der extreme Narzissmus des Spätkapitalismus hat unsere Gesellschaft grundlegend verändert. Da wir immer mehr mit uns selbst beschäftigt sind, verschwindet ,der Andere‘. Byung-Chul Han zufolge wird in dieser unserer spätkapitalistischen Epoche die Libido (die sexuelle Energie) in erster Linie in die eigene Subjektivität investiert (Beispiel: Man macht lieber ein sexy Selfie, als ein sexy Bild von jemand anderem).

Delfine spielen bei einem „okkulten Zwischenfall“ eine Rolle. Foto: Karolin Kolbe

Und so lässt die Zeichnerin und Autorin sich auf die Suche nach den Gründen ein. Wie man es von ihr gewohnt ist, zeigt sie historische Entwicklungen auf und vergleicht auch hier die heutige Zeit mit den Lieben und dem Werben der Antike oder des 19. Jahrhunderts. Sie nimmt die 15 an Frauen* gerichteten Warnsignale „Liebe ich ihn zu sehr?“ aufs Korn und weist auf die Verschiebung der Akzeptanz von offen gelebter Emotionalität hin, die im 19. Jahrhundert noch anders war:

Bei Illouz heißt es: Während Männlichkeit im 19. Jahrhundert durch emotionale Standhaftigkeit und nahezu ostentative Zurschaustellung der Fähigkeit des Mannes, versprechen zu machen und zu halten, zum Audruck gebracht wurde, äußert sich die moderne Männlichkeit eher in einer emotionalen Verweigerung, als darin, Gefühle unter Beweis zu stellen. Umgekehrt waren Frauen im 19. Jahrhundert häufig emotional reservierter als Männer.

Gründe für die Veränderung liegen laut Strömquist, die hier die Soziologin Eva Illouz zitiert, in Entwicklungen vom traditionellen Patriachart hin zu einer Gesellschaft, die das Patrichart in Frage stellt. Während es früher die kulturelle Erwartung an Männer war, viele Nachkommen zu haben, wird die soziologische Rolle, Kinder zu wollen, heute stärker Frauen zugeschrieben. Liv Strömquists Fazit zur gegenseitigen Konsumhaltung in der Liebe:

Ich bin also nicht der Meinung, das sei ,gut‘ oder ,schlecht‘, ich sage nur, das Ergebnis ist: No Love.

Viele Comics zum Thema

Theseus vergisst nach dem Labyrinth die Liebe zu seiner Retterin Ariadne. Foto: Karolin Kolbe

Mit Leonardo DiCaprio startet der erste von mehreren Comics zum Thema Liebe. Zwischen historischen Figuren, wie der amerikanischen Dichterin Hilda Doolittle, Ikonen der Popkultur wie Boyoncé und antiken Mythen wie dem um Theseus und Ariadne entwickelt Liv Strömquist ein buntes Potpourri rund um das Thema der Austauschbarkeit in Beziehungen oder dem Verlust der Liebe. Mit vielen zitierten Forscher*innen schafft Strömquist eine Grundlage, die sie um ihre Zeichnungen und dem ihr so eigenen Wortwitz ergänzt. Ein weiteres Werk fürs Bücherregal, das die Reihe um eine Facette erweitert.

Liv Strömquist: Ich fühl's nicht, Avant 2020.


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Karolin Kolbe

Karolin wohnt glücklich in einer großen WG mit Katze, rettet Lebensmittel, jodelt in einer Demogruppe und schreibt Jugendbücher. Lesen tut sie auch gerne, studierte erst "Filmwissenschaft" und "Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft" und seit 2018 "Angewandte Literaturwissenschaft" in Berlin.
Karolin Kolbe

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