Im Gespräch mit Hafenlesung/fleet:poet

Nordische Seeluft für die Lungenflügel der Literatur: Das versprechen zwei junge, frische Lesereihen aus Hamburg und Lüneburg. Ann-Kathrin traf stellvertretend Jonis Hartmann und Simon Bethge zum Gespräch über Literatur und unabhängige Lesereihen.

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Lesend: Jonis Hartmann, Stehend: Simon Bethge

Die Hafenlesung und fleet:poet sind zwei nordische, unabhängige Lesereihen. Was und wer stecken dahinter?

Jonis: Wir sind eine Hamburger Lesereihe mit dem Namen „Hafenlesung“, die es seit fast einem Jahr gibt. Diese Lesereihe wurde von einem internationalen Autorenkollektiv gegründet, das „Found in Translation“ heißt. Wir sind zurzeit vier Leute aus verschiedenen Ländern: Chile, Neuseeland, Somalia und ich als Deutscher darunter. Wir hatten die Idee, fremdsprachigen AutorInnen, von denen es in Hamburg aufgrund des Hafens und der Stadtgröße viele gibt, eine Leseplattform zu bieten. Aber eben nicht ausschließlich fremdsprachig. Das heißt bei unseren Lesungen treten verschiedene AutorInnen in ihren Muttersprachen auf sowie viele deutschsprachige, völlig grenzenlos von jung bis alt. Es gibt auch keine Bindung an Textsorten.

Simon: Bei fleet:poet verhält es sich so: Das Ganze fing im September 2014 an. Ich war ein paar Monate zuvor auf dem Gründungstreffen von der Kölner Lesereihe „Land in Sicht“ und hab mir dort das Format abgeguckt. Da ich hier lokal abgeschnitten war, dachte ich mir, sowas könnte ich hier oben auch alleine auf die Beine stellen. Ich suchte mir zu Anfang dann ein Team zusammen, die dann nach und nach verschwunden sind. Bis Februar 2016 habe ich das also alleine bewerkstelligt und mir dann eine Redaktion aus drei Leuten zusammengestellt. Uns gibt es jeden Monat mit einer Sommerpause im Juli und August sowie einer Winterpause im Dezember und Januar.

Wo finden die Lesereihen statt und was ist das Besondere daran?

Jonis: Uns gibt es alle zwei Monate als einen großen Leseabend in einer Hamburger Club-Location, dem „Golem“. Der liegt am Hamburger Hafen direkt gegenüber vom Fischmarkt, was eben dafür sorgt, dass wir eine Art Clubanziehung haben. Das lässt nicht unbedingt auf eine Lesung an sich schließen. Deswegen haben wir auch Publikum, das vor dem Tanzen/Trinken schon im Club ist und dann noch die Lesung mitnimmt.

Simon: Der Kunstverein, die Mondbasis, wo das Ganze stattfindet, in der Lüneburger Innenstadt gelegen, ist quasi ein Verbindungspunkt zwischen Studierenden in Lüneburg und den Leuten aus der Stadt, die den Ort kennen und dort gerne hingehen.

Wer darf bei Euch lesen? Wie sind die Aufnahmekriterien?

Jonis: Bei uns darf eigentlich fast unbegrenzt jeder lesen. Wir lassen nur einige Leute lieber lesen. Für uns ist es wichtig, dass an jedem Leseabend mindestens vier verschiedene Lesesprachen zu hören sind, also fünf mit Deutsch. Wenn wir also nur zehn Bewerber aus Deutschland haben, werden vier gestrichen. Das ist klar, selbst wenn es sonst wer wäre, denn das ist ganz wichtig für uns. Wir achten eher darauf, dass wir einen großen Pool an Leuten haben und stellen diese dann für den Abend zusammen. Uns ist es ein Anliegen, dass Leute, die vielleicht noch nicht den Durchbruch haben, ganz explizit neben Leute gestellt werden, die schon angesehen sind. Wir mögen es überhaupt nicht, wenn beim Publikum ein Ausschließlichkeitsgefühl erzeugt wird. Das wollen wir umgehen, indem wir eigentlich jedem eine Chance geben. Wie sieht ein Abend möglichst komplex, abwechslungsreich und spannend aus? Darüber wählen wir aus. Die Leseformatlänge sollte so zwischen 10-15 Minuten sein. Da wir manchmal auch Abende mit 10 Leuten füllen, bevorzugen wir Leute, die kürzere Sachen haben.

Simon: Bei uns lesen monatlich drei AutorInnen, egal welches Alter oder Werk. Die lesen jeweils in Slots von 20 Minuten, dazwischen gibt es Pausen, in denen im besten Fall Austausch stattfinden soll. Dramatik hatten wir bisher erst einmal dabei. Sonst orientiert sich das eher an Prosa und Lyrik. Wir sind für alles offen.

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Ein Abend bei der Hafenlesung. Quelle: Hafenlesung

Wie viele Einreichungen bekommt ihr durchschnittlich? Wie sieht der Auswahlprozess aus?

Simon: Die Menschen die lesen, werden darüber ausgewählt, ob sie sich in der redaktionellen Sichtung durchsetzen. Also wir machen das nach der einfachen Mehrheit, also 2:1 für Ja oder für Nein. Manchmal machen wir Ausschreibungen, etwa in Hildesheim. Darauf haben wir selten Reaktionen bekommen, deswegen nehmen wir meistens, das, was uns gerade so in die Hände fällt und fragen an.

Jonis: Wir bekommen tatsächlich wenige Einreichungen und gehen auf die Leute zu. Wenn wir Hamburger AutorInnen haben wollen, kennen die die Hafenlesung. Wir wollen darüber hauptsächlich das grundsätzliche Interesse an Szene wecken. Normalerweise machen wir das so: Wir sind jetzt zu viert, jeder darf zwei einbringen. Wir haben bisher noch keinen abgelehnt. Ich hätte bestimmt irgendwann mal nein sagen können, aber wir vertrauen uns da total und deswegen ist es sehr heterogen geworden. Wenn jeder zwei einbringt, sind das trotzdem acht unterschiedliche Lesungen an diesem Abend. Das ist ja im Prinzip das Konzept: möglichst harte Kontraste schaffen, um so viele AutorInnen überhaupt unterbringen zu können. Sonst schlafen die Leute ein. Tomas, der Chilene bei uns im Team, reist viel durch Europa, hat oft Akquise-Reisen gemacht. Er war in Schweden, Finnland, Russland und mit den Kontakten, die er dort gemacht hat, konnte er AutorInnen in die Lesung einbringen. Im November kommen welche aus Russland und das wird immer am besten so gepolt, dass sie umsonst zu uns anreisen. Meistens klappt das aus dem Ausland gut, wie etwa bei den Schweden, wo die Reisekosten komplett übernommen wurden. Solche Leute nehmen wir natürlich sehr gerne, weil wir auch kein Geld haben und ein Kriterium somit auch ist, wie wir sie finanzieren können. Manchmal fragen wir auch direkt. Monika Rinck zum Beispiel wollten wir immer einladen und haben sie einfach gefragt und jetzt kommt sie am 16. Juni.

Ich möchte einfach, dass Literatur ein Teil des Lebens ist und man über sie zusammenfindet. Dass der komplette Saal sich einer Wellenlänge erfreut.

Was ist Euer Ziel sofern es eins gibt? Was ist der Auftrag, dem ihr folgt?

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Simon Bethge, Quelle: privat

Simon: Also im besten Fall findet ein Austausch zwischen Stadt und Studierenden statt. Es gibt nach wie vor noch viele Leute, die aus Hamburg oder weiter südlich von Lüneburg mit dem Metronom einpendeln und dann auch abends oder nach der letzten Vorlesung wieder nach Hause zischen und sich dort dem Kulturprogramm ergeben. Aber die Leute, die nach Lüneburg gezogen sind und im besten Fall auch für irgendwelche hartgesottenen Hamburger-Pendler, wollen wir ein Format bieten, das offen für alle ist. Das möchten wir auch durch unsere Lesung und durch das persönliche Gespräch kommunizieren, also, dass es da erstmal keinerlei Restriktionen gibt und wirklich alle Leute dahin kommen könnten. Wir können einen kulturellen Verbindungspunkt für Lüneburg darstellen.

Jonis: Bei uns ist es ähnlich gelagert, auch wenn die Publikumsvoraussetzungen anders sind. Bei mir persönlich ist es so, dass ich finde, dass es in Hamburg eine schwere Lücke gibt von Wissen um: Wer macht was? Es gibt viele Bühnen, viele Zirkel und die lesen auch alle, aber keiner weiß, was der andere macht. Aus der Perspektive eines Autoren, die ich da hauptsächlich verfolge, ist es extrem wichtig, dass man sich kurzschließt und eine übergreifende Szene betreibt. Wo Informationen für alle zugänglich sind, wo man sich wohl und akzeptiert fühlt als AutorIn, aber gleichzeitig auch eben nicht nur als AutorIn für sich allein, sondern im Austausch mit LeserInnen und mit Publikum. Deswegen ist es für uns ganz wichtig, aus allen Zirkeln hier in Hamburg, Leute abzugreifen und auf dieser Bühne zusammenzubringen. Für mich ist es wichtig, dass jede Lesung einen Fest-Charakter hat, dass man sich auf Augenhöhe begegnet. Wir schauen, dass alles für alle ist, dass man Leute da rein holt, die ansonsten nicht zu einer Lesung gehen würden. Wenn das funktioniert, dann ist die Sache ein Erfolg. Ich möchte einfach, dass Literatur ein Teil des Lebens ist und man über sie zusammenfindet. Dass der komplette Saal sich einer Wellenlänge erfreut.

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Ein Abend bei fleet:poet, Quelle: fleet:poet

Kürzlich gab es einen Zusammenschluss der unabhängigen Lesereihen in Deutschland. Wie kam es zu dieser Vernetzung und was ist das Wichtige daran?

Simon: Ich traf Tristan Marquardt, den Chef vom G13-Lyrik-Kollektiv und Veranstalter der Münchener Lesereihe „meine drei lyrischen ichs“ im letzten September. Nachdem wir eine Nacht durchgetrunken hatten, fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, fleet:poet anzuschließen. Im letzten Jahr, also 2015, fand das erste Gründungstreffen dieses Zusammenschlusses der unabhängigen Lesereihen statt. Das heißt, relativ wenig waren noch dabei und er war immer auf der Suche nach neuen, unbekannten Lesereihen, die man noch stärken kann. Und deswegen bin ich, sind wir, dabei.

Jonis: Das Ganze ist schon sehr ambitioniert muss ich sagen. Projekte wie „babelsprech“ etwa, das aus einem ähnlichen Impetus und derselben Generation von Machern entstanden ist, die plötzlich wahnsinnige Fördergelder hatten und auch eine enorme Aufmerksamkeit. Dadurch wurde die junge Lyrik-Szene enorm gepusht. Ich habe den Eindruck, dass so etwas wie das „Treffen junger Lesereihen“ mit der Vernetzung irgendwie anstrebt, eine große Eruption herbeizuführen. Dass jetzt auf einen Streich mindestens 15 sehr wohlkonzipierte Lesereihen alleine im deutschsprachigen Raum unterwegs sind und verschiedene, eigene Ziele verfolgen, das ist einfach mal mehr wert als eine Nachricht im Lokalteil jeder Zeitung. Und wie bekommt man Aufmerksamkeit? Eigentlich nur, indem man so eine fast organisatorische Bombe fallen lässt. Und das macht man natürlich, indem man sich vernetzt, zusammenschließt. Und sagt: Hey, wie ist euer Informationsfluss eigentlich, wie macht ihr das? Das hilft jeder Lesereihe, voneinander zu lernen und eben auch zusammenzuwirken. Der andere Punkt ist, dass wir im Grunde genommen alle junge Veranstalter sind, die in der Lage sind, mehr als eine Konkurrenz für eine etablierte, sehr hoch dotierte Literaturauslesung zu sein.

Leute, da ist was, das ist gut und das wird immer größer und immer geiler.

Simon: Ja, auf jeden Fall. Und im Anschluss daran: Ich hatte bei dem Treffen auch das Gefühl, dass wir vielleicht so eine gute Lobbyisten-Schiene fahren und diese junge Literatur verbreiten und unterstützen, aber auch den Menschen mit den Geldern sagen: Leute, da ist was, das ist gut und das wird immer größer und immer geiler. So ungefähr.

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Jonis Hartmann, Quelle: privat

Jonis: Genau und das wir das auf eine Weise auch alleine können, also in dem WIR einfach auf die sogenannten Geldgeber zu gehen, als Verband, mit einer Art zusammengeschlossenen Gewerkschaft der Leseveranstalter. Außerdem muss die Literatur an sich gestärkt werden. Es gibt ja schon diese ganzen Literatur- und Poetry Festivals aber eben tatsächlich auch für einen regulären Betrieb, das wäre schön. Nicht nur als ein ständiger Ausnahmezustand à la „Im Sommer sind wir eine Woche auf dem Poetry Festival“. Denn es gibt für jedes Jahr und jeden Monat etwas, wo die Lunge der Literatur am Atmen ist. Und das können wir schaffen.

Welche Lesereihen könnt ihr besonders empfehlen?

Jonis: Viele. Die Klassiker wären für mich natürlich das Berliner Ding „Kabeljau und Dorsch“ und natürlich die Münchener Lesereihe „meine drei lyrischen ichs“. Die ist ja sozusagen die Mutterlesung, einfach auch mit dem Aspekt der Bildenden Kunst. Land in Sicht ist cool, ich finde aber auch „In Guter Nachbarschaft“ in Weimar/Erfurt toll. Frankfurt hat jetzt gerade „Salon Fluchtentier“ gestartet. Ich würde eigentlich alle empfehlen.

Simon: Und Hauser und Tiger“ in Moabit.

Was habt ihr in letzter Zeit an junger Gegenwartsliteratur gelesen, das Euch beeindruckt hat? Was könnt ihr weiter empfehlen?

Simon: Ich beiße mir gerade etwas die Zähne aus an Thomas Melle „Sickster“. Ein sehr lyrischer Band, unglaublich schöne, tiefsinnige Umschreibungen in jedem Satz. Ich habe den Band schon vor zwei Jahren geschenkt bekommen, kam aber neulich endlich mal dazu mein Bücherregal in „gelesen“ und „ungelesen“ zu unterteilen und da lag dieses Ding oben auf und ich dachte mir, bevor ich mich an die ungelesenen Reclam-Hefte mache, ackre ich mal den Melle durch.Ich habe gerade gestern den Band von Alke Stachler „Dünner Ort“ in der Edition Mosaik erschienen, ausgelesen. Der hat mir sehr imponiert. Ich habe nicht genügend Zeit, viel zu lesen, lese ab und an nur rein. Manche Sachen wollen das irgendwie nicht, da bleibst du dran. Bei Alke bin ich dran geblieben, fand ihr Debüt sehr beeindruckend.

Vielen Dank für das sehr nette Gespräch.

Nächste Termine:

fleet:poet am 9.6.2016

Hafenlesung am 16.6.2016

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Ann-Kathrin Canjé

Ann-Kathrin Canjé

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Ann-Kathrin Canjé