Kein Thesenroman – ein Gespräch mit Noémi Kiss

Die ungarische Autorin Noémi Kiss schreibt über Sozialismus, Feminismus, Mord und Liebe. Doch entfalten sich diese bei ihr nicht als isolierte Begriffe, sondern als politisch-gesellschaftliche Erlebnisse, die sich durch die Änderung von Zeit und Ort in immer neuen, jedoch aktuellen Formen verkörpern.

Im deutschsprachigen Raum gibt es ein starkes Interesse für die ungarische Literatur, zahlreiche literarische Werke sind auf Deutsch erreichbar. Was aber sehr auffallend ist, ist dass diese Werke meistens von männlichen Autoren stammen. Während in der ungarischen Literatur Autorinnen nicht mehr unterrepräsentiert sind, werden ihre Texte immer noch seltener übersetzt als die von männlichen Autoren. Im Gegenteil dazu wurden Ihre, für Erwachsene geschriebenen Bücher mit einer Ausnahme alle übersetzt. Was denken Sie, was ist der Grund dafür?

In der letzten Zeit ist das Interesse für die ungarische Literatur überhaupt nicht mehr so stark. In Deutschland, wenn du als Schriftsteller erwähnst, dass du aus Ungarn kommst, fallen jedem zwei Namen ein: der Name von Imre Kertész und Péter Esterházy. Sie kennt jeder. Sie gehören aber zu einer älteren Generation und beide leben leider nicht mehr. Die Präsenz der ungarischen Gegenwartsliteratur ist nicht mehr so hervorstechend wie sie vor 30 Jahren, nach der Wende war. Ich finde das Interesse der deutschen Seite durchschnittlich, der ungarischen Literatur wird nicht mehr und auch nicht weniger Aufmerksamkeit geschenkt als anderen Literaturen der ost-europäischen Region. Laut einigen Meinungen ist es so, weil die Lyrik in Ungarn stärker ist und es ist deutlich schwieriger sie zu übersetzen. Die Frage, warum Frauen weniger präsent sind, stelle ich mir auch öfters, weil das Thema für mich wichtig ist. Ich betone immer, dass ich eine Schriftstellerin bin, die über Frauenschicksale berichtet. Ich werde öfters eingeladen, jeden Monat habe ich Lesungen in Deutschland, Österreich oder in der Schweiz. Zum Glück stehen auch andere Autorinnen für die ungarische Literatur. Krisztina Tóth und Zsuzsa Rakovszky wurden genauso übersetzt und mit Kriszta Bódis hatte ich eine gemeinsame Lesung.

Ihre Texte lesend (und an erster Stelle denke ich hier an die Erzählungen des Buches „Was geschah, während wir schliefen“) fallen den Lesern Schriftsteller ein, die zur deutschen Literatur gehören, aber eine andere Herkunft haben. Während des Lesens musste ich öfter an die Prosa von Zafer Şenocak, Navid Kermani oder Terézia Mora denken. Wie kann es sein, dass die Werke einer in Ungarn lebenden ungarischen Schriftstellerin sich so einfach in die deutsche Literatur einordnen lassen?

Als ich die Erzählungen von „Was geschah, während wir schliefen“ schrieb, arbeitete ich an meiner Dissertation über Celan. Ich war Stipendiatin in Deutschland und habe die Erzählungen tagebuchmäßig für mich selbst notiert. Die waren teilweise Fiktion und teilweise Reiseberichte. Als eine Erzählung in einer Literaturzeitschrift erschien, bekam ich einen Anruf vom Magvető Verlag. Sie wollten, dass ich für sie schreibe, so stark fanden sie den Text. Der Magvető denkt international, ihre Autoren waren Kertész und auch Esterházy. Es gibt ungarische Autoren, die nur selten rezensiert werden, weil sie für die deutschen Leser zu ungarisch sind. Mein Buch aber fand großen Anklang und ich war ziemlich überrascht. Es war sehr spannend, als Debütantin so etwas zu erleben. In dem Buch geht es um kulturelle Grenzüberschreitungen, ein für mich schon immer sehr wichtiges Thema. Ich halte mich für eine europäische Schriftstellerin und arbeite daran, dass meine Texte es immer widerspiegeln. Schließlich habe ich vor drei Jahren beim Europa Verlag ein Reisebuch über Länder und Landschaften in Ost-Europa veröffentlicht. Orte, wo ich nie gelebt habe, sind sehr anziehend für mich. Wie auch, dass ich die Geschichte und die Erinnerung an diese oft immer noch sehr unbekannten Landschaft beschreiben kann.

Ja, das Buch „Schäbiges Schmuckkästchen“ wurde in Darmstadt ausgezeichnet. Welche Rolle hatte die Übersetzung für die deutsche Rezeption?

Ich bin sicher, dass sie eine große Rolle hatte. Jedoch hatte die deutsche Literatur einen großen Einfluss auf meine Schreibtechnik, da ich mich damals mit der deutschen Literatur beschäftigt habe. Ich mag die deutsche Literatur sehr, besonders die aus dem 20. Jahrhundert. Heute lese ich aber mehr Weltliteratur. Wenn ich mit meinen Übersetzerinnen arbeite, lese ich die Texte gründlich und sage immer Bescheid, wenn etwas, was ich für wichtig halte, zum Beispiel etwas humorvolles oder ironisches, nicht komplett durchkommt. Mit Ágnes Relle beispielweise, las ich die Texte Satz für Satz gemeinsam durch. Natürlich ist es von Vorteil, dass ich Deutsch spreche. Ich finde, dass beide meiner Übersetzerinnen sehr gut sind.

Ist Ihre Beziehung zur deutschen Sprache intimer als zu anderen Sprachen, in die Ihre Bücher übersetzt worden sind?

Ja, viel intimer. Als ich für die Freitext-Kolumne in der ZEIT schrieb, wurde mir gesagt, dass ich statt Ungarisch, direkt auf Deutsch schreiben sollte. Es war ein großartiges Erlebnis. Meine neue Erzählung über die Wendezeit 1989, die bald da erscheinen wird, wird aber von Éva Zádor übersetzt.

Dürre Engel” erschien 2018 auf Deutsch. In dem Roman geht es um eine Frau, die den täglichen Terror satt hat und ihren Mann tötet. Häusliche Gewalt ist ein unglaublich wichtiges Thema, aber was das Buch großartig macht, ist, dass es keineswegs zur Parabel wird. Lívias Persönlichkeit ist viel komplexer als die eines stereotypischen Opfers, wie einer vorbildhaften Frau, die von ihrem Mann bestraft wird.

Genau das hat der Lektor des Buches auch gesagt. Lívia ist eine schrecklich nervende Frau und genau das machte für mich das spannende Material, alles ist über Gut und Böse hinaus. Die Verhältnisse innerhalb einer Ehe sind kompliziert. Lívias Persönlichkeit wird durch ihren krampfhaften Kinderwunsch entstellt und ihre Ehe wird dadurch immer gröber. Ich wollte eigentlich über die Liebe schreiben, darüber, dass die Beziehung zwischen zwei Menschen nicht im Voraus entschieden ist. Es ist oft ein Zufall, wie es ausgeht. Häufig entstehen gewalttätige Beziehungen aus riesiger Liebe. Die Eifersucht und die Kinderlosigkeit sind ebenso übermächtige Gefühle. Es gibt feministische Lesarten, die dem Roman eine Rüge erteilt haben, weil er ein negatives Frauenbild vermitteln und die Opferrolle von Lívia nicht genug betonen würde. Ich finde, dass solche Erwartungen irreal sind. Das Tabu im Roman ist nicht der Mord, sondern das ganze emotionale Verhältnissystem, das dafür den Raum schafft. Heute gehe ich davon aus, dass so etwas in der ungarischen Literatur und Gesellschaft wenig toleriert wird, besonders wenn die Hauptfigur eine Frau ist. In Deutschland ist die Rezeption offener für solche Themen. Bei meiner Lesung in München hat der Schauspieler Helmut Becker die Texte selbst ausgewählt und sagte, dass er seit langem keinen so guten Roman gelesen hat.

Das Buch hat kaum negative Kritiken erhalten, eine Rezensentin aber beschwert sich und wirft dem Roman vor, dass er im Namen der weiblichen Selbstbefreiung Lívia den Mord verzeiht. Lívia wird von ihren Freundinnen, von ihrem Anwalt und von einer Polizistin unterstützt, was die Rezensentin zu viel und unwahrscheinlich findet. Jedoch, wenn wir in der Wirklichkeit eine Geschichte hören, wo eine Frau ihren Gewalttäter tötet und wir die Gedanken der Mörderin nicht so genau kennen, neigen wir dazu, die Täterin zu verstehen. Ich frage mich, ob eine Frau, die nach Jahren der Demütigung plötzlich Rache nimmt, es wirklich im Namen der kollektiven weiblichen Selbstbefreiung tut.

Lívia interessiert sich nicht für die weibliche Selbstbefreiung, nicht mal für ihre eigene Befreiung. In dem Roman geht es genau darum, wie allein sie ist. Sie sehnt sich nach einer Strafe, auch empfindet sie ihren Anwalt als Belastung. Die Geschichte ist übrigens nicht vom Himmel gefallen. Zur Darstellung der häuslichen Gewalt habe ich zahlreiches Material gesammelt und eine Freundin, die Anwältin ist, hat mir auch viel geholfen. Die Geständnisse dieser Frauen malen das Bild von komplett apathischen Menschen, es kommt keine Selbstbefreiung in Frage. Ihre gesellschaftlichen Ichs nehmen in diesen Prozessen nicht teil, ihre Tragödien sind immer persönliche Tragödien.

Halten Sie „Dürre Engel” für einen feministischen Roman?

Ja, warum nicht. Ich würde es mit Stolz sagen. Aber nicht für einen feministischen Thesenroman. Feminismus ist leider immer noch ein Schimpfwort in der ungarischen Literatur und wenn jemand als Feministin gestempelt wird, verschlechtert es ihren Ruf. Meine Romane waren schon immer spaltend, die früheren Bücher haben auch alle Arten von Kritiken bekommen. Mich hat die Kritik nie verwöhnt, obwohl sowas kommt manchmal auch vor.

Ja, aber dann ist es vielleicht nicht der literarischen Leistung der Autoren zu danken, sondern ihren Freunden.

Genau! Das Literaturleben ist nicht nur sehr verfilzt, sondern auch zum Teil patriarchalisch. Männer unterhalten sich unter sich und sagen, dass die Frauen miteinander zu solidarisch sind. Verlage mögen Autorinnen, ihre Bücher verkaufen sich gut, ihre Lesungen werden gut besucht. Die Kritik dagegen findet sie oft immer noch irrelevant. Ich hatte ein sehr bestimmtes Konzept zum Ton des Buches. Ich habe sehr lange überlegt, wie Lívia zu Wort kommen soll. Ich schrieb, schmiss es weg, schrieb wieder. Ich wollte eine intime Welt erschaffen. Auch mit der Übersetzerin Éva Zádor habe ich ganz viel darüber diskutiert, welcher Ton am besten zu den Charakteren passt.

Lívias Verhältnis zum Mord hat auch einen diskussionswürdigeren Aspekt, nämlich den Aspekt der Schuld. Hat Lívia einen gemeinen Charakter? Ist sie Egoistisch? Abgestumpft? Verrückt?

Alles. Sie hat eine sehr intensive Persönlichkeit. Sie ist sehr verliebt, spannt den Freund ihrer Freundin aus, sie ist eigensinnig, zielstrebig, widersprüchlich. Durch sie lässt sich die sozialistische Ära und die Zeit der Wende sehr gut zu erzählen. Diese Ära war eine zutiefst korrupte, verlogene Welt, die die Menschen zerbrochen hat. Für mich war das politische-gesellschaftliche Ich der Figuren sehr wichtig. Wo das System amoralisch ist, wird das Verhältnis zur Schuld auch amoralisch. In Ost-Europa ist es heute wieder dieses Dilemma: wie lange stellst du dich hinten an, wann fängst du an, das System zu kritisieren? Übrigens, bei der #metoo-Bewegung ging es genauso darum. Leider hat sie sich ins Gegenteil verkehrt, wenn eine Frau heute damit herausrückt, was mit ihr geschah, nimmt niemand sie ernst, weil die Medien das Recht auf Empörung den Frauen genommen und das Thema vulgarisiert haben.

Wir haben Öcsi, den Ehemann in „Dürre Engel“ schon erwähnt, ich würde gern ein bisschen über die Übersetzung sprechen. Obwohl den ungarischen Lesern der Name des legendären Fußballspielers Ferenc Puskás sofort einfällt, ist es eher unwahrscheinlich, dass die deutschen Leser wissen, dass der Name von Lívias Mann, der übrigens ebenso Sportler ist, ein abwertender und gewöhnlicher Spitzname ist. Auf Ungarisch erreicht der Name sein Ziel, während Öcsi Puskás der Fußballspieler der Nation geworden ist, Lívias Mann, dessen richtigen Namen wir nicht mal kennen, mittelmäßiger Sportler bleibt, der als Mensch scheitert. Ich bin mir sicher, dass Sie diesen Namen mit der Übersetzerin gründlich besprochen haben. Warum war die Übersetzung „Brüderchen“ kein richtiger Name für Öcsi?

Der Name ist ein alter Spitzname, der heutzutage nicht mehr benutzt wird, früher gab es aber in jeder Familie einen Öcsi, bei uns auch. Weil die deutschen Leser es nicht verstehen, habe ich Éva vorgeschlagen, den Namen zu übersetzen. Am Ende haben wir uns mit der Lektorin darüber geeinigt, dass der Name Öcsi bleibt. Schließlich wäre die Figur ständig Brüderchen zu nennen auch komisch. Für mich ist Lívias Name aber auch ein sprechender Name, denn er war sehr modisch im Sozialismus. Wenn ich zwei so starke Namen habe, kann ich schon schreiben.

Ich habe das Buch zuerst auf Deutsch gelesen und erst danach auf Ungarisch. So sind mir zahlreiche Sachen eingefallen, die die ungarischen Leser, die das Buch auf Ungarisch lesen, überhaupt nicht merken. Es gibt mehrere Textteile, wo ich das Gefühl hatte, dass sie den Ostalgie-Liebhabern sehr gefallen können. Und, dass der Name von Babanéni (Tante Baby) als Tante Baba übersetzt wurde, lässt die Leser das exotische Russland assoziieren. Stört es Sie nicht?

Ich habe mit diesem Kontextwechsel überhaupt nicht gerechnet, gefällt mir aber sehr. Wenn ich im Ausland lese, kommt der Topos von Baba Jaga und ihre Rolle in der slawischen Literatur immer wieder vor. Ich hatte keine Ahnung, dass es in der russischen Literatur bis heute so eine große Rolle spielt. Bei uns gab es auch eine Tante Baba in der Familie, es ist ein ähnlicher Name wie Öcsi. Es gab Zeiten, wo es in jeder Familie eine gab, die so genannt wurde. In dem Roman ist Tante Baba so eine typische weibliche Verwandte, die das junge Mädchen ermutigt und ihr sogar sexuelle Ratschläge gibt. Ich glaube, in der Wirklichkeit kommt es auch öfters vor, dass so eine sehr weibliche Figur das Leben von jüngeren Mädchen beeinflusst.

Also öffnet diese russische Hexensache, die ausschließlich durch die Übersetzung Teil des Buches wird, einen weiteren relevanten Zweig für die Interpretation, durch die sich das kulturelle und politische Erbe der Region verkörpert.

Ja, und ich freue mich über diese Lesart, weil ich ein enges Verhältnis zu den Literaturen der Region habe. Wenn ich an die sozialistische Ära denke, sind es nicht die historischen Ereignisse, die großen Geschehen und die Zensur, die mich interessieren, sondern – wie in dem Buch – das Leben einer Kleinstadtlehrerin. Für mich ist es genauso spannend und dramatisch darstellbar, wie die Samisdat-Tätigkeiten der Intellektuellen. Es ist genau 30 Jahren her, dass die Euphorie der Wende verblasste. Wir müssen über das dramatische Moment am damaligen Leben der Menschen nachdenken und enttarnen, warum die Euphorie weg ist. Welche Distanz gibt es heute zwischen der Politik, den Parteien, der EU und den Menschen? Ich interessiere mich zunächst für die weiblichen, menschlichen Schicksale. Warum sind die Generationen unsere Mütter, Großmütter nicht feministisch geworden? Was zählt als Emanzipation? Wie reproduziert sich die Elite und die patriarchalische Gesellschaft?

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Zita Balogh-Auer

Geboren in Budapest, studierte in Pécs, lebte in Istanbul, wohnt Zita gerade in Berlin. Sie arbeitet als Lingustin und Literaturübersetzerin und zu ihrer größten Überraschung macht sie ihren zweiten Master - diesmal an der FU.
Zita Balogh-Auer

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