Liebesgrüße aus Sofia

Garth Greenwell erzählt in seinem Debütroman Was zu dir gehört eine Liebesgeschichte zwischen zwei ungleichen Männern in Bulgarien. Vor dem Hintergrund eines Lands voller Tristesse schildert er in poetischer Prosa den Abgrund, der sich zwischen dem unbedingten Begehren und der Scham auftut.

© Henry Riechers
© Henry Riechers

In Sofia sind die Straßen aus brüchigem Beton. Sie werden gesäumt von Plattenbauten und anderen kaputten Bausünden, die der Kommunismus der bulgarischen Hauptstadt vermacht hat. Garth Greenwells Debütroman Was zu dir gehört präsentiert uns eine graue, trostlose arme Stadt.

Die Wintertage sind bitterkalt, während die Sommerhitze kaum zu ertragen ist. An solch einem drückend heißen Tag setzt die Romanhandlung ein, mit der ersten Begegnung zweier Männer. Doch während die Hitze der Stadt den Atem nimmt, ist an dem Ort ihres Aufeinandertreffens davon nicht viel zu spüren. Er liegt im Verborgenen, abseits der öffentlichen Blicke. Die Toiletten des Nationalen Kulturpalasts sind ein Treffpunkt für schwulen Sex gegen Bezahlung. Einer der beiden Männer sucht, der andere bietet. Ihre Begegnung an diesem Ort körperlichen Verlangens ist die Keimzelle all der Konflikte, die noch folgen werden.

Schwuler Sex, emotionales Ausgeliefertsein, Gefühlschaos, das Hadern mit der eigenen Person und der Gesellschaft – hatten wir das nicht alles schon zur Genüge? Ist das Sujet nicht schon vielfach bearbeitet worden, mal besser, mal schlechter? Dass sich einem beim Lesen solche Gedanken gerade nicht aufdrängen, spricht dafür, dass Greenwell in seinem Roman etwas anders macht.

Jedes Wort scheint mit Bedacht gewählt zu sein

Schon die ersten Sätze stimmen den literarischen Ton an, der den ganzen Roman durchzieht.

Aber solche Warnungen gehören an Orten wie den Toiletten des Nationalen Kulturpalasts, wo wir aufeinandertrafen, zur Luft, die man atmet, sie sind allgegenwärtig und so unentrinnbar, dass sie zum Teil all jener werden, die diese Orte aufsuchen, und zur wesentlichen Komponente des Begehrens, das sie dorthin führt.

Mit elegant verknüpften Satzketten schmückt Greenwells Ich-Erzähler seine Gedanken aus. Oft schildert er komplexe Gefühlslagen. Dabei entsteht ein interessanter Mix. Seine Sprache scheut große Worte, Bilder und Pathos nicht und klingt trotzdem zaghaft und melancholisch. Jedes Wort scheint mit Bedacht gewählt zu sein, um den Gefühlen ihren angemessenen Ausdruck zu geben.

Der Journalist und Essayist Daniel Schreiber hat Was zu dir gehört ins Deutsche übertragen. Er hat eine angemessene Sprache gefunden die starken Formulierungen homosexueller Gefühle, die im Vagen bleiben und trotzdem nicht beliebig erscheinen. Greenwell balanciert sprachlich auf einem Drahtseil und gerät nicht ins Wanken, genauso die Übersetzung.

Sofia, Bulgarien ©Georgi Kalaydzhiev
Sofia, Bulgarien ©Georgi Kalaydzhiev

Der Erzähler, ein Amerikaner, lehrt am amerikanischen College in Sofia Literatur. Er ist derjenige, der sucht. Später ahnt man, dass sein Aufenthalt in Bulgarien auch eine Flucht vor seiner Heimat, seiner Vergangenheit und sich selbst sein könnte. Seinen Namen erfahren wir nicht, was die Lesart zulässt, dass es sich bei ihm um ein Alter Ego des Autors handelt. Greenwell lebte selbst eine Zeitlang in Sofia, ebenfalls als Dozent. Dort verhalf er mit seinen Publikationen der LGBTIQ-Szene Bulgariens zu einer vorher nicht dagewesenen Aufmerksamkeit. 2011 veröffentlichte er in Amerika die Novelle Mitko über einen jungen bulgarischen Mann, der seinen Körper verkaufen muss, um zu überleben. Aus der Novelle wurde das erste der drei Kapitel von Was zu dir gehört.

Kein Verlangen ohne Enttäuschung

Ihre Begegnung ist der Anfang einer Obsession. Mitko ist die einzige Figur des Romans, die der Erzähler beim Namen nennt. Bei den anderen beschränkt er sich durchweg auf den Anfangsbuchstaben, was sie weniger wichtig erscheinen lässt. Mitko steht exklusiv im Zentrum seiner Gedanken und Gefühle.

Mite, sagte ich, mein Kosename für ihn, eine Kurzform wie für ein Kind, der Name der Nähe, der größtmöglichen, die ich zu ihm haben konnte, Mite […]

Die Geschichte der beiden Männer wird uns im Rückblick erzählt. Der so geschaffene Zeitabstand zwischen Erzählen und Erzähltem führt dazu, dass ein Schatten der späteren Enttäuschung und Verletztheit auch über den euphorischen Momenten von Zärtlichkeit und Begehren liegt. Kein Verlangen ohne seine Enttäuschung, das eine kommt in dieser Geschichte nicht ohne seinen Gegenpart aus. Von Beginn an ahnen wir, etwas Schlimmes muss sich zwischen den beiden Männern zugetragen haben.

Mit dieser Vorahnung erfahren wir, wie die beiden Männer sich bald häufiger treffen, ungeachtet der rationalen Vorbehalte des Erzählers. Er lädt Mitko zu sich nach Hause ein, gibt ihm Geld für Zigaretten, bereitet ihm Geschenke und verspürt das Bedürfnis, sich um ihn zu kümmern. Dabei trifft sich Mitko weiterhin mit anderen Männern, die er prijatelji, „seine Freunde“ nennt, was den Erzähler eifersüchtig macht. Außerdem ist Mitko ständig betrunken, zwischen ihren Treffen schwierig zu erreichen und überhaupt rätselhaft. Es ist nicht klar, wie Mitko sich durchs Leben kämpft. Trotz seiner Bemühungen schafft es der Erzähler nicht, den Abstand zwischen ihnen zu überwinden. Regelmäßig kippen seine Gefühle vom bedingungslosen Begehren in den Zweifel. Dann denkt er, Mitko nur halten zu können, solange er ihn bezahlt. Wie echt kann Zuneigung unter diesen Umständen überhaupt sein? Es ist eine Stärke des Romans, dass diese Frage nicht geklärt wird. Man bleibt in dem Gedankenstrudel des Erzählers gefangen.

Einmal reisen die beiden in Mitkos Heimatort an die Küste, wo der Erzähler hofft, ihn endlich für sich allein zu haben. Dort ist es zwar schöner als in Sofia, trotzdem entlädt sich die Spannung zwischen den beiden. Es kommt zu dem heftigen Streit, der sich die ganze Zeit über angebahnt hat.

Die Vergangenheit als emotionale Triebfeder

Das Buchcover © Hanser Berlin 2018
Das Buchcover © Hanser Berlin 2018

Der Schauplatz Bulgariens veranschaulicht, wie unvereinbar die Lebenssituationen der beiden Männer sind: Der Erzähler darf als ausländischer College-Dozent die liberalen Werte und Freiheiten ausleben. Er ist ein intellektueller, gut situierter Mann. Auch vor seinen Studenten muss er seine Homosexualität nicht verbergen. Er hat nichts zu befürchten, dafür leidet er an seiner Einsamkeit. Mitko dagegen wird in seiner Heimat keine Zukunftsperspektive geboten. Um sich über Wasser zu halten, muss er seinen Stolz über Bord werfen und seinen Körper verkaufen. Er lebt von seinem Charisma und Witz, mit dem er zahlende Männer anzieht. Zu Mitko gehört auch die Akribie, mit der er sein Aussehen und seine Kleidung pflegt, oder die beinahe ehrfürchtige Faszination, die der Laptop, iPod und das Smartphone des Erzählers auf ihn ausüben:

Dinge, die in Amerika für eine komfortable Lebenssituation, jedoch nicht für Reichtum standen, die hier aber als beträchtlicher Luxus galten.

Auf den Streit zwischen den beiden folgt eine Erinnerungssequenz. Den Erzähler erreicht die Nachricht über die schwere Krankheit seines Vaters, woraufhin er an die ersten Regungen seiner Homosexualität in der Jugend zurückdenkt. Erneut durchlebt er die herben Enttäuschungen, die er ihretwegen erfahren musste.  Ihre Mechanik erklärt die ambivalenten Gefühle des Erzählers gegenüber Mitko. Das Leben hat ihm gezeigt, dass homosexuelle Gefühle zu gesellschaftlicher Ausgrenzung führen. Seine emotionale Zerrissenheit wird so greifbarer. Als Mitko einige Zeit später wieder auftaucht und den Erzähler mit einer schicksalsschweren Neuigkeit konfrontiert, sind die alten Gefühle schnell wieder da. Trotz allem, was er seinetwegen durchlitten hat, kann er Mitko nicht loslassen.

Und sein Lächeln war nun so offenherzig, wie ich es in Erinnerung hatte. Es war eine freundliche, eine unromantische Geste, welche die Intimität des Kusses nicht abwertete, aber eine andere Tonart anschlug.

Ein Rest bleibt immer im Vagen

Letztlich ist es Greenwells Sprache, die Was zu dir gehört so faszinierend

macht. Greenwell ist bis dato vor allem als Lyriker in Erscheinung getreten und das merkt man seinem Roman an. Die Beschreibungen von Gefühlen und Wahrnehmungen sind detailliert, präzise und poetisch. Oft sind sie uneindeutig, komplex. Ein kleiner Rest muss so immer im Vagen bleiben, unverstanden von Erzähler und Leser gleichermaßen. Als der Erzähler zum ersten Mal Mitkos prijatelj C. begegnet, beschreibt er ihn folgendermaßen:

 C. hatte einen mühelosen, schmeichlerischen Charme, und dennoch waren ihm die Wünsche und Bedürfnisse anderer vollkommen gleichgültig, sodass er sich immer zurückzuziehen schien, wobei er gleichzeitig zur Verfolgung einlud.

Kein Wort über sein Gesicht, seine Haarfarbe, Statur oder ein anderes sichtbares Merkmal. Der Erzähler beschreibt C. über dessen Charme. Für ihn sticht C. durch seine sexuell aufgeladene Ausstrahlung auf andere Männer hervor. Der Charme eines Menschen ist per se unsichtbar, wie die Gefühle in dem Roman wird er vielschichtig und scheinbar widersprüchlich beschrieben. Dennoch gelingt es Greenwell, dass wir C. hier klar vor uns sehen. Mit wenigen, uneindeutigen Worten gewinnen wir einen überzeugenden Eindruck von seinem Charakter.

von Henry Riechers

 

Diese Rezension ist im Sommersemester 2018 im Rahmen des Seminar „Schreibende Leser“ bei Sieglinde Geisel im Masterstudiengang Angewandte Literaturwissenschaft an der FU Berlin entstanden.

 

*Garth Greenwell wurde 1978 in Louisville, Kentucky geboren. Er hat unter anderem an der Harvard University und am Iowa Writers’ Workshop studiert. Was zu dir gehört ist sein erster Roman. Er lebt in Iowa City.

 

Garth Greenwell: Was zu dir gehört. 
Aus dem Amerikanischen von Daniel Schreiber. 
Hanser Berlin, 2018.
240 Seiten, 22 Euro.

 

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