Nox: junge Literatur. Ausgabe 5.

Zum fünften Mal erscheint die von Dominik Ritter herausgegebene Literaturzeitschrift, nun unter dem Titel Nox: junge Literatur. Vom alten Titel „Der Frontliterat“ verabschiedete man sich, um, wie der Herausgeber im Vorwort schreibt, die Konnotation des Wortes Front niederzulegen. Welche Texte und Themen die fünfte Ausgabe zusammengetragen hat, stellt Euch dieser Beitrag vor.

Elf sehr verschiedene Autor*innen und damit einhergehende, sehr abwechslungsreiche Texte präsentiert Nox: junge Literatur. Von seltsamen Nachbarn über besondere Beziehungsgeflechte, Fremdsein, der Frage nach dem eigenen Ich bis hin zum Sujet schwerer Krankheit: Facettenreich und klug erzählen die Autor*innen in Lyrik und Kurzprosa Geschichten, die oft aus dem Leben gegriffen scheinen. Auch eine Erzählung vom kurzen Dasein als Clown überzeugt vom Charme dieser Literaturzeitung, die mit viel Herzblut und Ambition gestaltet ist und wie viele andere dieser Formate dafür sorgt, dass bisher noch ungelesenen Autor*innen eine Plattform geboten wird.

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©Yannik Schießwohl

Die Lektüre zeigt schnell: Das lohnt sich. Etwa die sehr dunklen, poetischen Gedichte von Autorin Nefeli Kavouras, in die die Leser*innen eintauchen kann und welche durch Sprache und prägnante Bilder berühren, belegen das. Von einer ganz besonderen Beziehung erzählt Kavouras in „elektrizität in verknoteten haaren“.

mit ruhe entkleidest du mir das wortgewand

ich verliere sprache bei dir

Von Verlust, der Konfrontation mit dem Tod und dem Umgang mit jenem Thema erzählt „auf der zittrigen seinen“.

habe keine gräber die es zu besuchen lohnt

nachts träume ich nicht vom

verwelken des alten wenn

sich tags der tod auf meinen nacken legt

Nefeli Kavouras’ Gedichte zeugen von großem poetischen Talent und verbinden persönliche, intime Themen sowie Gedankenstränge mit sehr körperlichen Eigenschaften und Beobachtungen.

Betrachtungen, besondere Momente und Einblicke in verschiedene Gedankenwelten lassen sich in den Gedichten des Herausgebers Dominik Ritter erkunden. Beim Lesen stolpert man über Birken_blätter, die immer wieder in Erscheinung treten, Spiegeleier und den Dichter Fernando Pessoa, dem einige Verse gewidmet sind.

Jonis Hartmanns Erzählung „Der Großvater Knast“ lässt nur durch seine Knappheit zu Wünschen übrig, denn man will mehr von dem eigenartigen Protagonisten Piet lesen, der ein Comic-Archiv in einem Weltkriegsbunker besitzt. Nach einem verhinderten Zusammenstoß mit zwei Großvätern überlegt Piet sich, das „Großvater-Training“ zu beginnen. Was genau das sein soll und wie es ausgeht, sei an dieser Stelle nicht verraten.

Nach der Kurzgeschichte „Julia pfeift“ von Hartmut Pospiech bleibt einem nicht nur wegen des Titels ein Pfeifen im Kopf. Von der plötzlichen Veränderung innerhalb einer Beziehung, vom Scheitern einer Liebe, das sich durch ein simples Pfeifen bemerkbar macht, handelt diese Geschichte. Wenn in das gewohnte Konstrukt plötzlich etwas Ungewohntes eintritt, in welche Fallen ein jeder in einer Partnerschaft dann tappt, wird hier besonders anschaulich herausgearbeitet. Pospiechs Text entstand nach dem Bild „Gegenüberstellungen 2“ von Gerhard Richter aus dem Jahr 1988 und scheint genauso filigran wie viele von Richters Werken.

Ein besonderes Hochlicht der Ausgabe ist darüber hinaus die spanische Lyrik von Tómas Cohen, die Monika Rinck gemeinsam mit dem Autor übersetzt hat. Auf schwarz-glänzendem und weißem Papier treten seine Zeilen ästhetisch hervor und überzeugen vor allem durch sprachliche Intensität und durch das Knistern, das sie beim Lesen der spanischen und deutschen Verse entstehen lassen.

voy a felicitar cualquier noticia verde

y agitada, esperezándose

aunque esta primavera se llueva y hiele

Jedes grüne Gähnen, jede Neuigkeit

werde ich von Erwartung gedehnt begrüßen,

selbst wenn dieser Frühling zu kühl ist für die Jahreszeit

Einen dramaturgisch passend gewählten Abschluss dieser Nox-Ausgabe ist der Text „Spinnen“ von Maria Victoria. Er erzählt von einer Figur, die schizophren scheint und offensichtlich seit langer Zeit mit Magersucht zu kämpfen hat. In ihr vereinen sich gleich drei Personen. Der Text wird durch die Du-Anrede besonders persönlich, geht unter die Haut und verwirrt beim Lesen. Er erzeugt dasselbe Chaos, das scheinbar auch die Protagonistin durchlebt und ist nie vorhersehbar.

„Ich kann dich retten“, sagte sie, wenn sie sich im Bett an deinen Rücken schmiegte, nicht „Nur“, nicht „Wer sonst“, nur das. Und du glaubtest ihr. Wem sonst solltest du glauben.

Das zweite Ich wird hier zur Spinne geformt und spinnt die Figur über verschiedenste Lebensphasen immer mehr in ihr Netz ein. Zieht sie zu sich. Lässt sie nie alleine. Ein lesenswerter Abschluss.

Und das waren gerade mal sechs der elf Autor*innen. Wer jetzt Lust bekommen hat, die Texte selbst zu lesen, kann sich die letzte Ausgabe von Der Frontliterat und die neuen Ausgaben unter www.nox-literatur.de für 7.50 € zzgl. Porto bestellen.

Ausgabe 5 versammelt Texte von Clara Henssen, Dominik Ritter, Wolfgang Denkel, Jonis Hartmann, Tomás Cohen, Monika Rinck, Nefeli Kavouras, Hartmut Pospiech, Simon Betghe, Linda Schyma und Maria Victoria. Bitte vormerken: Die nächste Ausgabe von Nox erscheint im Juni!

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Ann-Kathrin Canjé

Ann-Kathrin Canjé

Litaffin. Musikaffin. Theateraffin. Tanzaffin. Medienaffin. Schreibaffin. Fernwehaffin. Zitataffin.
"Ich habe manchmal Heimweh, ich weiß nur nicht, wonach" -Mascha Kaléko
Ann-Kathrin Canjé

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