Eine Rezension von Alina Möller

„Männer töten Frauen, weil sie es wollen und weil sie es können.“ Mit diesen Worten beschreibt Jasmin Schreiber den Mord an Emma in ihrem neuen Roman Da wo ich dich sehen kann. Es ist ein Femizid – die vorsätzliche Tötung einer Frau, einzig und allein, weil sie eine Frau ist. Schreiber macht damit bereits zu Beginn klar: Es geht um Gewalt, die systematisch, brutal und allgegenwärtig ist – und deren Auswirkungen weit über das Opfer hinausreichen.
Jasmin Schreiber, geboren 1988 in Frankfurt am Main, studierte Biologie und arbeitete bis 2020 vorrangig in der Forschung und im Wissenschaftsjournalismus. Ihr Debütroman Marianengraben wurde 2020 schnell zu einem Bestseller und später erfolgreich verfilmt. Seitdem sind drei weitere Romane im Eichborn Verlag sowie einige wissenschaftliche Beiträge in weiteren Verlagen und Magazinen erschienen. Ihre Werke sind besonders von biologischen, aber auch von wiederkehrenden persönlichen Themen wie Verlust, Trauer und mentaler Gesundheit geprägt. Vor diesem Hintergrund entsteht auch ihr neustes Werk, das sich einem besonders schweren, aber wichtigen Thema widmet.
Da, wo ich dich sehen kann, erschienen am 31. Oktober 2025, endet nicht mit dem Femizid – er beginnt vielmehr damit. Im Zentrum der Handlung steht zunächst die neunjährige Maja, die in einer zerrütteten Familie lebt: einem gewalttätigen Vater, eine unterdrückte Mutter, viele Dinge, die ihr keiner erklärt. Als ihr Vater ihre Mutter Emma tötet, bricht für Maja und ihre Familie die Welt zusammen. Zwischen Bürokratie, Sorgerecht und Trauer hält sie sich nur an einem fest: den Wundern des Universums, die ihr ihre Patentante Liv näherbringt.
Darüber hinaus weitet Jasmin Schreiber den Blick über Majas Perspektive hinaus und zeigt, wie der Verlust in die ganze Familie hineinwirkt. Auf 432 Seiten begleitet man Emma, ihre Tochter Maja, ihre beste Freundin Liv und ihre Eltern Brigitte und Per. Die Geschichte springt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, ergänzt durch schwarze Seiten, auf denen sich die Figuren vorstellen, wie Emmas Tod hätte verhindert werden können. Diese Multiperspektivität verstärkt die emotionale Wucht der Geschichte.
Gleichzeitig leistet der Roman einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte über Femizide. Er macht das Thema nicht nur sichtbar, sondern verleiht vor allem den Betroffenen eine Stimme – der Täter bleibt den ganzen Roman über stumm. Damit rückt sie die Perspektiven derjenigen in den Mittelpunkt, die zurückbleiben und deren Stimmen in der Realität viel zu oft überhört werden.
Besonders eindrücklich ist der Moment, in dem Emmas Mutter Brigitte erkennt, dass der Tod ihrer Tochter kein tragischer Einzelfall, sondern Teil eines strukturellen Musters ist. Ein Gänsehautmoment, der zeigt, wie tief diese Gewaltformen in unserer Gesellschaft verankert sind – und wie schmerzhaft diese Erkenntnis für Angehörige ist.
Es ist ja nicht so, dass die geschlagenen und ermordeten Frauen selbst schuld sind. Dass die sich aus Blödheit den falschen Mann ausgesucht haben, nein. (…) Es sind ja meistens auch die Männer, von denen man sagt, dass man es ihnen gar nicht zugetraut hätte. Brigitte würde so etwas nicht mehr sagen. Sie traut Männern mittlerweile alles zu.
Gerade durch solche Momente schafft der Roman eine enorme Empathie für Betroffene. Man erfährt intime Gedanken, Zweifel, Ängste und begreift, wie allgegenwärtig und real geschlechtsspezifische Gewalt ist. Beim Lesen bleibt besonders eindrücklich hängen, dass Femizide kein seltenes Phänomen sind, weder in Deutschland noch weltweit – sondern vielmehr erschreckend häufig vorkommen.
Jasmin Schreiber schreibt authentisch, empathisch, klar und schafft es überzeugend die Leser:innen auf diese Reise voller Trauer und Schmerz mitzunehmen. Sie lässt sie nah an Emma und ihre Familie heran und erklärt nachvollziehbar, warum sich Betroffene oft nicht aus gewaltvollen Beziehungen lösen können. Auch die Gedanken von Emmas Eltern und ihrer Tochter werden nachvollziehbar beschrieben, sodass man sich als Leser:in als Teil der Geschichte fühlt.
Trotz der Härte des Themas findet der Roman leichte und hoffnungsvolle Momente – ohne etwas zu verharmlosen. Besonders deutlich wird diese Balance aus Schmerz und Zuversicht in der Entwicklung der Beziehung zwischen Liv, Emmas bester Freundin und Maja. Liv ist die einzige, die es schafft nach dem Verlust zu Maja durchzudringen und im Laufe der Geschichte entwickelt sich eine enge Beziehung zwischen den beiden. Auch die Verbindung zwischen Maja und ihren Großeltern wird im Laufe des Romans stärker. Man fühlt, weint und lacht einfach mit der Familie mit.
Nach der Lektüre bleibt man vor allem mit der Erkenntnis zurück, wie dramatisch die tatsächliche Situation ist. So dramatisch, dass die Zahlen der Statistiken, die Jasmin Schreiber in ihrem Roman verwendet, bereits fünf Monaten nach dem Erscheinungstermin des Romans veraltet sind. Wurde 2024 jeden vierten Tag eine Frau durch ihren Partner getötet, so ist es 2025 sogar jeden zweiten Tag. Diese Gewalt ist kein Randphänomen, sondern ein globales und gesellschaftlich tief verankertes Problem. Der Roman macht das schmerzhaft klar.
Der Roman ist für alle Leser:innen geeignet – und vielleicht gerade für diejenigen, die glauben, das Thema sei übertrieben oder medial aufgebauscht. Die Geschichte zeigt eindrücklich, wie strukturell verankert geschlechtsspezifische Gewalt ist. Literatur wie diese macht sichtbar, was Statistiken nicht zeigen können.
Was diesen Roman besonders macht, ist die Kombination aus schonungsloser Genauigkeit und tiefem Mitgefühl. Jasmin Schreiber zeigt nicht nur, wie ein Leben ausgelöscht wird, sondern wie die, die bleiben, weiterleben müssen – und lernen, wieder zu hoffen. Da, wo ich dich sehen kann ist kein leichtes Buch, aber ein notwendiges. Es macht wütend, traurig und manchmal sogar dankbar. Vor allem aber lässt es einen nicht los. Eine klare Leseempfehlung für alle, die sich mit Verlust, struktureller Gewalt und familiären Bindungen befassen möchten. Und ein wichtiger Roman, den jede:r lesen sollte, der:die die Realität von Gewalt gegen Frauen besser verstehen will.
Jasmin Schreiber: Da, wo ich dich sehen kann. Eichborn 2025, 432 Seiten.

Schreibe einen Kommentar