Piff Paff unter Platanen

Das Schaubühnen-Ensemble klettert unter Anleitung von Thomas Ostermeier und bewaffnet mit Tschechows „Die Möwe“ von Ast zu Ast – bis in die obersten Wipfel.

Eine Rezension von Londa Valja Rathgeb

© Londa Valja Rathgeb

Ein Familiendrama unter den blühenden Ästen einer Platane: Ostermeier inszeniert Tschechows „Möwe“ an der Schaubühne und verhandelt die großen Fragen der Kunst und der Liebe, mal auf ernsthafte, mal auf ironische Weise. Aber immer eingebettet in das frühlingshafte Vogelgezwitscher, das durch das weitläufige Blätterdach tönt (des lebensgroßen Baumes von Bühnenbildner Jan Pappelbaum) und umringt von dem in Rondellform sitzenden Publikum.

Die Figuren, die die meiste Zeit den Originaltext von Tschechow sprechen, leiden fast ausnahmslos an dem, was sie nicht sein können. Die berühmte Schauspielerin, der Avantgarde-Schriftsteller, die ewig Junggebliebene, der Zwangsbefreite und so weiter. Diese inneren Kämpfe sorgen für ständige Zerwürfnisse (zwischen fast allen), da hilft dann auch kein romantisches Blätterrauschen und kein Vogelgesang mehr (Musik: Nils Ostendorf). Der eifersüchtige Konstantin (gespielt von Laurenz Laufenburg), der um die Anerkennung seiner Ikonen-Mutter (grandiose Stephanie Eidt) kämpft, sich aber von ihrem Mann, dem etablierten Schriftsteller Trigorin (Joachim Meyerhoff), in den Schatten gestellt fühlt, verliert darüber beinahe (und dann wieder nicht und dann wieder doch) den Verstand. Trotz mahnendem Zeigerfinger der Frau Maman: Nicht schon wieder Piff Paff machen, wenn ich weg bin! 

Diese Maman, die in ihrer kaltherzigen Grausamkeit auch bewundernswert ist und, neben der naiven Nina (Alina Vimbai Strähler) oder leidenden Mascha (Pia Amofa-Antwi), als endlich mal selbstbewusste Frauenfigur auftritt, trifft das Schicksal der Fehlbarkeit ebenso gnadenlos: Sie altert und das auch noch unaufhaltsam. Meyerhoff, der mit Perücke und Badehose den großen, etwas idiotischen, Schriftsteller Trigorin (mit natürlich Bravour) spielt, will am Ende, und wie so oft, eine jüngere Geliebte. Eine, die ihn mit großen Augen anstrahlt und ihm ihr Leben geben würde, jederzeit. Dass diese verwirrten jungen Frauen dadurch wie Möwen vom Himmel geschossen werden, scheint ihn nicht weiter zu bekümmern. Am Ende, also nach den zwei Jahren, die zwischen dem dritten und vierten Akt verstreichen, bleiben die Stars zusammen und die jungen ehrgeizigen Aufsteiger-Künstler schaffen es eben nicht so ganz. Da bleibt dann doch nur noch Piff Paff. Die Vögel haben sowieso aufgehört zu zwitschern und regnen tut es auch noch. 

Dabei changiert diese gesamte Tragik aller einzelnen Figuren – man könnte sehr viel Zeit damit verbringen, die jeweiligen Psychogramme zu deuten – mit einer durch das Stück gezogenen Ironie. Wer sich, dort unter dem Baum, überhaupt noch so ganz ernst nimmt, scheint nicht eindeutig. Meyerhoff mit seinem: „Das ja toll“ und Zettelwahn (immer neues Sujet, immer neuer Schreibzwang), Eidt mit Platin-Perücke (Kostüm: Nele Balkhausen) und Hamlet-Zitaten, oder Pinkelpausen am Baum, während auf der Rückseite des dicken Stammes die Schrotflinte geladen wird. 

Das Spiel: Sie liebt mich, sie liebt mich nicht, dass Konstantin an einem heruntergefallen Ast abzählt (es geht nicht um seine Freundin, sondern, was sagt man dazu, um seine Mutter) – hat immer noch eine Metaebene mehr zu bieten: Sie liebt mich nicht, Konstantin lässt die Hand sinken, aber na na Kleiner: Der Ast zählt doch auch! 

Obwohl ganze Leben in diesen zweieinhalb Stunden zerstört werden, scheint die Komik des: Es kann mal so kommen oder eben auch mal so, nicht verloren zu gehen. Zwischen Heulerei und Kniefällen bleibt immer Platz für die Frage, die sich fast alle Schauspieler:innen an diesem Abend einmal auf der Bühne gestellt haben: Was willst du eigentlich von mir? – Ja was? Soll ich dich berühmt machen? Soll ich dich lieben wie kein anderer? Dass diese Ansprüche der ganz neuen radikalen Kunst, wie Konstantin sie sich vorstellt, also mit Strumpfmasken und Feuer-Händen etwas daneben sind, versteht ja wohl jeder. Dass die Kehrseite des knallharten Realismus gescheitertes Liebesglück, nur halbtalentierter Autor etc. bedeutet, überrascht auch nicht. Der schauspielerische Balanceakt dieser tänzelnden Figuren (Mama ich liebe dich, Mama ich hasse dich) scheint jedenfalls die wahre Kunst des Abends zu sein, um wenigstens eine der großen Tschechow-Fragen zu beantworten. 

Die Möwe

von Anton Tschechow
In einer Fassung des Ensembles unter Verwendung der Übersetzung von Ulrike Zemme.
Regie: Thomas Ostermeier, Bühne: Thomas Ostermeier, Jan Pappelbaum, Mitarbeit Bühne: Ulla Willis, Kostüme: Nele Balkenhausen, Musik: Nils Ostendorf, Dramaturgie: Maja Zade, Licht: Erich Schneider.

Mit: Stephanie Eidt, Laurenz Laufenberg, Thomas Bading, Alina Vimbai Strähler, David Ruland, İlknur Bahadır, Hêvîn Tekin, Joachim Meyerhoff, Axel Wandtke, Renato Schuch.

Premiere am 7. März 2023 

Dauer: 2 Stunden 35 Minuten (keine Pause)

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