Das Buch, das seine Leser:innen beendet

Von der Süddeutschen ein „Anti-Bildungsroman“ genannt, von The Atlantic „The Great Gay Novel”. Der Ruf eilt „Ein wenig Leben“ voraus; vor allem Lobgesänge werden gepriesen. Dabei ist es vor allem ein Roman, der das Durchhaltevermögen seiner Leser:innen auf die Probe stellt. Wie problematisch er an vielen Stellen ist, wird oft unterschlagen.

(C) Nina Milivojevic

Hanya Yanagihara, gebürtige US-Amerikanerin japanischer und südkoreanischer Abstammung, ist auf Hawaii aufgewachsen. Sie schrieb und redigierte lange für das Magazin Condé Nast Traveler, bevor sie stellvertretende Herausgeberin des T: The New York Times Style Magazine wurde. Schon ihr Erstling, „Das Volk der Bäume“, behandelt Themen des sexuellen Missbrauchs und der Pädophilie. Doch erst mit der Erscheinung von „Ein wenig Leben“ wird klar, dass Yanagihara offensichtlich ein Lieblingsthema hat, das sich auch durch ihre kommenden Werke zieht. (Letztes Jahr ist ihr dritter Roman „Zum Paradies“ erschienen, in dem sie ihren Charakteren ebenfalls viel Leid ohne guten Grund hinzufügt.)

Orgasmic Man

Allein die Umschlaggestaltung lässt einen munkeln, was wohl kommen mag. Die Vorderseite des Buches ziert eine Fotografie von Peter Hujar aus den 1960er Jahren; der sogenannte „Orgasmic Man“. Man kann sich nicht sicher sein, ob er das Gesicht vor Ekstase oder Leid verzieht. Obwohl das Cover genau das verkörpert, was die Leser:innen erwartet, so verharmlost der Klappentext den Inhalt völlig. Es gibt keinerlei Vorbereitung auf den buchstäblichen Horror, den Jude, der Protagonist, erlebt. Es hätten sämtliche Triggerwarnungen für diesen Roman ausgesprochen werden müssen. Vorwarnungen auf körperliche, seelische und sexualisierte Gewalt, auf Selbstverletzung, Vergewaltigung und Kindesmisshandlung – um einige zu nennen. Es ist immer noch unüblich von Verlagen, Triggerwarnungen vorzulegen. Man darf sich höchstens auf vage Andeutungen einstellen. Die Norm ist sogar, absolut jegliche Trigger zu verschweigen. „Ein wenig Leben“ ist aber ein Roman, bei dem man vor gut sieben Jahren hätte damit anfangen sollen, einen neuen Brauch ins Leben zu rufen und Trigger immer auszusprechen. Dem Beispiel dieses Kolosses wären bestimmt viele Verlage gefolgt.

Schmerz, lass nach

Wie man unschwer erkennen kann, gönnt Yanagihara ihrem Protagonisten keine Pause. Jon Michaud schreibt in seiner Rezension in The Atlantic, dass sich Yanagiharas Darstellung von Judes Missbrauch nie übertrieben oder effekthaschend angefühlt hat. Es musste geschehen; es sei schließlich die Grundlage für seinen Charakter. Soweit folge ich Michaud noch, sein Argument klingt plausibel. Allerdings hat die schiere Ansammlung von Gewalttaten, die Jude widerfahren, seine Geschichte ein Stück weit unrealistisch gemacht. Wie viel Leid kann einem Menschen zugefügt werden? Ja, ist Yanagiharas Antwort. Es reicht nicht, dass Jude im Kloster als Waise landet und dort missbraucht wird. Nein. Es reicht nicht, dass er gemeinsam mit einem Mönch vor diesem Leid flieht, nur um dann von ihm zur Prostitution gezwungen zu werden. Nein. Es reicht nicht, dass er danach im Heim landet, wo ihn die Betreuer missbrauchen. Nein. Es reicht nicht, dass er auf der Flucht aus dem Heim erneut zur Prostitution kommt und sich mit einer sexuell übertragbaren Krankheit ansteckt. Nein. Es reicht nicht, dass er von einem Mann aufgegriffen wird, der ihm augenscheinlich helfen will, sich aber als pädophiler Geiselnehmer herausstellt. Nein. Es reicht auch nicht, dass dieser Mann ihn angeblich laufen lassen will, ihn aber dann doch bei der Flucht wiederholt überfährt und Jude sich daraufhin lebenslang nur noch auf Krücken und im Rollstuhl fortbewegen kann. Nein.

Atemlos tippend beende ich diesen Absatz. Sein Leiden endet übrigens nicht hier – das deckt nur die Kindheit und Jugend ab –, aber weitere Aufzählungen würden den Sinn des Arguments verfehlen. Es ist so: Judes Leben wird irgendwann so dramatisch dargestellt, dass es an Glaubwürdigkeit verliert. Denn ja, natürlich hat nicht jeder Mensch eine wundervolle Kindheit. Es ist schwer, sich aus Armut und Missbrauch zu befreien; die Flucht daraus kann zu einem gefährlichen Kreislauf führen. Aber lauert wirklich hinter jeder Ecke ein pädophiler Teufel, der nur auf unseren Protagonisten gewartet hat? Als Erwachsener entwickelt Jude selbstzerstörerische Tendenzen, ob er sich nun selbst verletzt oder indem er eine Beziehung mit einem gewalttätigen Choleriker eingeht. Später findet ihn das Leiden, weil er das sucht, was er kennt, weil ihn seine frühen Erfahrungen gebrandmarkt haben. Doch in seiner Kindheit und Jugend haben sich doch zunehmend die Zufälle gehäuft – Yanagihara hat da einfach übertrieben.

Trauma als Erzählform

Trotzdem oder wahrscheinlich gerade deshalb schafft sie es, die Spannung auf den fast 1000 Seiten des Romans zu halten. Auf den ersten 600 Seiten fragt man sich, was denn nun genau Jude widerfahren ist und auf den letzten 300 Seiten betet man, dass er seine Vergangenheit überlebt. So sehr man auch will, man schafft es nicht wegzusehen – trotz der graphisch sehr detaillierten Passagen. Judes Dunkelheit droht die Leser:innen zu verschlucken, sie mit sich zu reißen. Ob es problematisch ist, auf so viel Trauma abzufahren? Womöglich. Es ist schließlich kein Qualitätsmerkmal von guter Literatur, diese Art von Erfahrungen für literarische Zwecke zu missbrauchen. In diesem Zusammenhang fallen oft die Begriffe „Trauma Porn“ oder „Torture Porn“. Man könnte Yanagihara also unterstellen, dass die Darstellung von Judes Leid nur dazu dient, ihren Leser:innen (und ihr selbst?) emotionale Erregung zu verschaffen. Ich unterstelle es ihr.

Eine Ode an die Freundschaft

Gleichzeitig beschwichtigt die Autorin ihre Leser:innen, indem sie sie Zeugen grenzenloser und selbstloser Liebe werden lässt. Die Freundschaft der vier jungen Männer – JB, Malcolm, Willem und Jude – wird über drei Jahrzehnte in New York verfolgt. Sie kennen sich, seitdem sie sich auf dem College ein Zimmer geteilt haben und beginnen zusammen ihre beruflichen Karrieren in der Großstadt. Man lernt JB, Malcolm und Willem bis ins kleinste Detail kennen. Da ist Jean-Baptiste, JB, anstrebender Künstler hawaiianischer Abstammung, der von einer alleinerziehenden Mutter großgezogen wurde. Dann gibt es Malcolm, einen schwarzen Architekten, der sich von seinen intellektuellen und reichen Eltern abgrenzen möchte. Willem, der aus dem Mittelwesten stammende attraktive Frauenschwarm, ist auf dem Weg ein erfolgreicher Schauspieler zu werden. Judes Freunde werden zu seiner Familie und zeigen ihm, wie unbeschwert das Leben sein kann. Dadurch keimt jedes Mal ein kleines Fünkchen Hoffnung auf, dass Jude doch glücklich werden könnte. Anhand der detaillierten Beschreibungen gibt Yanagihara ihren Leser:innen das Gefühl, JB, Malcolm, Willem und Jude persönlich zu kennen. Unendlich viel Empathie für sie zu empfinden. Oft habe ich vergessen, dass sich die Barriere einer Buchseite zwischen mir und der Handlung befand. Ich hatte das Gefühl, einen Film zu schauen, der sich vor meinem inneren Auge abspielt. Es ist eine Kunst, auf diese Art Spannung zu kreieren, denn im Grunde genommen erfindet Yanagihara das Rad nicht neu. Doch von ihrer Erzählkunst geht eine Sogkraft aus, die diesen Roman zu so einem immersiven Leseerlebnis macht.

Yanagiharas Roman ist eine bittersüße Ode an die Freundschaft und gleichzeitig eine unerbittliche Darstellung von Leid. Er wirft Fragen auf, ist aufwühlend, frustrierend, rührselig, entzückend, tränenreich. Er zeigt einem, dass nur die Menschen in unserem Leben gerettet werden können, die sich selbst retten wollen. Er ist ein kompliziertes, belastendes Meisterwerk, das ich keiner Person in meinem Umfeld empfehlen würde. (Lest es.)

Hanya Yanagihara – Ein wenig Leben, aus dem Englischen übersetzt von Stephan Kleiner, 960 Seiten, Broschur, Piper, 2018.

Nina Milivojevic
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