Ein Interview von Annie Keune

© Annie Keune. Eine Auswahl aus dem Kindermann Verlag
Was ist Ihr Geheimnis, Frau Kindermann? Sie sind Verlegerin, Spezialistin für Handel & Foreign Rights und dann auch noch Schriftstellerin – Wie bekommt man das alles unter einen Hut?
Ohne eine Menge Herzblut würde das nicht gehen. Im Jahr veröffentlichen wir sechs neue Bücher, wobei ich eines davon selbst schreibe. Parallel zum Tagesgeschäft im Verlag finde ich jedoch kaum Zeit dafür, drum sitze ich oft noch sehr spät am Schreibtisch, schreibe am Wochenende oder wann immer ich eben Zeit dafür finde. Selbst im Urlaub zieht es mich manchmal zum Text.
Was begeistert Sie neben dem Schreiben an Ihrer Arbeit?
Das sind vor allem die Programmauswahl und die Freiheit, die mit meiner Tätigkeit als Verlegerin einhergeht. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viel Spaß es macht, die Stände der Kinderbuchmesse in Bologna entlangzugehen, sich inspirieren zu lassen, Gespräche zu führen und nach neuen Projekten Ausschau zu halten. Aber auch das Privileg, passende Illustrator:innen für unsere Bücher auszuwählen, bereitet mir unglaubliche Freude. Es ist schon fast wie ein wahrgewordener Traum.
Und was tun Sie, wenn Sie mal nicht an Ihrem Verlagsprogramm arbeiten?
Dann verbringe ich natürlich viel Zeit mit meinen Kindern und meiner Familie. Außerdem besuche ich viele Veranstaltungen oder bin ehrenamtlich im Namen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels unterwegs. Ich genieße es, unter Strom zu stehen. Darin finde ich große Erfüllung.
Bei aller Leidenschaft für die Literatur: Kleine, unabhängige Verlage haben es nicht leicht. Was sehen Sie aktuell als die größten Herausforderungen der Buchbranche?
Es ist und bleibt ein Auf und Ab. Pandemie, Krieg, all das hat natürlich Einfluss auf unsere Arbeit. Sicherlich haben Sie von den horrenden Papierpreisen gehört, die besonders für unabhängige Verlage schwer zu bewältigen sind. Zwar gibt es Verlagspreise, die dabei helfen können, für solche Situationen gewappnet zu sein, doch sind auch diese Preisgelder nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Seit geraumer Zeit fordern die unabhängigen Verlage eine strukturelle Förderung, doch ob die jemals kommt, weiß niemand so recht.
Wie bleibt man da zuversichtlich?
Die meisten unabhängigen Verlage mögen klein sein, doch gibt es unglaublich viele von uns in der deutschen Literaturlandschaft. Mehr denn je ist es wichtig, sich zu vernetzen, auszutauschen und Synergien zu schaffen, wie zum Beispiel bei den Berliner Spree Verlagen oder den Veranstaltungen zu Rabatz im Kinderzimmer. Diese Zusammenarbeit ist unabdingbar und kann ungemein dabei helfen, Kraft und Motivation für die Zukunft zu schöpfen.
Die Kraft werden Sie wohl auch brauchen, schließlich gibt es jeden Tag neue Unglücksbotschaften. Steigende Druckkosten oder Leser:innenschwund – Was macht Ihnen mehr Angst?
Natürlich der Leser:innenschwund. Was sollen wir tun, wenn niemand mehr unsere Bücher kauft? Im Gegensatz zu anderen Segmenten der Branche hält sich Kinderliteratur nach wie vor gut im Kurs, da bin ich also optimistisch. Trotz alledem denke ich, dass man mehr denn je gegen die schwindenden Leser:innen ankämpfen sollte, indem man sie mit noch schöneren Büchern wieder zur Literatur führt.
Einst haben Sie eine Crowdfunding-Aktion zur anteiligen Deckung Ihrer Druckkosten gestartet. Sind das Sorgen der Vergangenheit?
In letzter Zeit haben sich die Druckkosten tatsächlich wieder etwas stabilisiert, doch das muss nicht so bleiben. Kleine Tricks, wie Veränderungen im Format oder der Seitenzahl können hilfreich dabei sein, den Stückpreis unserer Bücher ein wenig zu senken. Doch das Wissen um solche Sparmöglichkeiten musste ich auch erstmal lernen, schließlich habe ich erst vor fünf Jahren die Geschäftsleitung des Verlags übernommen.
Ein Bestandteil Ihrer Arbeit als Verlegerin ist es, die Reihen Weltliteratur und Sagen für Kinder weiterzuschreiben. Wie finden Sie neue Stoffe dafür?
Die Stoffe finden mich! In Gesprächen auf den Messen oder per E-Mail erreichen uns Wünsche und Anregungen von unseren Leser:innen. Solche Empfehlungen nehmen wir uns selbstverständlich zu Herzen, aber gleichzeitig müssen wir auch schauen, ob es nicht schon erfolgreiche Vergleichstitel in anderen Verlagen gibt. Manchmal liegt auch das Kalenderjahr günstig, wie beispielweise 2029, wenn Gotthold Ephraim Lessing 300 Jahre alt wird. Da könnte man schon überlegen, ob es da einen passenden Text für uns gibt.
Und wenn Ihnen mal gerade niemand etwas empfiehlt?
Dann sind unsere Bücher durch und durch Herzensprojekte. Zum Beispiel war E.T.A. Hoffmanns Schauermärchen Der Sandmann mein Thema im Abitur und hat mich unglaublich fasziniert. 2022 habe ich es dann für unsere Weltliteratur für Kinder Reihe selbst umgeschrieben.
Nicht alle Bücher verkaufen sich gleich gut. Inwiefern beeinflusst das Ihre Programmauswahl?
Natürlich müssen wir die Verkaufszahlen im Blick behalten, doch ein Herzensprojekt ist nun mal ein Herzensprojekt, ganz gleich, ob es zum großen Bestseller wird oder nicht. Meine Arbeit als Verlegerin ermöglicht mir die Freiheit, die Bücher zu verlegen, die mir wichtig sind. Außerdem gibt es in fast jedem Programm mindestens einen Titel, der so erfolgreich ist, dass er die anderen, weniger populären Bücher mitfinanziert. Schließlich sollen die Projekte ihren Platz in unserem Programm finden, für die wir uns wirklich begeistern können.
Für viele gilt der literarische Kanon als unantastbar. Verraten Sie uns: Wie schreibt man einen Klassiker neu?
Das Wichtigste ist, das Original genau zu lesen. Nur so kann ich den roten Faden der Geschichte herausarbeiten und überlegen, welche Nebenhandlungen ich eventuell weglassen könnte. Natürlich ist es immer schwierig, den Text zu kürzen, besonders wenn die Grundlage ziemlich lang ist. Bei einem Umfang von 32 bis 40 Seiten, die unsere Bücher am Ende haben, bleibt mir jedoch keine andere Wahl.
Ist die klassische Textgrundlage dann überhaupt noch zu erkennen?
Auf jeden Fall. Am Grundgerüst des Textes wird nichts verändert. Außerdem suchen wir für jeden Band Originalzitate heraus, die wir dann kursiv in unsere neuen Erzählungen einarbeiten. So können Kinder neben klassischen Stoffen schon in frühem Alter berühmte Zitate der Weltliteratur kennenlernen.
Viele Klassiker sind ganz schön brutal. Wie gehen Sie mit diesen Texten um?
Bei solchen Stoffen ist genaue Textarbeit gefragt. Wenn sich Eltern auf den Buchmessen unsere Klassiker-Reihe ansehen, sind viele zunächst skeptisch, ob die Texte wirklich kindgerecht sind. Gewaltvolle Szenen lassen wir in unseren Neuerzählungen raus oder schreiben sie so um, dass sie an Härte verlieren. Sowas wie den Tod können wir natürlich nicht aus unseren Texten streichen, der gehört schließlich zum Leben dazu. Wichtig ist, die Handlung weichzuspülen und die Sprache des Textes im Anschluss daran kindgerecht zu gestalten. Da sitzen wir dann im Verlag zusammen, tauschen uns aus und überlegen, wie man die Sprache am besten anpassen kann. Jede Neuerzählung ist ein Gemeinschaftswerk.
In Ihren Neuerzählungen wird bewusst auf umgangssprachliche Sprache verzichtet. Wieso sollte man Kindern anspruchsvolle Texte zutrauen?
Zunächst muss ich erwähnen, dass ich die Weltliteratur-Reihe im Stil meiner Mutter Dr. Barbara Kindermann weitergeführt habe, die den Verlag vor über dreißig Jahren ins Leben gerufen hat. Der Anspruch war, ist und bleibt, hochwertige Kinderliteratur zu veröffentlichen. Unsere Bücher sind dazu da, gemeinsam gelesen zu werden und einen Dialog entstehen zu lassen. Natürlich wissen wir aber auch, dass sich sowohl die Leseweisen der Kinder als auch die Ansprüche der Eltern in den letzten Jahren gewandelt haben. So müssen auch wir uns überlegen, wie unsere Texte in Zukunft aussehen könnten. In unserer Neuerscheinung Die Legende von Artus haben wir zum Beispiel das erste Mal mit Comicblasen gearbeitet, die für Kinder leichter zu lesen sind.
Wie werden Ihre besonderen Reihen in der Branche aufgenommen?
Viele schätzen die Möglichkeit, durch unsere Bücher mit Kindern ins Gespräch zu kommen. Jedoch gibt es nach wie vor maßgebende Stimmen in der Branche, die unsere Bücher zu anspruchsvoll finden. Wenn überhaupt, stehen wir in diesen Filialen mit dem Buchrücken zur Kund:innenschaft im Klassiker-Regal einsortiert. Das ist wirklich schade, zumal viele großen Buchhandlungsketten unseren Büchern nur selten eine Chance geben, während im gleichen Zug ihr eigenes Sortiment immer einseitiger wird. Unabhängige Verlage brauchen den unabhängigen Buchhandel. Wenn nur dort unsere Programme präsentiert und verkauft werden, müssen wir uns dauerhaft auf sie verlassen können. Doch wir wissen alle, wie es um den unabhängigen Buchhandel steht, besonders in den letzten Wochen.
Lässt Sie das an Ihren Büchern zweifeln?
Ich muss zugeben, dass ich vor der Veröffentlichung unseres Sandmanns Bedenken hatte. Als ich das Buch dann allerdings zum ersten Mal in einer vierten Klasse präsentiert habe, wurde ich schnell eines Besseren belehrt: Die Kinder haben die Geschichte mühelos verstanden und auch die düsteren Szenen waren kein Problem für sie. In diesen Momenten wird auch die wunderbare Arbeit unserer Illustrator:innen deutlich, die unsere Geschichten erst so richtig zum Leben erwecken. Auf den Buchmessen entdecken wir Jung und Alt, die sich unsere Bücher voller Begeisterung ansehen. Ich bin mir sicher, dass zu spüren ist: Wer ein Kindermann-Buch kauft, erhält Qualität und Anspruch.
Seit einiger Zeit gibt es auch Bücher fernab der Klassiker-Reihe in Ihrem Programm. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Als meine Mutter noch für den Verlag zuständig war, hat sie pro Jahr zwei neue Bücher veröffentlicht. Auf lange Sicht war mir das zu wenig. Ich wollte in meiner Arbeit wachsen. Viele der großen Klassiker gibt es bei uns auch schon. Noch dazu hatte ich große Lust auszuprobieren, Bücher für kleinere Kinder zu verlegen und unser Image zu modernisieren. Besonders als Mutter ist es mir auch ein Anliegen, Kinder schon mit großen Themen wie Mobbing, Umwelt oder Diversität in Berührung kommen zu lassen. Es ist mir wichtig, meine Arbeit immer wieder neu zu erfinden. So sind unsere Reihe Wovon träumst du? und besondere Bilderbücher wie Peter, Paula und der Wolf, Der schwarze Strand oder Opas Pride entstanden.
Wir wurde dieser Traditionsbruch aufgenommen?
Zu Beginn waren einige Mitglieder der Branche recht skeptisch, schließlich kannte man uns für unsere Klassiker und niemand wusste, ob man das erweiterte Programm gut aufnehmen würde. Zu ausgefallen, zu divers – solche Vorbehalte standen im Raum. Doch die Vormerkungen des Buchhandels sehen wirklich vielversprechend aus und man sollte immer bedenken, dass neue Titel auch die Erschließung neuer Zielgruppen ermöglichen. Außerdem: Hat man erstmal ein Kindermann-Buch in der Hand, ist auch die Entdeckung unserer Klassiker nicht weit.
Letzte Frage: Nun sagen Sie schon, auf welches Buch aus dem Frühjahrsprogramm freuen Sie sich am meisten?
Das ist natürlich Die Legende von Artus! Die Zusammenarbeit mit der Illustratorin Bea Davies war einfach toll und ich bin gespannt zu sehen, wie unseren Leser:innen die neuen Comic-Elemente gefallen werden.
Wobei, da fällt mir noch ein: Sie haben oft erzählt, dass Sie als kleine Testleserin für die Klassiker Ihrer Mutter ausgeholfen haben. Was sagen denn Ihre Kinder zu Ihrer Arbeit?
Wann immer ich die ersten Seiten einer neuen Lizenz vorliegen habe, zeige ich sie erstmal meinen Kindern. Wenn das Projekt den beiden gut gefällt, bin ich natürlich nur noch motivierter, das Buch tatsächlich einzukaufen. Für die meisten unserer Bücher ist mein Sohn gerade noch etwas zu klein, aber meine Tochter ist jetzt alt genug, dass wir die Geschichten schon gemeinsam lesen.
Und wie steht Die Legende von Artus bei Ihrer Tochter im Kurs?
Also meine Tochter sagt, es sei ihr aktuelles Lieblingsbuch.
Na wenn das kein Ritterschlag ist.
Anna Kindermann, 1987 in Berlin geboren, studierte und arbeitete in Amerika, China sowie weiteren Ländern Europas im Bereich des Online-Marketings. Nachdem sie in der Reisebranche tätig war, stieg sie 2015 als Leiterin für Marketing und Foreign Rights in den Kindermann Verlag ihrer Mutter Dr. Barbara Kindermann ein, dessen Geschäftsleitung sie im Jahr 2020 übernahm. Seitdem schreibt sie die Reihen Weltliteratur- und Sagen für Kinder weiter. Zuletzt erschien ihre Neuerzählung Die Legende von Artus. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

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