Vom Gliederfüßer zum Menschen – können wir über alles sprechen?

„Ja, nichts ist ok!“ – René Polleschs letzte großartige Regiearbeit und Liebeserklärung an die Menschheit in der Volksbühne.

Eine Rezension von Londa Valja Rathgeb

© Londa Valja Rathgeb

„Sag es! – Was denn? Sag es! – Was denn?“ Fabian Hinrichs, einer der bekanntesten Schauspieler der Volksbühne, wirft sich auf den Boden, gleich danach in den Pool, versucht sich dort mit unsichtbarer Hand zu ertränken, um sich dann, als das nicht funktioniert, klitschnass und mit einem Messer bewaffnet die Arme aufzuschneiden. Das Poolwasser schwappt vor sich hin, der daneben aufgebaute Bungalow im amerikanischen Stil thront neben einem überdimensionalen Steinhaufen (Bühne: Anna Viebrock), Hinrichs blutet in Strömen. Und was soll er nochmal sagen?

Während René Pollesch im März 2022 (damals auch mit Fabian Hinrichs in der Hauptrolle) mit einem Stück fragt: „Geht’s dir gut?“, lautet jetzt die Antwort: „Ja, nichts ist ok!“ – Wo die Menschheit in ihre Abgründe läuft, zeigt Pollesch in dem letzten Stück, dass er vor seinem plötzlichen Tod im Jahr 2024 herausbrachte, anhand einer WG,- die kleine Gesellschaft also, die aber alles mitbringt, was die große Gesellschaft da draußen auch hat. Das geht von der Angst vor dem Zahnarzt über die nervigen Haare der Mitbewohner im Waschbecken bis hin zu Diskussionen, ob man Bomben auf Kinder werfen dürfte. – „Etwas veränderte sich, früher konnte man in der WG eigentlich über alles sprechen, jeder mit jedem, jetzt konnte man immer noch über alles sprechen, aber nicht jeder mit jedem. Etwas hatte sich verschoben.“ Aber hier kippt die Stimmung schon.

Anfangs rennt Hinrichs, der den WG-Abend komplett alleine bestreitet, noch über die Bühne, spielt je nach Requisite mal Stefan, mal Paul oder Claudia im Slapstick-Ton, es werden fürsorgliche Arzttermine vereinbart: „Eine Sepsis kann lebensgefährlich sein! Du musst zum Arzt!“ – oder entnervt Wände eingezogen: „Ich zieh jetzt hier eine Wand ein. Ich möchte jetzt hier sitzen und dich nicht mehr sehen.“ Wir leben in Familien oder eben in Wohngemeinschaften, von denen wir uns isolieren, wir haben Gedanken, die wir dem anderen nicht erzählen können oder wollen, und „immer bricht irgendwo in der Welt ein Krieg aus“.

Fabian Hinrichs muss nicht nur allein alle Menschen auf einmal spielen, er ist auch als jeweilige Figur völlig allein – oder wie man meinen könnte: einsam. Mit Ausnahme der kurzen Episoden, in denen er mit schwarzem Mantel und Erzählerstimme über die allgemeinen Themen spricht, oder wie auch immer man diese allgemeinen Themen bei Pollesch nennen soll.

Es ist ja doch kein Pollesch-Klassiker, mit ewigredender Kathrin Angerer und Martin Wuttke, bei dem man mit rasender Ironie über jedes schwerwiegende Thema hinwegkommt: gescheiterter Mensch – am Kapitalismus, gescheiterter Mensch – an der Liebe, gescheiterter Mensch – als soziales Wesen.

Hinrichs liest zwar altbekannte Witze aus seinem Witzebuch vor, das aber scheinbar eher, um sich selbst zu beruhigen (vor dem Zahnarzt) oder vielleicht doch eher das Publikum, das dasitzt, in stummer Erwartung auf die noch folgenden Monologe, mit den eben: schweren Themen.

„Was sitzt im Wald und weint? – Eine Heule!“ Passt nicht so ganz zu: „Ich hasse Sprache, (…) und ich hasse Menschen.“ Woher kommt dieser plötzliche Überdruss? Nach „Fantomas“ oder „Die Gewehre der Kathrin Angerer“, die der Intendant der Volksbühne in den Jahren 2023 und 2021 herausbrachte, wird man in Polleschs letztem Text und letzter Inszenierung plötzlich mit diesen riesigen unlösbaren Fragen konfrontiert. Damit meine ich nicht die Gedanken der besorgten ZuschauerInnen: Wird sich Hinrichs eine Erkältung holen, wenn er die ganze Zeit halbnackt und nass über die Bühne läuft (Kostüm: Tabea Braun) und sich keinmal umzieht? – Nein, eher so etwas: Wie teile ich mich dem anderen mit? Warum fühle ich mich immer so verloren, wenn ich hier abends im Bett liege? – „Claudia, bist du noch wach?“ Claudia antwortet nicht, bemerkt nur, die Decke würde so laut rascheln: „Kannst du nicht mal weniger rascheln, wenn du dich umdrehst?“ Hinrichs wälzt sich vor Qualen! Springt auf und rennt in den Publikumssaal. Tschack! Saallicht an, die Wand aus Paketen wird jetzt offiziell eingerissen! Oder wie soll man nachts noch ruhig schlafen, wenn tagsüber andauernd Kriegsvideos von israelischen Soldaten in Tunnelsystemen laufen? (Man muss hinzufügen, Siri und der redende Kühlschrank als Brandmarker menschlicher Verwahrlosung und Einsamkeit hätten nicht sein müssen! Diese Minimalkritik steht aber angesichts dieser großartigen Inszenierung in Klammern.) Was heißt es, wenn einer der größten deutschen Regisseure in der letzten Inszenierung vor seinem plötzlichen Tod im Februar 2024 schreibt: „Ich will keine Sprache mehr.“ Die nächtliche Verzweiflung, die einen manchmal packt, führt Hinrichs zurück zu aufgetürmten Urzeitsteinen und der Bemerkung: „Vor 560 Millionen Jahren war das Leben noch gewaltfrei.“ – damals als nur Gliederfüßer durch Moos und Farn gekrochen sind. Er hingegen macht diesem Abschiedspamphlet alle Ehre und spielt gegenteilig zu Angerers und Wuttkes Textflächen-Gerede (mit höchstem Lob an die beiden): Sein Clou scheint zu sein, Zeit lassen, ruhig sprechen, gewählte Pausen setzen. Dazu Schumann und Windmaschine, aufgestellter Kragen und fliegende Herbstblätter: Ein Requiem!

Am Ende wird Hinrichs begraben, live auf der Bühne, unter den Körpern der plötzlich auftauchenden StatistInnen, die sich vor der Zeremonie einander mit Namen vorstellen: Wer bist du überhaupt? – Die letzte zärtliche Berührung mit dem anderen. Ob das die einzige Möglichkeit ist für eine wirkliche Begegnung, die Pollesch hier vorschlägt? Auf der Beerdigung des sich ständig zerfaselndem Selbst, das sogar aus dem Grab noch Witze reißt? Es bleibt ja trotzdem diese andauernde und fieberhafte Suche nach Ausbruch – „Claudia wir müssen hier weg!“ – und nach den richtigen Worten: „Sag es! – Was denn? Sag es!“

Das Resümee ist ein (immer noch!) klitschnasser Hinrichs und: „Ich wäre gerne mal rübergegangen. Ich würde gerne einmal rübergegangen sein.“ Es ist am Ende: eine verspätete Liebeserklärung an die anderen Menschen, die anderen Schicksale, von denen man immer meint, sie würden sich so sehr vom eigenen unterscheiden.

Ja nichts ist ok

Inszenierung: René Pollesch und Fabian Hinrichs | Text: René Pollesch | Bühne: Anna Viebrock | Kostüme: Tabea Braun | Licht: Frank Novak | Dramaturgie: Anna Heesen, Johanna Kobusch.

mit Fabian Hinrichs, Statist:innen: Nadine Ahlig, Farid Fleschmann, Estanislao Gonzalez, Eva Günther, Helene Hager, Kristina Hartmann, Sonja Holst, Ingeborg Koch, Marion Lanzerstorfer, Klaus Schneider, Lotte Selier, Alex Sommerfeldt, Oliver Walter.

Premiere am 11. Februar 2024

Dauer: 1 Stunde 20 Minuten (keine Pause)

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