Das vierte Lichtlein brennt – Weihnachtsempfehlungen #4

Das vorletzte Türchen, der letzte Adventssonntag und schon ist er da: Der heilige Abend. Die einen können schon entspannt überlegen, für welche Bücher sie die Gutscheine ausgeben, die sie morgen unter dem Baum finden werden. Die anderen müssen morgen nochmal in die Buchhandlung ihres Vertrauens, um einige Last-Minute-Freuden einzukaufen. Damit sich beide Einkaufslisten leichter schreiben, haben wir noch einmal vier wunderbare Buchtipps aus unserer Redaktion.

Sind die Vorbereitungen abgeschlossen oder fehlt noch das ein oder andere Geschenk? © Sofie Mörchen

Karolin empfiehlt: Sandberg von Joanna Bator. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky, erschienen bei Suhrkamp.

Joanna Bator: Sandberg © Karolin Kolbe

Darum geht’s: Dominika ist anders, als die Frauen in ihrer Familie. Mager, dunnkelhaarig und außergewöhnlich mathematisch begabt. Sie lebt mit ihrem schweigsamen Vater und der häuslichen Mutter in dem Wohnblock Piaskowa Góra, auf Deutsch heißt das Sandberg. Mit dem Erwachsenwerden bricht sie aus den engen Vorstellungen aus, die ihre Mutter Jadzia für sie hat. Denn wenn es nach der Mutter ginge, sollte Dominika eine passable Schülerin sein, aber bitte nicht zu klug, lieber etwas frommer, und im besten Fall bald mit einem vermögenden Mann verheiratet, der sie trotz des dunklen Kraushaars nimmt.

Auch wenn Dominika die Protagonistin in Joanna Bators Sandberg ist, nimmt ihre Geschichte nur einen kleinen Teil des Romans ein. Dominika ist zugespitzter Ausgangspunkt für Bator, die Geschichte einer Familie anhand der oft harten Frauenschicksale zu erzählen. So wird auch die Vergangenheit ihrer Mutter Jadzia und ihrer Großmütter Halina und Zofia aufgerollt. Dadurch entstehen viele Nebenschauplätze, doch es wird schnell deutlich, dass der ausführliche Überblick notwendig ist, um Dominika, die Beziehungen zwischen den Frauen und die Vergangenheit der Familie zu verstehen. Die Geschehnisse der drei Generationen verwebt Bator mit Ereignissen der polnischen Geschichte. Sie zeichnet das Porträt einer Familie, die versucht in verschiedenen politischen Systemen ein anerkanntes Leben zu führen.

Ein sehr lesenswertes Buch, das nachdenklich macht, überrascht, überfordert, erfreut, und ein detailliertes Bild davon zeichnet, wie vergangene Ereignisse auch die folgenden Generationen prägen.

Das perfekte Geschenk für: Alle, die Exkurse in den Hintergrund einer jeden Figur lieben.

Dazu passt: Eine heiße Tasse Tee, ein Fenster, um ab und zu rauszuschauen und ein*e Freund*in, um über das Buch zu reden.


Leonie empfiehlt: Mr. Norris steigt um und Leb wohl, Berlin von Christopher Isherwood, erschienen bei Hoffmann & Campe.

Mr. Norris steigt um und Leb, wohl Berlin von Christopher Isherwood. Die Originalschauplätze liegen rund um den Nollendorfplatz. © Leonie Hohmann

Darum geht’s: Die 1920er Jahre sind begehrt wie nie und Babylon Berlin erweckt den Mythos der freizügigen Metropole zwischen den Kriegen zum Leben, der wohl nie richtig geschlafen hat. Während die deutsche Erfolgsserie alle Rekorde bricht, erfreut sich auch ein anderes Stück 20er-Jahre-Faszination immer noch großer Beliebtheit: Cabaret. Doch während die Volker-Kutscher-Romane – die Vorlage für Babylon Berlin – allseits bekannt sind, sind Christopher Isherwoods Romane Mr. Norris steigt um (1935) und Leb wohl, Berlin (1939) in Vergessenheit geraten.

In Mr. Norris steigt um lernt der junge Brite William Bradshaw während einer Zugfahrt Arthur Norris kennen, der ebenfalls in Berlin lebt. Dieser Norris führt ein aufregendes Leben: Er ist Masochist mit Domina und zählt sich zu den Kommunisten, was im Deutschland der frühen 1930er Jahre zunehmend zum Risiko wird. Außerdem bringen ihn dubiose Geschäfte in Geldnöte und Bredouillen. In Leb wohl, Berlin verarbeitete Isherwood seine eigenen Erlebnisse in Berlin, Anfang der 30er Jahre. Der Roman besteht aus sechs Geschichten. Erzählt werden sie von einem Erzähler, der den gleichen Namen wie Isherwood trägt: Sie handeln von der Pensionsinhaberin Fräulein Schröder, der reichen jüdischen Erbin Natalia Landauer, dem homosexuellen Paar Peter und Otto und von der dekadenten Sally Bowles, der Königin des Kabaretts.

Das perfekte Geschenk für: Alle, die nicht genug von den Goldenen Zwanzigern im sündigen Berlin kriegen können:

Dazu passt: Mutige probieren sich ganz im Stil der Sally Bowles an ihrem liebsten Anti-Kater-Cocktail, der Prärieauster. Allen anderen sei die Cabaret-Verfilmung mit Liza Minelli als Sally Bowles empfohlen:


Irina empfiehlt:  Abraham trifft Ibrahîm, Streifzüge durch Bibel und Koran von Sibylle Lewitscharoff und Najem Wali. Erschienen im Suhrkamp Verlag.

„Abraham trifft Ibrahîm“ von S. Lewitscharoff und N. Wali © Irina Hein

Darum geht’s: Es ist eine eisige Nacht im Jahr 1841, kurz vor Heiligabend. Draußen fallen im schwachen Licht von Gaslaternen dicke Schneeflocken und in einer Stube nahe dem Berliner Gendarmenmarkt liegt Sören Kierkegaard, fest eingewickelt in seine Daunendecke und trotzdem zitternd. Der Philosoph zweifelt an seinem Verstand. Gott selbst ist ihm in Gestalt einer sprechenden Maus erschienen und verlangt nach Klärung einer wesentlichen Glaubensfrage. Auch der Dichter Clemens Brentano hat den Kopf voll von Phantasmagorien, als er sich in den Bauch des biblischen Leviathan träumt und darüber grübelt, wie lange es wohl der Prophet Jona darin ausgehalten hat. Die heiligen Schriften der drei großen Weltreligionen sind sich uneinig bei der Antwort. Und auch sonst erzählen sie die altbekannten Geschichten auf recht unterschiedliche Weise. Zum Beispiel von Abrahams schöner Frau Sara und wie sie dem lüsternen Pharao entging. Ein pikantes Detail, das die Suren des Korans verraten, von dem im Tanach allerdings nichts steht. Man erfährt auch, warum Eva eine Heldin des Fortschritts ist, während Adam die Rolle des Frevlers zukommt.

Bei dem „Streifzug durch Bibel und Koran“ wandelt man durch Anekdoten und fabulöse Erzählungen aus dem Buch der Bücher, seinen Variationen und Interpretationen. Ein witziges und kluges Werk mit einem modernen Blick auf archaische Geschichten.

Das perfekte Geschenk für: Alle, die Interesse an Kulturgeschichte haben.

Dazu passt: Ein Bleistift und Klebezettel zum Markieren von wunderschönen Zitaten.


Lena empfiehlt: Das Gedicht & sein Double. Die zeitgenössische Lyrikszene im Portrait mit Fotografien von Dirk Skiba und Texten von Jan Wagner, Nora Gomringer, Durs Grünbein u.v.a., erschienen bei Edition Azur.

Cover des Foto- und Lyrikbandes »Das Gedicht & sein Double« und Beispielseite zu Anne Dorn © Lena Stöneberg

Darum geht’s: Diese Lyrikanthologie ist mal wirklich was Neues! Der großformatige Foto- und Gedichtband widmet sich dem Thema Autorenportrait von zwei Warten aus: Dirk Skibas sinnliche Schwarz-Weiß-Fotografien stehen jeweils einem Gedicht der abgebildeten Autor*innen gegenüber, welches sich mit der eigenen Person und dessen Abbild beschäftigt. Viele der Texte entstanden exklusiv für diesen Band. Sie bilden die Breite und Heterogenität der deutschsprachigen Gegenwartslyrik ab und lassen junge, alte, etablierte wie unbekannte Schriftsteller*innen zu Wort kommen. Beide Spielarten des Portraits stehen gleichberechtigt nebeneinander, kokettieren miteinander und stehen in gegenseitiger Wechselwirkung. Schon bald stellt sich die Frage: Wer doubelt hier eigentlich wen?

Die lyrischen Selbsterkundungen nehmen Fragen der Selbst- und Fremdwahrnehmung in den Blick, des ewigen Umherirrens zwischen diesen beiden Polen auf der Suche nach dem wahren Ich. Themen wie die Erinnerung, Abbildbarkeit, Geistigkeit und Körperlichkeit, das Altern und der Hang zur Optimierung kommen immer wieder auf. Die Leichtigkeit der Gedichte wird angereichert durch die Portraitfotos, in denen Skiba einem Sinn für Details und Augenblicke beweist. Sie stellen eine enorme Tiefe und Nähe zu den Künstler*innen her und gewinnen im Austausch mit den poetischen Beiträgen an metaphorischer Bedeutungstiefe. Diese Doppelbewegung ermöglicht eine sowohl leichtfüßige als auch tiefgründige Lektüre. Es macht riesigen Spaß, sich quer durch die gut ausgewählten und wohl dosiert vorgebrachten Facetten der zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrikszene zu blättern. Man kann den Dichter*innen minutenlang in die Augen sehen oder in ihrem Äußeren nach Spuren aus ihren Gedichten und Biografien suchen und wird immer wieder auch auf sich selbst zurückgeworfen.

Das perfekte Geschenk für: Beseelte gemeinsame Stunden im Kreis der Familie, entweder zum Vorlesen und zusammen Anschauen wie ein großformatiges Märchenbuch oder zum Abtauchen…

Dazu passt: Sich durch eigene Fotoalben zu wühlen oder von Feuerzangenbowle und Glühwein befeuerte Diskussionen mit Familie und Freunden über Eigen- und Fremdwahrnehmung. Aber seid nett zueinander! ;)

Hier geht es zu unseren weiteren adventlichen Buchtipps 2018:
Weihnachtsempfehlungen Teil 1
Weihnachtsempfehlungen Teil 2
Weihnachtsempfehlungen Teil 3
Weihnachtsempfehlungen Teil 4
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Leonie Hohmann

„Kein Feuer, keine Kohle, kann brennen so heiß als […]“das Herz der gebürtigen Essenerin (Jahrgang ’94) für Literatur, Theater, Tanz, Musik und Großstadtluft. Nach dem Grundstudium in Bochum rief sie das dicke B. an der Spree, wo sie seit 2017 Angewandte Literaturwissenschaft studiert.

[Zitat entnommen: Volkslied, anonym, 18.Jh.]

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