From Panels with Love #16: Das leere Gefäß

Strenge Gläubigkeit, radikale Abtreibungsgegner, konservative Traditionen. Diese Begriffe fallen oft, wenn über die katholische Kirche in Polen gesprochen wird. Die Autorin und zugleich Protagonistin Magdalena Kaszuba verarbeitet in „Das leere Gefäß“ ihre ganz eigenen kindlichen Erfahrungen mit der Religiosität ihrer polnischen Familie.

Wenn der Glaube zur Hoffnungslosigkeit wird – Das leere Gefäß
©Sandta Kućmierczyk
Magdalena Kaszuba: Das leere Gefäß (avant-verlag 2018) © avant-verlag

Geboren im polnischen Bielawa zieht Kaszuba kurz nach dem Fall der Berliner Mauer mit ihren Eltern nach Deutschland. Trotzdem verbringt die junge Familie weiterhin viele Sommer an der polnischen Ostseeküste und Weihnachten bei der Oma. In Polen ist die Rolle der Mutter immer noch sehr prägend und ausschlaggebend für den Familienzusammenhalt und die Gestaltung der Erziehung. Die Oma, meist mütterlicherseits, ist zudem nicht selten das Familienoberhaupt. So übt auch Magdalenas Babcia (pol. Oma) einen starken Einfluss auf die religiöse Erziehung ihrer Enkelkinder aus.

 

„Ist man moralischer, wenn man religiös aufwächst? Oma würde diese Frage immer bejahen.“

 

Sie nimmt die kleine Magdalena an Weihnachten mit zur Messe und bringt ihr bei, worauf der richtige katholische Glaube fußt. Auf Buße und auf Demut. Denn nur büßende Menschen, die sich ihrer Sündhaftigkeit bewusst werden, können erlöst werden. Schließlich ist Jesus, der menschgewordene Gottessohn, für die Sünden der Menschheit gestorben. Die Angst vor Gott und vor der Hölle beginnen das kleine Mädchen zu verfolgen, anstatt ihr die ersehnte Hoffnung auf die Rettung ihrer Seele zu verleihen. Der katholische Glaube ist keine Wahl mehr, sondern ihr auswegloses Schicksal.

 

„Durch die Beichte würde ich neu anfangen können, ohne Sünden und ohne Angst.“

Die Kommunion wird zum Alptraum
Magdalena Kaszuba: Das leere Gefäß (avant-verlag 2018) © avant-verlag

Als das kleine Mädchen vor der ersten hl. Kommunion steht, sieht sie die Möglichkeit, sich doch noch mit Gott zu versöhnen und ihre Seele zu retten. In Polen ist das ein sehr wichtiger Moment im Leben eines jungen Menschen. Eltern geben teilweise ein kleines Vermögen für die Feier und Geschenke ihres Kindes aus. Dies bedeutet aber auch, dass die erste Beichte ansteht, ohne die es keine Kommunion gibt. Aber was hat ein achtjähriges Kind schon zu beichten? Dass es frech zur Mama war, eine Vase kaputt gemacht oder ein anderes Kind geschubst hat? So hat auch Magdalena kaum etwas zu beichten. Der Priester glaubt ihr jedoch nicht und bohrt immer weiter nach, bis sie schließlich aus Angst Sünden erfindet und in Ruhe gelassen wird. Die Kommunion am nächsten Tag wird für sie nicht mehr die ersehnte Hinwendung zu Gott, sondern der Beginn ihrer Abkehr vom katholischen Glauben und ihrer religiösen Erziehung.

 

Magdalena Kaszuba: Das leere Gefäß (avant-verlag 2018) © avant-verlag
Düstere Zeichnungen gemischt mit kindlich-naiver Perspektive

„Das leere Gefäß“ hinterlässt durch die düsteren und oft in Schwarz und in einem bernsteinfarbenen Gelb gehaltenen Zeichnungen (Referenz an das für die polnische Ostseeküste so typische Bernstein) ein beklemmendes und unheimliches Gefühl. Die religiösen Figuren, wie Nonnen und Marienfiguren, sind gesichtslos oder verwandeln sich, wie beim Beichtvater, von einem lieb lächelnden Mann zu einem dunklen Monster, das das kleine Mädchen bedrohlich umkreist. Jeder religiöse Ort wirkt furchteinflößend und nicht kindgerecht. Die Beschreibungen wirken dazu im Gegensatz oft unbeholfen und plump. Der Vergleich des kleinen Mädchens mit einem leeren Gefäß, das sich mit (Selbst-)Hass füllt und sich schließlich bei der Abkehr vom Glauben zusammen mit ihren Hoffnungen komplett entleert, ist nicht wirklich überzeugend.

 

Emanzipation und religiöse Selbstbestimmung

Trotzdem schafft es Kaszuba durch ihr großes zeichnerisches Talent den Leser die Beklemmung und Verunsicherung des kleinen Kindes spüren zu lassen. Es ist ein Buch, das die Frage nach der Möglichkeit zur Emanzipation und religiösen Selbstbestimmung eines Menschen aufwirft, sie aber letztendlich unbeantwortet lässt.

 

Magdalena Kaszuba: Das leere Gefäß. Avant Verlag 2018.
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