From Panels With Love #9: Yaotaos Zeichen

Eine doppelte Emigration, eine zweifache Kriegserfahrung: Mit der Graphic Novel Yaotaos Zeichen  legt Yi Meng Wu gemeinsam mit dem unabhängigen Kunstanst!fter Verlag ihr bislang umfangreichstes Buchprojekt vor. In aufwendigen Collagen arbeitet Wu ein fast vergessenes Kapitel der französisch-chinesischen Geschichte auf und öffnet einfühlsam die Sicht von Kindern und Erwachsenen auf Fremdheitserlebnisse und Kriegserfahrungen. Ein „Bilderbuch“ ohne Altersbeschränkungen.

©Yi Meng Wu / kunstanst!fter
©Yi Meng Wu / kunstanst!fter

In der Rue de l’Aube in Lyon findet Lucie beim Stöbern auf dem Dachboden ihrer Großeltern einen alten Lederkoffer. Als viele bunte chinesische Schriftzeichen aus dem Koffer fliegen, erinnert sich das Mädchen an ihren Urgroßvater Yaotao. Die zauberhaften Zeichen beginnen zu tanzen und nehmen Lucie mit in die Vergangenheit ihrer chinesischen und französischen Ahn*innen:

Im Jahr 1930 reist Yaotao nach Lyon, um dort zu studieren. Schnell fasst er Fuß und gründet schließlich mit der Französin Laurence eine Familie. Als Yaotao mit Laurence und dem gemeinsamen Sohn nach Peking zieht, macht Laurence ähnliche Erfahrungen wie einst Yaotao: Ein fremdes Land und eine unbekannte Kultur, die mit neuen Eindrücken auf sie einprasseln und langsam zur Heimat werden. Doch der zweite Weltkrieg wirft seine Schatten auch über die Familie in China und Frankreich. Besonders stark macht die Autorin die Dopplung der Erfahrungen: Die Fremde, die für Yaotao und Laurence zur Heimat wird und der Krieg, der trotz tausender Kilometer Entfernung, in beiden Ländern tobt. Durch diese Perspektive wird Migrationsgeschichte nicht aus einer einseitigen Minderheitserfahrung gezeigt. Ein Ansatz, der sich auch in der Gestaltung niederschlägt, die sich zwar an den künstlerischen Traditionen beider Kulturen orientiert, jedoch ohne sie genuin wiederzugeben:

Das Haus in der Rue de l’Aube. ©Yi Meng Wu / kunstanst!fter
Das Haus in der Rue de l’Aube mit Gingkobaum. ©Yi Meng Wu / kunstanst!fter

Aufwendige Gestaltung sorgt für Symbolik mit Tiefgang

Yi Meng Wu entwickelt die Erzählung in aufwendig gestalteten Collagen in Sepiafarben, die durch ihre Bildgewalt eine eigene Dynamik und Sprache entwickeln. Wichtige Rahmeninformationen wie Jahreszahlen und Ortsnamen sind in die Collagen eingearbeitet. Andere Buchseiten haben durch die Nachahmung eines Fotoalbums  einen dokumentarischen Charakter. Insgesamt entwickelt die Bildsprache so eine eigene Erzählung, die durch die Textform ergänzt wird. Einfühlsam öffnen Bild und Text gemeinsam die emotionalen Sphären der Figuren. Die Zeichen nehmen Lucie mit in die (vergangene) Gegenwart der einzelnen Episoden. Dadurch entwickeln die teils tragischen Stationen der Familiengeschichte eine spürbare Präsenz, weil das Mädchen als stille Zuschauerin die Ereignisse miterlebt, ohne aktiv eingreifen zu können.

Die Omnipräsenz der Herkunftsreflexion zeigt sich nicht nur in der Handlung, sondern auch in einer tiefen Symbolik: Der einst von Yaotao gepflanzte Gingkobaum schlägt noch immer Wurzeln, als Lucie am Ende der Erzählung den Dachboden verlässt und auf ihren Großvater, François-Hua, trifft. Die Zeichen hängen nun wie Blätter im Geäst des Baumes und als François das Zeichen für Leben pflückt, erinnert auch er sich seiner Wurzeln und beginnt von seiner Kindheit zwischen den Kulturen zu erzählen.

Das Buchcover mit dem Gingkobaum. ©Yi Meng Wu / kunstanst!fter
Das Buchcover mit dem Gingkobaum. ©Yi Meng Wu / kunstanst!fter

Nach einer wahren Begebenheit

Die Geschichte von Yaotao beruht auf einer wahren Begebenheit. Noch heute zeugen mehr als 25.500 Bücher und persönliche Akten im Fonds Chinois in der Stadtbibliothek Lyon von den 473 Studenten, die zwischen 1921 und 1946 kamen, um sich im Institut franco-chinois auf ihr Studium in Frankreich vorzubereiten. Für die Recherche reiste Yi Meng Wu mehrfach in das Archiv und ließ sich inspirieren von Briefen und Fotografien chinesischer Studenten, die ein Lehrer während des zweiten Weltkriegs in seinem Keller vor den deutschen Besatzern versteckt gehalten hatte. So ergibt sich für Yaotaos Zeichen trotz des Einbruchs der fantastischen Elemente eine spürbare Authentizität, die sich nicht nur in der Erzählung, sondern auch in der Gestaltung abbildet. Alle grafischen Zeichen stammen aus historischen Büchern der 1930er und 1940er Jahre.

Bilderzauber mit sozio-kulturellem Mehrwert

Trotz der Historizität des Stoffes entwickelt Yi Meng Wu hier eine überzeitliche Grundidee von Fremdheit, kultureller Vielfalt und Begegnung in einer neuwertigen Perspektive durch die Spiegelung von Minderheit und Mehrheitsgesellschaft. Durch die handwerkliche Aufbereitung wird Yaotaos Zeichen aus literarischer und gestalterischer Sicht zum Gesamtkunstwerk, dessen Bilderzauber sich unmittelbar auf die Leser*in überträgt und sukzessive seinen sozio-kulturellen Mehrwert offenbart.

 

*Yi Meng Wu (Jahrgang 1983) wuchs in Shanghai und im Ruhrgebiet auf. Sie studierte visuelle Kommunikation in Essen, Paris und Berlin. Heute arbeitet sie in ihrem Berliner Atelier Studio Wu zum Themenkomplex interkulturelle Gestaltung und nutzt zum Zeichnen, Basteln und Schreiben analoge und digitale Mittel. Für ihre Buchprojekte wurde sie unter anderem mit dem German Design Award und dem Joseph Binder Award bedacht.

Yi Meng Wu, Yaotaos Zeichen, 24,00 €, Kunstanst!fter Verlag 2017

 

 

 

 

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Leonie Hohmann

Leonie Hohmann

„Kein Feuer, keine Kohle, kann brennen so heiß als […]“das Herz der gebürtigen Essenerin (Jahrgang ’94) für Literatur, Theater, Tanz, Musik und Großstadtluft. Nach dem Grundstudium in Bochum ereilte sie der Ruf nach Berlin, wo sie seit 2017 Angewandte Literaturwissenschaft studiert.

[Zitat entnommen: Volkslied, anonym, 18.Jh.]
Leonie Hohmann

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