Mein erstes Mal: E-Books lesen

Ich habe es getan. Ich habe jetzt ein Kindle. Es ist 15 Zentimeter groß und wiegt 170 Gramm. Sein Vater heißt Amazon und ist ziemlich reich. Er kümmert sich sehr um das Kindle, schickt mir fast jeden Tag Angebote: Die neueste, heißeste Literatur zum kleinen Preis. So oft runtergeladen, das muss doch auch mir gefallen. Es sind Massenmails. Ich sehe immer mehr Menschen mit E-Book-Lesegeräten in Berliner U- und S-Bahnen.

Ganz ehrlich, zuerst fand ich diese Dinger furchtbar. Ich mag Bücher. Ich mag den Geruch von Büchern, mag vollgestopfte Bücherregale, aneinandergereihte Buchrücken, gedruckte Tinte auf Papier, das Rascheln, das Seiten umblättern (was ich schon liebte als ich im noch nicht lesefähigen Alter Kinderbuchliteratur durch meinen Vater konsumierte) und das Umherstreifen in Buchgeschäften. All das mag ich immer  noch. Trotzdem habe ich mir ein elektronisches Gerät gekauft, auf dem ich jetzt digital lesen kann.

Warum?

Zunächst weil ich es ausprobieren wollte. Weil mich diese Fortschrittsverweigerer nerven, die sobald sich etwas ändert, Texte schreiben, die mit „Der Tod der Literatur“, „Der Tod der Zeitung“, des Journalismus, des Autors etcetera etcetera übertitelt sind, sich über das Neue aufregen und schließlich philosophisch damit enden, dass der Tod immer auch ein Neuanfang ist. Ich werde die Bücher in meinem Regal nicht umbringen, ich werde weiterhin Bücher kaufen und sie in meinem Zimmer beherbergen. Auf keinen Fall möchte ich irgendwann in einem leeren Raum sitzen mit einem Tablet auf dem Schoß, das all meine Bücher, Musik, Filme und so weiter beinhaltet. Nein danke.

Der zweite Grund, warum ich trotzdem einen Reader kaufte, ist, dass ich noch mehr lesen möchte. Klassiker wie Twain, Dickens, Wilde, Tolstoy, Carroll u.v.m. Mit einem Kindle, bekommt man diese Werke als E-Book umsonst. Mein Bücherregal ist eh schon ziemlich voll, ich ziehe demnächst um und ich habe Geld zu Weihnachten bekommen. Ziemlich spontan bestellte ich also ein Kindle 4.

Die ersten %

Ein paar Tage später kam es mit der Post. Natürlich ohne ausgedruckte Gebrauchsanweisung, obwohl ich das sehr lustig gefunden hätte… Nein, man schaltet das Gerät ein und es erklärt von selbst, wie es funktioniert. Für 0,00 Euro kaufte ich „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll und fing an zu lesen.

Dafür braucht man Licht. Der Bildschirm leuchtet nicht von allein. Das ist gut, denn so hat man nicht das Gefühl, auf einen Bildschirm zu gucken. Zugegeben, es ist komisch, sein Buch erst anschalten zu müssen, anstatt es einfach aufzuklappen. Dafür fällt es aber auch nicht zu. Ich kann in gemütlichen Posen lesen und muss das „Buch“ nicht umständlich halten, sondern kann es zum Beispiel gegen ein Kissen lehnen oder einfach auf den Tisch legen. Ich kann bei der Schrift Größe, Art und Zeilenabstand einstellen, was ich sehr gut finde. Ich habe in der Vergangenheit schon Bücher nicht zu Ende gelesen, weil mich die Buchstabenmasse auf den Seiten erschlagen hat. Komisch ist, dass ich nie weiß, auf welcher Seite ich bin. Das Kindle zeigt an, wieviel Prozent ich schon gelesen habe. Ich frage mich, wie man E-Fachliteratur in Hausarbeiten zitiert. Außerdem hoffe ich, dass ich mein Kindle nicht fallen lasse, dass der Akku sich nicht an der spannensten Stelle verabschiedet und dass ich es nicht verliere. Dann ist nämlich mehr als ein Buch weg.

Fazit: Beides geht. Hauptsache der Text ist gut.

Generell bin ich mit meiner Neuanschaffung zufrieden. Geht es bei Literatur nicht auch hauptsächlich um den Text? Der muss gut sein. Wenn ich gute Literatur umsonst auf mein Kindle kriegen kann, dann her damit.

Tatsächlich Geld, also einen Betrag wie sagen wir mal 9.99 Euro, für etwas zu bezahlen, was ich danach nicht in der Hand halten kann, das habe ich bisher noch nicht über mich gebracht. Nach „Alice im Wunderland“ lese ich jetzt „Torture the Artist“ von Joey Goebbel. Kein angekündigter Klassiker, ich weiß. Im Deutschen heißt der Roman „Vincent“. Ich habe ihn vor Jahren mal gelesen, keine Ahnung, wo ich das Buch gelassen habe… Die Englische Version dieser Geschichte kostete als E-Book 89 Cent. Ein deutsches E-Book gibt es nicht. Richtiges Geld für eine Datei ausgeben, ist also der nächste Schritt.

Ich habe keine Ahnung, wie die Zukunft des Buches aussieht. Ich finde es gut, wenn Leute lesen. Egal ob analog oder digital. Zweiteres spart Papier und Umzugsbalast. Ersteres wird in unserer Lebenszeit wohl nicht aussterben, aber weniger werden. Das wage ich jetzt mal zu behaupten. In meinem Zimmer dürfen Bücher und Kindle derweil friedlich koexistieren. Ich lese jetzt einfach beides.

PS: Die Top 10 der schlimmsten E-Book-Titel, die Amazon mir bisher per Mail anbot, gibt es >>hier<<.

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Insa Kohler

1986 in Oldenburg geboren. Sitzt und spricht. Erstes meist beim Schreiben. Zweiteres auch gerne im Stehen. Auf Bühnen bei Poetry Slams im ganzen Land und im Aufnahmestudio bei der Arbeit fürs Radio. Außerdem studierst sie Angewandten Literaturwissenschaft, lebt meistens in Berlin, applaudiert nicht im Flugzeug und teilt heimlich durch Null.
Mehr gibt es hier: http://insakohler.wordpress.com/

13 Gedanken zu „Mein erstes Mal: E-Books lesen

  • 13. Januar 2013 um 16:27
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    Was bin ich froh, das es noch mehr Menschen gibt bei den Angewandten, die sich ein eBook und den zugehörigen Reader zumindest mal anschauen ;)
    Ich selbst lese inzwischen mehr und mehr auf dem kleinen iPad, momentan „Notizen aus Homs“ von Jonathan Littell. Wie ich grade sehe, gibt es das zwar jetzt auch gedruckt, aber zuerst erschien es lediglich als eBook, wenn ich mich richtig erinnere. Vielleicht deshalb, weil man den Erfolg in Deutschland schwer abschätzen konnte? Die Tradition der Kriegsberichterstattung ist hier ja nicht so groß wie etwa in Frankreich oder den USA. In diesem Fall hat es, denk ich, auch viel mit der Schnelligkeit zu tun gehabt. Am Anfang dachten ja alle, dass sich die Lage in Syrien schnell zu der ein oder anderen Seite hin entwickeln würde. Und wer hätte dieses eher journalistische Kriegstagebuch dann noch gelesen? (Also wenn der Bürgerkrieg schon vorbei gewesen wäre.)
    Gerade bei diesem eBook empfinde ich im Nachhinein allerdings den Preisunterschied beinahe als Beleidigung: 15€ digital, 19€ gedruckt. Also auch bei Hanser Berlin läuft das Spiel nicht anders als bei dem von dir genannten Eichborn-Buch.
    Jedenfalls bin ich wie du ein Verfechter des Nebeneinander. Bestimmte Bücher kaufe ich nach wie vor gedruckt -- wie ich auch einige Musik als CD oder sogar Schallplatte kaufe. Aber eben nur die Sachen, die ich wirklich -- und anhaltend -- gut finde. Der Rest kann meinetwegen in der Cloud bleiben.

    PS: Winnetou I-IV gibt es für 1,80€ -- das würd ich gern mal wieder lesen :)

  • 13. Januar 2013 um 16:53
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    Peter, ich glaube, wir werden da langsam immer mehr. ;)

    Zum Thema E-book-Preise: Ich wollte „Life of Pi“ / „Schiffbruch mit Tiger“ lesen, bevor ich ins Kino gehe und mir den Film ansehe und habe dabei wieder einmal festgestellt, dass es gut ist, Englisch zu können. Die Ausgabe kostet ca. 6 EUR, auf Deutsch sind es ca. 10 EUR. Gut, jetzt könnte man argumentieren, dass man noch eine/n Übersetzer/in bezahlen muss… Leider funktioniert das Argument bei Timur Vermes nicht. Der schreibt ja auf deutsch.

    Das Taschenbuch „Schiffbruch mit Tiger“ kostet übrigens genauso viel wie das E-book. So wird das nichts…

  • 13. Januar 2013 um 22:39
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    Vielen Dank für die Links!

    Patricia, ich stimme deinem Blogeintrag voll und ganz zu. Und du hast den sogar schon 2011 geschrieben. Da bin ich noch nicht Eisenbahn gefahren… :)

  • 14. Januar 2013 um 11:42
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    Stanza allerdings scheint nur auf i-Geräten zu funktionieren… Da habe ich leider keins von.

  • 14. Januar 2013 um 15:30
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    Es gibt durchaus Gründe für die hohen E-Book-Preise. Herstellungskosten braucht’s und die eBooks müssen auch irgendwie zu den Verkaufskanälen, also braucht man Distributoren und Vertriebler. Das Papier ist doch das billigste am Buch. Ob alle Argumente stimmen, mag ich nicht nachrechnen. Aber zumindest müssen 19% Mehrwertsteuer bezahlt werden, statt nur 7%.

  • 14. Januar 2013 um 17:06
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    Danke für den Tipp mit stanza, das schaue ich mir mal an…

  • 14. Januar 2013 um 17:20
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    Interessant, Eike. Ich glaube E-Book-Preise, bzw. Herstellungskosten verlangen fast einen eigenen Blogeintrag, oder?

  • 20. Januar 2013 um 17:08
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    Nicht ganz zum eigentlichen Thema passend:

    Die Print-Ausgabe von Timur Vermes „Er ist wieder da“ kostet sprechende 19,33 Euro (welch Zahlenspiel!)!

    Und: Höre es lieber als Hörbuch! Christoph Maria Herbst lässt den Text auf großartige Weise lebendig werden…und ist klanglich einfach verdammt nahe dran am Original von 1933! Herrlich amüsant mit absolutem Mehr-Wert gegenüber dem Selbst-Lesen!

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