„Neben der Spur“ – Die ‚Bibliothek der Entdeckungen‘ begibt sich auf die Suche nach den hierzulande unbekannten Schätzen der Weltliteratur

Die Bibliothek der Entdeckungen auf der Leipziger Buchmesse 2010 (c) Dennis Grabowsky


Litaffin sprach mit Joanna Hengstenberg vom Mitteldeutschen Verlag über die ‚Bibliothek der Entdeckungen‘, 500 verrückte Liebhaber und spannende Fische.

Der Mitteldeutsche Verlag aus Halle/Saale leistet sich seit vier Jahren den Luxus, deutsche Erstausgaben von Entdeckungen aus der Weltliteratur in bibliophiler Ausstattung zu veröffentlichen. Mit Erfolg: Gleich der erste Band, Erzählungen des Inders Sohrab Homi Fracis, wurde als „Eines der schönsten Bücher 2006“ von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet. Es folgten die Romane „Der Doppelgänger oder Meine Abende in Kleinrussland“ von Antonij Pogorelskij aus dem Russischen und „Die Ankunft des Joachim Stiller“ (Rezension auf Litaffin) von Hubert Lampo aus dem Flämischen sowie der Erzählband „Der pensionierte General“ des vietnamesischen Autors Nguyen Huy Thiep. Allen Bänden gemein ist die Verbindung aus anspruchsvoller Literatur mit liebevoller Buchgestaltung. In diesem Frühjahr erschien schließlich der ebenso erzählerisch ambitionierte wie stilistisch beeindruckende Sibyllen-Roman „All der Sand am Meer“ des 2005 verstorbenen Dichters Max Roqueta. Damit führt die Reihe ihre Leser erneut auf Neuland: Roqueta gehörte zu den bedeutendsten Schriftstellern okzitanischer Sprache.

Litaffin: Frau Hengstenberg, helfen Sie uns auf die Sprünge: Wo liegt Okzitanien eigentlich?

Hengstenberg: Im Süden Frankreichs. Okzitanisch wird aber auch in Randgebieten Italiens und Spaniens gesprochen.

Litaffin: Wussten Sie das schon vor der Beschäftigung mit Max Roqueta – und auch, dass es dort eine eigenständige Literatursprache gibt?

Hengstenberg: Man hatte eine Ahnung, aber wirklich klar wurde dies erst durch den Kontakt mit dem Übersetzer Fritz Peter Kirsch. Die „Bibliothek der Entdeckungen“ erweitert also ganz nebenbei auch unseren eigenen Horizont.

Litaffin: Okzitanien und Vietnam, Flämisch-Belgien und die indische Diaspora in Amerika, die Bibliothek der Entdeckungen führt in nicht nur literarisch bislang eher unbekannte Gefilde. Welche Idee steckt hinter dieser so breiten Anlage der Reihe?

Hengstenberg: Entdeckungen macht man abseits der großen Straßen; außerdem sind wir schlichtweg neugierig auf „kleine“ Sprachen oder eben solche, die hierzulande literarisch unterrepräsentiert sind. Die Idee: Wir geben heraus, was uns interessant und wichtig erscheint – und hoffen auf 500 ebenso verrückte Liebhaber.

Litaffin: Was war zuerst da: Das Vorhaben, die Erzählungen Sohrab Homi Fracis‘ zu übersetzen und zu veröffentlichen oder die Idee einer bibliophilen Reihe deutscher Erstausgaben hierzulande bislang unbekannter Werke der Weltliteratur?

Hengstenberg: Ein befreundeter Übersetzer trug die Erzählungen an uns heran, woraufhin wir eine neue Form suchten, da der Mitteldeutsche Verlag eigentlich keine Übersetzungen im Programm hat. Zusammen mit dem Buchgestalter Helmut Stabe machten wir dann die Sache rund.

Litaffin: Wie finden Sie in einer Welt ohne Geheimnisse noch die geheimen Schätze fremdsprachiger Literaturen?

Hengstenberg: Wir müssen nicht mehr suchen: Durch den „Wurm“ der veröffentlichten Bände kommen die spannenden Fische inzwischen automatisch an unsere Angel.

Litaffin: Spielt bei der Wahl der Werke auch eine Rolle, dass es – wie etwa bei Roqueta – finanzielle Unterstützung aus Übersetzungs-, Literatur- und Sprachförderfonds zu erhalten gibt?

Hengstenberg: An erster Stelle kommt der Inhalt, dann suchen wir gegebenenfalls eine Förderung. Wenn wir eine finden, ist dies jedenfalls kein Hindernis!

Litaffin: Warum, glauben Sie, war der in Belgien bekannte und vielgelesene Autor Hubert Lampo in Deutschland unbekannt geblieben? Wie kam es dazu, dass der Mitteldeutsche Verlag und nicht wie angekündigt Suhrkamp „Die Ankunft des Joachim Stiller“ herausbringen konnte?

Hengstenberg: Suhrkamp sah keine Erfolgschance und wollte das finanzielle Risiko derzeit nicht eingehen – die Übersetzung war aber schon durch den Auftraggeber abgegolten. Die Gewinner waren letztlich wir. „Die Ankunft des Joachim Stiller“ ist ein sehr ambitionierter Roman, der etwas aus unserer Zeit fällt und gerade deshalb ein Gewinn ist.

Litaffin: Jeder Band wird mit Fotos oder Zeichnungen eines Künstlers ausgestattet. Welcher Gedanke steckt dahinter? Warum die bibliophile Ausstattung, wenn es doch die „Aufgabe“ der Reihe sein könnte, Unbekanntes bekannt zu machen?

Hengstenberg: Der Buchgestalter Helmut Stabe wollte die ungewöhnlichen Texte mit der mittlerweile wieder in die Defensive geratenen Kunst im Buch verbinden. Uns gefiel das: Sowohl Form als auch Inhalt sind antizyklisch und machen das Buch zum Ereignis.

Litaffin: Welche Entdeckungen warten noch auf ihre deutschen Leserinnen und Leser?

Hengstenberg: Die nächsten beiden Bände präsentieren neue Literatur aus Vietnam und einen englischen Klassiker aus der Edwardianischen Epoche. Wir bleiben also neben der Spur.


Das Gespräch führte Dennis Grabowsky.

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